In Rom treffen sich in diesen Tagen die Chefs der nationalen Bischofskonferenzen, Vertreter von Ostkirchen und Ordensgemeinschaften mit Mitgliedern der Kurie und dem Papst, um über den weltumspannenden Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche zu beraten.

Sarah Kardes hat in ihrer Jugend selbst Missbrauchserfahrungen mit katholischen Geistlichen gemacht. Hier berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Versuch der Kirche in Deutschland, den Missbrauch aufzuarbeiten. Sie schreibt unter einem Pseudonym – ihr echter Name ist der Redaktion bekannt.

Im Herbst 2018 fand die groß angelegte Missbrauchsforschung der katholischen Kirche in Deutschland ihren Abschluss. Als Betroffene war ich gespannt, welche notwendigen innerkirchlichen Veränderungen den beschämenden Ergebnissen folgen würden. Was ich bis heute hauptsächlich wahrnehme, ist, dass mit dem Finger weiterhin auf die Täter gezeigt wird und Rom wenig gewillt scheint, den Finger auf das dringend veränderungsbedürftige kirchliche System zu richten.

So wie der Odenwaldschule nachgesagt wird, dass einige Vertreter der Schule in der Aufarbeitung des Missbrauchs an dem schwerwiegenden Fehler scheiterten, die Interessen ihrer Institution über die Interessen von Kindern und Jugendlichen zu stellen (DIE ZEIT 17. Januar 2019: Schule der Gewalt), so wird die katholische Kirche scheitern, wenn sie meint, mit dem Abschluss einer teuren Missbrauchsforschung könne ein Deckel auf das Missbrauchsthema gesetzt werden, und wenn sie meint, es müsse mit dem Thema nun endgültig Ruhe sein. Ist das System katholische Kirche durch die Forschung viel weiter gekommen? Ich bezweifle es. Die Resultate der Forscher können im sogenannten Aufarbeitungsprozess ein wichtiges Puzzleteil sein – nicht mehr. Veränderungen sind damit noch lange nicht vollzogen.

Direkte Kommunikation wird verweigert

In der Missbrauchsaufarbeitung liegen die Systemfehler der Kirche weiterhin im unguten Umgang mit der Macht, in der Selbstüberhöhung, in der Arroganz, im Absolutheitsanspruch, in der Verweigerung von Schutz. Was schützt, müssen diejenigen definieren dürfen, die Schutz brauchen. Die Kirche aber sichert sich lediglich ab – auf Kosten der vom Missbrauch Betroffenen.

Betroffene beschreiben den Umgang kirchlicher Obrigkeiten mit ihnen in diesem Aufarbeitungsprozess als beklagenswert bis untragbar. Seelsorgliche Gespräche mit Hierarchiegefälle sind hier nicht angesagt. Direkte Kommunikation auf Augenhöhe mit Betroffenen wird verweigert, auf Gesprächsanfragen wird geschwiegen. "Nicht zuständig" heißt es, sofern man überhaupt eine Antwort bekommt. Räume für persönliche Begegnung sind rar und Glückssache.

Betroffene fühlen sich eingesperrt im "Schweigen-Müssen". Sie wollen Anliegen an zuständigen Stellen vorbringen. Dies wird ignoriert, abgewehrt, verhindert. Frauen scheint es hier besonders hart zu treffen. Bei den von der Kirche angebotenen Kontaktformen, beispielsweise dem Fragebogen mit dem Titel Zur Anerkennung des Leides… wird zu wenig Schutz gewährt. Es wird nicht aufgezeigt, wer und wie viele Personen diese Berichte mit den intimen Inhalten lesen werden. Der Datenschutz ist nicht klar. Werden Betroffene hier nochmals ausgezogen? Nicht unbegründet haben sie Angst davor, dass öffentlich wird, was sie in angeblich geschützten Räumen äußern.

Die Forschung bewirkte keine sichtbare Veränderung im Verhältnis zwischen der Amtskirche und den Betroffenen. In der Art und Weise wie Kontakt zwischen Vertretern der Kirche und Betroffenen gestaltet wird, liegt jedoch – so die Sichtweise und Erfahrung von Betroffenen – der wichtigste und eigentliche Schlüssel zur Lösung von schier Unlösbarem.

Die kirchlichen Abwehrmechanismen bleiben

Wie das gehen soll? Man kann nachfragen – zum Beispiel bei den Orden der Jesuiten und Benediktiner. Dort werden gute Ansätze verfolgt. Beispielsweise kann die Pflege von Kontakten, aus denen freundschaftliche Beziehungen werden können, Lösung bringen. Im Gegensatz dazu führt die häufig von Klerikern geäußerte Meinung, man darf auf Betroffene wegen der Gefahr von Retraumatisierung nicht zugehen, nicht weiter und ist falsch. Die Art und Weise des Aufeinander-Zugehens und die Art, wie Beziehungen gestaltet werden, ist entscheidend. Mit der Überweisung eines Geldbetrages (das sogenannte Anerkennungsgeld) ist eben nicht alles erledigt.

Die Frage ist also: Nahmen die Forscher gebührend die Erfordernisse der Gegenwart wie die Kontaktgestaltung der Beziehungen zwischen Kirche, Orden und Betroffenen in den Blick?

Ein weiteres zentrales Problem der kirchlichen Obrigkeit äußert sich in der Fokussierung auf die Übeltäter, die systemische Aspekte außer Acht lässt. Zu einseitig ist es, vorwiegend bei "den Tätern" die Ursache der derzeitigen kirchlichen Misere zu sehen und die den Missbrauch begünstigenden Elemente des Gesamtsystems außen vor zu lassen. Der gute Wille zu angemessenen Lösungen ist vermutlich bei vielen Würdenträgern gegeben, jedoch schlichtweg von Zwiespalt und Inkompetenz überlagert. Auch diese Unfähigkeit hat das System mit zu verantworten. Der gute Wille und das Handeln Einzelner allein reichen nicht aus. Das kirchliche System bedarf einer grundlegenden Veränderung, wenn es weiterhin den Anspruch erhebt, zur Realisierung des Christentums beitragen zu wollen.

Der Missbrauch wirkt bis in die viel zitierte Aufarbeitung hinein. Die kirchlichen Mechanismen der Abwehr sind geblieben. Ein Großteil der Mächtigen der kirchlichen Institution schirmen sich ab und ducken sich weg. Das System katholische Kirche ist krank. Doppelbödigkeit und Verlogenheit haben sich etabliert. Der Missbrauch seiner Mitarbeiter – vielleicht sogar in einem mehrdeutigen Sinne – ist ein Symptom. Die Wucht der Wut trifft nun die Täter. Was aber wird für die Gesundung des Systems getan?