Vatikan-Konferenz - Papst Franziskus will gegen Missbrauch vorgehen In Rom haben sich Vertreter der katholischen Kirche für Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch ausgesprochen. Was aber konkret geschehen soll, sagte Papst Franziskus nicht. © Foto: Giuseppe Lami/dpa

Zum Abschluss eines viertägigen Gipfeltreffens im Vatikan zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche hat Papst Franziskus Missbrauch durch Geistliche als besonders problematisch bezeichnet. Im Bereich der Kirche sei dieser "noch schwerwiegender und skandalöser" als in anderen Bereichen der Gesellschaft, weil er "im Gegensatz zur moralischen Autorität" der Kirche und deren "ethischen Glaubwürdigkeit" stehe. Franziskus gebrauchte in seinem Schlusswort zu der Tagung starke Worte: Ein Priester, der Kinder missbrauche, werde "zu einem Werkzeug Satans", Kindesmissbrauch erinnere ihn an heidnische Menschenopfer. "Kein Missbrauch darf jemals mehr vertuscht werden, wie dies in der Vergangenheit üblich war", forderte er. Denn das Vertuschen fördere die Ausbreitung dieses Übels.

Die Kirche werde alles tun, um jeden Missbrauchstäter der Justiz zu übergeben, versicherte er. Dafür brauche es jedoch "einen Mentalitätswechsel". Franziskus betonte den Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Macht. In allen Einrichtungen der Kirche müsse wirksame Präventionsarbeit geleistet werden. An die Stelle einer Haltung, der es um die Verteidigung der Institution gehe, müsse den Opfern Vorrang gegeben werden.

Kardinal Marx sieht keinen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch

Franziskus' Rede war mit großem Interesse erwartet worden, nachdem unter anderem die Leiter der 114 Bischofskonferenzen der Welt für das Treffen in den Vatikan gekommen waren; darunter auch Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz. Das Treffen habe gezeigt, dass die weltweite Kirche gemeinsam gegen sexuellen Missbrauch vorgehen wolle, sagte Marx. Er wies aber den Vorwurf zurück, dass es einen Zusammenhang zwischen den Missbrauchsfällen und der Ehelosigkeit der Priester gebe. Das zeige auch eine von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebene Untersuchung. "Wir haben festgestellt und die Studie hat es bestätigt: Es gibt keinen direkten Zusammenhang", sagte der Münchner Kardinal. Es müsse dennoch die Diskussion darüber angeregt werden, wie die Lebensform des Priesters in der Zukunft aussehen solle.

Marx hatte sich bereits am Samstag mit mutmaßlichen Missbrauchsopfern getroffen. Weitere Missbrauchsopfer sprachen per Videobotschaft zu den Bischöfen. Bevor Franziskus redete, hatte der Erzbischof von Brisbane, Mark Coleridge, sich in einer Messe ebenfalls zum Thema geäußert. Er forderte die Kirche zu einer "kopernikanischen Revolution" auf, die darin bestehen müsse, dass "die missbrauchten Personen sich nicht um die Kirche drehen, sondern dass es die Kirche ist, die sich um sie dreht". Die Kirchenleute müssten sich in die Missbrauchsopfer hineinversetzen. 

Bischöfe entlassen und unter Arrest

Missbrauchsopfer reagierten teilweise empört auf die Rede von Papst Franziskus. Sie sei "der schamlose Versuch, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, ohne sich der Schuld und dem Versagen zu stellen und wirkliche Veränderung anzugehen", twitterte Matthias Katsch vom deutschen Opferschutzverband Eckiger Tisch. Der Papst nenne keine konkreten Maßnahmen, wie er Missbrauch in Zukunft verhindern will. Kirchenrechtler Thomas Schüller, Direktor am Institut für Kanonisches Recht an der Universität Münster, nannte die Rede ein "routiniertes […] Abspulen von Selbstverständlichkeiten". Franziskus habe das Problem der Kirche relativiert, indem er Missbrauch als gesamtgesellschaftliches Phänomen dargestellt habe. Er werde nicht als Reformpapst, sondern als Bewahrer erinnert werden.

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) forderte die katholische Kirche im Gespräch mit der Funke Mediengruppe zur Zusammenarbeit mit der Justiz auf: "Missbrauchstaten sind von Strafgerichten zu beurteilen", sagte die SPD-Politikerin, "unsere Strafprozessordnung kennt keine Geheimarchive." Bereits am Samstag hatte auch der deutsche Kardinal Reinhard Marx zu mehr Transparenz gemahnt: "Akten, die die furchtbaren Taten dokumentieren und Verantwortliche hätten nennen können, wurden vernichtet oder gar nicht erst erstellt." Er sehe keinen zwingenden Grund, bei kirchlichen Prozessen gegen Missbrauchstäter am Päpstlichen Geheimnis festzuhalten. Als Päpstliches Geheimnis werden strenge Geheimhaltungsnormen für bestimmte Rechts- und Verwaltungsvorgänge in der katholischen Kirche bezeichnet. Ihre Verletzung steht unter Strafe.

Der Gipfel folgt auf eine Reihe ernster Entwicklungen in der katholischen Kirche. So war der frühere Erzbischof von Washington und Kardinal Theodore McCarrick erst vergangene Woche als Strafe für sexuellen Missbrauch an Minderjährigen und an Seminaristen von Papst Franziskus aus dem Stand der Geistlichen (der Kleriker) entlassen worden. Bistümer in den USA machen seit Monaten Listen von "glaubwürdig angeklagten" Priestern öffentlich. Im Mai vergangenen Jahres hatte fast die gesamte Bischofskonferenz von Chile ihren Rücktritt angeboten, nachdem klar wurde, dass der Bischof Juan Barros Madrid, den Franziskus zunächst in Schutz genommen hatte, Missbrauch in seiner Diözese vertuscht hatte. Am Ende entließ Franziskus sieben Bischöfe. Ebenfalls im vergangenen Jahr hatten indische Nonnen gegen den Bischof Franco Mulakkal demonstriert und dabei tagelang gehungert. Er habe, so der Vorwurf, eine Nonne 13-mal vergewaltigt. Inzwischen steht Mulakkal unter Arrest. Und dann gab es natürlich noch das – weiterhin nicht öffentliche – Gutachten über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland, über das DIE ZEIT exklusiv berichtete. Fast jeder zwanzigste Kleriker, steht dort, soll zwischen 1946 und 2014 Minderjährige sexuell missbraucht haben, womöglich gar mehr.