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Es war ein kalter Donnerstagmorgen, und vom Nass der Wasserwerfer war der Boden auf dem Maidan matschig getreten. An vielen Stellen fehlten Pflastersteine, die die Aufständischen als Geschosse für ihre Katapulte benutzt hatten. Auf den Barrikaden brannten Autoreifen. Direkt dahinter warfen Demonstranten Molotowcocktails. Und immer wieder fielen Schüsse. Männer, die Gasmasken oder Motorradhelme über ihre Köpfe gestülpt hatten, trugen Verletzte durch das Stadtzentrum Kiews, dieser eigentlich wunderschönen europäischen Hauptstadt der Ukraine. Viele von ihnen brüllten vor Wut, andere flehten im Schmerz. Es roch nach Verbranntem an diesem 20. Februar 2014. Und überall knallte es.

Als er vor mir auf der Institutska-Straße am Rande des Maidans lag, war er 51 Jahre und 117 Tage alt. Sein gelbes Halstuch war über sein Gesicht gerutscht. Er bewegte sich nicht mehr. Und um ihn herum standen Männer, die ihn und sich anschrien.

Zwei von ihnen, die neben ihm niedergekniet waren, versuchten sein Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Einer presste heftig mit übereinandergelegten Händen auf seine Brust. Der andere drückte mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenlöcher zu, legte den Mund auf seinen und hauchte Luft hinein. Fünf-, sechsmal wiederholten sie den Versuch des Wiederbelebens. Vergebens.

Wie die beiden Sanitäter ihn bearbeiteten, wie er dort auf dem Boden lag, wie sich um ihn herum das Chaos weiter ausbreitete: Wer nie im Krieg war, kann schlecht beurteilen, ob diese Szene kriegsähnlich war. Nach etwa 20 Minuten hoben die beiden seinen Körper auf eine Spanplatte. Den Kopf bedeckten sie mit einem dreckigen Pullover. So trugen sie ihn weg, in eine provisorisch eingerichtete Leichenhalle in der Michaelskathedrale, etwa 700 Meter vom Maidan entfernt.

Das St. Michaelskloster ist nicht irgendeine Kirche: Riesenkuppel, vergoldete Dächer, hellblau strahlende Wände. Man muss sich diese Kathedrale vorstellen, etwa im Sommer 2012, als das Finale der Fußballeuropameisterschaft in Kiew ausgespielt wurde, als Touristen davor standen, Fotos knipsten, lachten, um danach mit Freunden oder der Familie in eines der unzähligen Restaurants am Maidan einzukehren. Am Nachmittag des 20. Februar 2014 lag hier eine Leiche neben der anderen. Auf das linke Bein eines Leichnams hatte jemand mit einem grünem Filzstift Namen und Geburtsdatum geschrieben: Andrij Saienko, 26.10.1962.

Wer ist das? Und was hat ihn auf den Maidan geführt? Vor der Leichenhalle am Michaelplatz beginnt vor fünf Jahren meine Suche nach dem, was das Leben von Andrij Stepanowitsch Saienko ausgemacht hat.