"Ich musste den Eltern sagen, dass ihre Kinder nicht wiederkommen"

Am 24. März 2015 zerschellte ein Airbus A320 von Germanwings auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen. Die Ermittler kamen zu dem Schluss, dass der Copilot Andreas Lubitz Flug 9525 absichtlich abstürzen ließ. Alle 150 Menschen an Bord starben.

Ulrich Wessel, Schulleiter des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern am See, wurde mit seiner Schule damals zum medialen Gesicht des Absturzes. 16 Schülerinnen und Schüler und zwei Lehrerinnen seiner Schule waren an Bord der Maschine gewesen. Das Gymnasium durchlebte das leidvollste Kapitel seiner Geschichte. Und Ulrich Wessel wurde zum Krisenmanager.

ZEIT ONLINE: Herr Wessel, "an unserer Schule wird nichts mehr so sein, wie es war". Das sagten Sie kurz nach dem Unglück. Inwiefern hat sich dieser Satz nach vier Jahren bewahrheitet?

Ulrich Wessel: Wir mussten lernen, mit der Katastrophe umzugehen. Wir sind eine Schule geworden, der das Gedenken wichtig ist und haben dafür viel Platz eingeräumt. Fünf Monate nach dem Absturz errichteten wir eine Gedenktafel, an der wir jeden Morgen vorbeigehen. Darauf befinden sich alle Namen der 16 Schülerinnen und Schüler und der zwei Lehrerinnen. Im Eingangsbereich hängen Bilder von ihnen. So ist das Unglück immer präsent. Neue Schülerinnen und Schüler führen wir durch das Gebäude und erklären ihnen, dass das Gedenken ein Teil unseres Schullebens ist.

Ulrich Wessel (60) leitet seit 2009 das Gymnasium in Haltern. Für seine "außergewöhnliche Trauerarbeit" verlieh ihm der damalige Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz. Wessel sah es nicht als seinen alleinigen Verdienst an und nahm den Orden stellvertretend für Helfer aus der Stadt Haltern entgegen. © Joseph-König-Gymnasium

Ich habe damals aber auch einen zweiten Satz gesagt: Die Schüler haben das Recht auf eine Schulzeit mit ausgelassenen Klassenreisen, mit Karnevalsfeiern und Abschlussfahrten. Wir haben neben der Gedenktafel Bänke für die Pausen aufgestellt. Heute sitzen überall Kinder, sie lachen und scherzen. Und das sollen sie auch.

ZEIT ONLINE: Wie erinnern Sie sich an den Tag des Absturzes? 

Wessel: Ich nahm gerade an einer Besprechung mit anderen Schulleitern teil, als ich um 11.45 Uhr eine WhatsApp-Nachricht bekam. Ich sollte dringend in der Schule anrufen. Ein Flugzeug sei abgestürzt, erfuhr ich am Telefon. In der Tagungsstätte, wo ich gerade war, suchte ich einen Computer und bat eine Sekretärin, die Worte Flugzeugabsturz und Germanwings einzugeben. Ich zitterte. Ich war zu nervös, das selbst zu tun. "Flugzeug auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf abgestürzt", las sie vor und öffnete den Flugplan von Germanwings – es gab nur zwei Flüge auf dieser Route. Die andere Maschine wäre abends gestartet. Es musste also das Flugzeug mit unseren Schülerinnen und Schülern sein.

ZEIT ONLINE: War Ihnen das Ausmaß der Katastrophe schon bewusst?

Wessel: Zu dem Zeitpunkt wollte ich noch nicht daran glauben und hoffte auf ein Missverständnis. Ich fuhr direkt nach Haltern, weil ich vor den Eltern in der Schule sein wollte. Ich rief meine Frau an. Heute komme ich nicht nach Hause, sagte ich ihr.

ZEIT ONLINE: Wie verschafften Sie sich Gewissheit?

Wessel: Meine Stellvertreterin und ich riefen zusammen am Flughafen und bei einer Hotline des Auswärtigen Amtes an. Nach mehreren Versuchen meldete sich ein Beamter des Bundesgrenzschutzes. Er konnte nicht weiterhelfen, weil ihm keine Passagierliste vorlag, versprach aber, sich zu kümmern. Um 13.45 Uhr rief mich Hannelore Kraft an, die damalige Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens. Sie bestätigte, was ich nicht glauben wollte: Alle 18 waren an Bord gewesen. Keine Überlebenden.

