Der wegen Terrorvorwürfen in der Türkei angeklagte Kölner Journalist und Sozialarbeiter Adil Demirci kommt nach rund zehn Monaten in Untersuchungshaft frei. Das hat ein Gericht in Istanbul entschieden. Der 33-Jährige darf die Türkei jedoch für die weitere Dauer des Verfahrens nicht verlassen. Er saß seit April vergangenen Jahres wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation in Haft. Der Prozess soll am 30. April weitergehen.

Aus Deutschland angereiste Prozessbeobachter reagierten mit Erleichterung. Im Saal saßen neben Generalkonsul Michael Reiffenstuel unter anderem der SPD-Abgeordnete Rolf Mützenich, der Kölner Linke-Politiker Jörg Detjen sowie der Schriftsteller und Journalist Günter Wallraff. Wallraff sagte, die Freilassung sei noch kein Urteil und keine Entwarnung. Das Gericht gewinne zunächst Zeit bis zu einer endgültigen Entscheidung. Es sei aber gut, dass Demirci erst einmal auf freiem Fuß sei.

Demirci, der den Gerichtsakten zufolge sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsangehörigkeit besitzt, war im April 2018 während des Urlaubs in Istanbul festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem Mitgliedschaft in der linksextremen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei vor. Die MLKP gilt in der Türkei als Terrororganisation. Demirci soll in den Jahren 2013, 2014 und 2015 an Beerdigungen von Mitgliedern der Partei teilgenommen haben, die bei Polizeirazzien in Istanbul und im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien getötet worden waren.

Demirci bestätigte zwar beim Prozessauftakt am 20. November 2018 die Teilnahme an Beerdigungen von Kämpfern gegen die IS-Miliz, bestritt aber eine Mitgliedschaft in einer Terrororganisation.

47 Deutsche weiter in der Türkei in Haft

Mit Demircis Freilassung aus der U-Haft sinkt die Zahl zumindest der öffentlich bekannten Fälle von Deutschen, die wegen Terrorvorwürfen oder aus "politischen Gründen" in der Türkei inhaftiert sind, auf drei. Mitte 2018 waren es sieben. Zuletzt durfte Anfang Januar der Hamburger Dennis E. nach Deutschland ausreisen.

Wegen Terrorvorwürfen sind nun noch Patrick K. aus Gießen und eine Kölner Sängerin mit dem Künstlernamen Hozan Canê in Haft. Die beiden waren Ende 2018 zu Gefängnisstrafen von mehr als sechs Jahren verurteilt worden. Außerdem sitzt wegen ähnlicher Vorwürfe weiter der 74 Jahre alte Autor, Jurist und ehemalige Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes MIT, Enver Altayli, in U-Haft. In seinem Fall gibt es auch nach rund eineinhalb Jahren noch keine Anklageschrift.

Das Auswärtige Amt hat die bisher gültige Zählweise von aus "politischen Gründen" inhaftierten Deutschen jüngst aufgehoben. Derzeit seien insgesamt 47 deutsche Staatsangehörige in der Türkei inhaftiert, hieß es aus dem Ministerium. Nicht in allen Fällen sei eine Einordnung in politisch und nichtpolitisch eindeutig möglich. Das betreffe insbesondere auch Verhaftungen wegen Äußerungen in den sozialen Medien. Unabhängig vom Grund der Inhaftierung bestünden in einigen Fällen erhebliche rechtsstaatliche oder humanitäre Bedenken.