"Ich fühlte mich wie der hilfloseste Mensch Deutschlands"

ZEIT ONLINE: Und dann mussten Sie die Nachricht den Eltern überbringen.

Wessel: Das schwerste Gespräch meines Lebens stand mir bevor. Aber ich bin nicht panisch geworden, in diesen Momenten funktionierst du nur. Die Situation ließ noch keinen Platz für Trauer. Ich ging zu den Eltern, die von Kollegen in einem Klassenraum betreut wurden. Ihnen muss die hoffnungslose Lage bewusst gewesen sein, sie hatten weder einen Anruf noch eine Nachricht von ihren Kindern erhalten. Aber bis zu meinem Erscheinen hofften sie auf einen großen Irrtum.

Ich sagte ihnen dann, dass keines ihrer Kinder überlebt hat. Diese Momente zu erleben, das wünsche ich niemandem. Das Entsetzen war unvorstellbar. Manche trauerten stumm oder weinten, andere schrien. An diese Momente habe ich schlimme Erinnerungen. Noch heute wühlt es mich auf, daran zu denken. Es ist fürchterlich, Eltern zu sagen, dass ihre Kinder nicht wiederkommen.

ZEIT ONLINE: Wie ging der Tag für Sie weiter?

Wessel: Um 23.30 Uhr verließ ich eine menschenleere Schule und fuhr nach Hause. Ich fühlte mich wie der hilfloseste Mensch Deutschlands. Ein verunglücktes Flugzeug ­– aber was war passiert? Ich schaute einen Brennpunkt in der Mediathek. Danach legte ich mich angezogen auf mein Bett, war fassungslos. Um 1.30 Uhr fuhr ich erneut zur Schule. Ich werde gebraucht, redete ich mir ein. Auch wenn dort niemand mehr war.

ZEIT ONLINE: Wann konnten Sie das Ereignis realisieren?

Wessel: Am Donnerstag, zwei Tage nach dem Absturz, schaute ich um drei Uhr morgens in der Küche in die Zeitung und sah die ganzseitige Traueranzeige unserer Schule mit allen 18 Namen. Ich sank über der Zeitung zusammen und weinte.

ZEIT ONLINE: Sahen Sie es als Ihre Aufgabe, Kollegen, Schüler und Eltern bei der Trauer zu begleiten?

Wessel: So habe ich es gesehen. Ich bin nur deshalb nicht daran zerbrochen, weil ich eine Frau habe, die mich stets unterstützt hat. Mit ihr konnte ich stundenlang reden. Als Alleinstehender wäre ich in den Tagen zugrunde gegangen. Ich sagte irgendwann: "Birgit, wir haben demnächst 18 Beerdigungen, gehst du bei einigen mit?" Sie hat mich bei allen begleitet.

Und mit jeder Beerdigung fiel es mir schwerer. Nach der 18. Trauerfeier sagte mir jemand, ich sei um zehn Jahre gealtert.

Ich habe mir keinen Psychologen gesucht, sondern mich auf meine Frau verlassen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie selbst Hilfe in Anspruch genommen?

Wessel: In den Tagen nach dem Absturz bekam ich zwar einige Gesprächsangebote, lehnte aber ab. Ich habe mir keinen Psychologen gesucht, sondern mich auf meine Frau verlassen.

ZEIT ONLINE: Sie traten als Krisenmanager auf.

Wessel: In dem Augenblick mussten wir das Fürchterliche annehmen und versuchen, Schülern und Eltern beizustehen. Alle Schulen besaßen damals schon einen Krisenordner vom Schulministerium, der für Notfälle gedacht ist. Darin befanden sich zum Beispiel Vorlagen für Traueranzeigen, wenn ein Schüler sich umgebracht hat. Aber auf ein Ereignis dieser Größenordnung war niemand vorbereitet.

ZEIT ONLINE: Das Unglück geschah drei Tage vor den Osterferien. Warum haben Sie die Schule nicht geschlossen?

Wessel: Wir mussten den Schülerinnen und Schülern einen Ort für die Trauer bieten. Ich hätte es nicht ausgehalten, sie mit ihrem Kummer alleinzulassen, weil vielleicht beide Eltern berufstätig sind. Schon vor dem Anruf von Ministerpräsidentin Kraft kontaktierte ich zwei Seelsorger. Am Tag nach dem Absturz stand uns ein schulpsychologisches Krisenteam mit 30 oder 40 Psychologen und Seelsorgern zur Seite. Kein einziger Lehrer und keine Lehrerin mussten alleine vor die Klasse treten. Die Kinder und Jugendlichen haben zum Beispiel Bilder gemalt und Briefe geschrieben. Ich denke, das alles war hilfreich.

"Vielleicht hätte ich weniger in der Öffentlichkeit stehen sollen"

ZEIT ONLINE: Es wollten damals mehr Jugendliche mitfliegen, als dabei sein durften.

Wessel: Deshalb losten wir die Plätze aus. Diejenigen, die eine Niete erhielten, mussten später erfahren, dass sie das große Glück gezogen haben. Es gab auch Schüler, die sind vor dem Austausch zurückgetreten. Dafür rückten andere nach. Diejenigen, die in Deutschland geblieben waren, haben anschließend sehr darunter gelitten. Viele haben sich psychologisch behandeln lassen.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Angehörigen auf Sie geblickt?

Wessel: Mich haben die Eltern, glaube ich zumindest, später als Teil ihrer Gruppe akzeptiert, wenn auch mit anderer Rolle. Ich kam mir jedenfalls nicht vor wie ein Fremdkörper. Zu vielen Eltern habe ich noch heute Kontakt, schon allein, weil wir acht Geschwisterkinder der Familien bei uns an der Schule haben. Im letzten Jahr habe ich sie nach Le Vernet zur Absturzstelle begleitet.

ZEIT ONLINE: Denken Sie heute, Sie hätten damals etwas besser machen können?

Wessel: Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht hätte ich weniger in der Öffentlichkeit stehen sollen. Meine Frau riet mir immer zur Vorsicht, weil man sich sonst irgendwann dabei gefällt, zu reden. Ich hielt es aber für wichtig, zu informieren. Wenn heute anderswo ein Unglück geschieht, möchte ich davon auch erfahren. Nicht aus Neugierde, sondern aus Betroffenheit.

ZEIT ONLINE: Es gab anonyme Anrufe bei Ihren Schülerinnen und Schülern und unlautere Kontaktangebote.

Es war für die Schülerinnen und Schüler beängstigend, an einem Spalier von Fernsehkameras vorbeizulaufen.

Wessel: Manchen Kindern soll sogar Geld angeboten worden sein für Bilder aus dem Innenleben der Schule. Einige Journalisten schreckten nicht einmal davor zurück, an den Haustüren zu klingeln. Das waren aber eher Medienvertreter aus anderen Ländern. Ansonsten habe ich positive Erfahrungen mit den Journalisten gemacht. Fast alle haben die vereinbarten Regeln eingehalten und sich aus der Schule herausgehalten. Trotzdem war es für die Schülerinnen und Schüler beängstigend, an einem Spalier von Fernsehkameras vorbeizulaufen. Wir haben ihnen geraten, andere Eingänge zu nutzen.

Außerdem habe ich immer gesagt: Es gibt 149 Opfer, die 131 anderen Verstorbenen außerhalb Halterns dürfen auch nicht vergessen werden.

ZEIT ONLINE: Wie begehen Sie den Gedenktag des Absturzes?

Wessel: Auf unserem Schulhof pflanzten wir 18 japanische Kirschbäume, die in der japanischen Mythologie eng mit der Vorstellung von Aufbruch, Vergänglichkeit, aber auch wiederkehrendem Leben verbunden sind. Wir werden am Montag mit allen 1.100 Schülern und 100 Lehrern dort auf dem Schulhof trauern, uns an der Gedenktafel versammeln und die Namen aller Schülerinnen und Schüler vorlesen. Der Bürgermeister und ich sowie Vertreter der Kirchen werden einige Worte sagen.

Ein Kollege fragte mich einmal, ob wir die Bilder der Verstorbenen wirklich dorthin hängen sollen, wo man ständig entlanggeht. Ja, sagte ich, sie werden immer zu uns gehören.