Deutschlands Bischöfe sind radikal unterwegs – in der Wahl ihrer Worte: Die Kirche brauche "eine Reinigung", sagt etwa der Münchener Kardinal Reinhard Marx, der auch Chef der Deutsche Bischofskonferenz ist. Er sieht die Katholiken an einer "neuen Epochenschwelle". Eine Kirche "ohne Doppelmoral" wünscht sich sein Osnabrücker Amtskollege. Womit er ja eingesteht, dass es die doppelte Moral durchaus gibt. Die Kirche müsse sich neu erfinden, sagte vor Kurzem der Limburger Bischof.

Was die deutschen Bischöfe auch bei ihrem Frühjahrstreffen im niedersächsischen Lingen predigten, ist drastisch – und passt zu den vergangenen Monaten: In ihren Worten erfassen die vordersten Vertreter durchaus die Krisenstimmung in ihrer Kirche, verursacht durch den Missbrauchsskandal. Doch immer dann, wenn nicht gepredigt, sondern beschlossen werden sollte, war es bisher mit der Radikalität schnell vorbei: Der Rhetorik folgte dann wenig Konkretes.

Wenn aber die Bischöfe ernst meinen, was sie am heutigen Donnerstag einstimmig verabredet haben, dann könnte Lingen so etwas wie ein Wendepunkt in der katholischen Kirche sein. Wenn der vom Chef der Bischofskonferenz verkündete "synodale Weg" einer gemeinsamen Versammlung von kirchlichen Laien und Geistlichen tatsächlich gegangen wird, könnte sich so etwas wie die Demokratisierung der katholischen Kirche in Deutschland entwickeln.

Man kann das auch so lesen: Die Bischöfe, die es gewohnt sind, Entscheidungen allein oder im Kreis ihrer Kollegen zu treffen, teilen in höchster Not ihre Macht. Angesichts der Missbrauchskrise sollen nicht mehr nur Kleriker über die Zukunft ihrer Kirche entscheiden, sondern auch Gläubige ohne Rang und externe Experten. Meint es die Kirche diesmal ernst, dann würde aus dem Closed Shop ein Forum für Debatten über die heikelsten Fragen: über die Sexualmoral, über den Zölibat und über die Machtfülle des geistlichen Personals. Es sind jene spezifisch-katholischen Faktoren, die nach Einschätzung von Wissenschaftlern den tausendfachen sexuellen Missbrauch zumindest begünstigt haben.

Hart erkämpfter Erfolg

Kein Zufall, dass es genau die Fragen sind, über die Gläubige schon lange diskutieren, die die Bischöfe aber nicht gern ansprechen. Letztlich geht es um die Themen, die die katholische Morallehre vom Leben der allermeisten Katholiken (und wohl auch einiger Priester) unterscheiden. Die damit verbundene Hoffnung ist: Schon die vielen öffentlichen Debatten könnten den Veränderungsprozess in der behäbigen Kirche um viele Jahre beschleunigen.

Dass der Chef der deutschen Bischofskonferenz nun zu einer öffentlichen Debatte über diese früheren Psst-Themen einlädt, zeigt, wie sehr die Bischöfe unter Druck stehen, nachdem sie die Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal verschleppt haben – unter Verweis auf Rom und seine Entscheidungshoheit und andere müde Argumente.

Für Marx ist der Beschluss ein Erfolg, den er vor allem gegen seine konservativen Amtsbrüder hart erkämpfen musste. Der Münchner Kardinal hat damit den Katholiken, von denen nicht wenige gerade genervt ihren Kirchenaustritt erklären, ein unausgesprochenes Versprechen gegeben: Die Zeiten sind jetzt andere. Die Kirche kann sich verändern. Das weckt Erwartung – und Marx muss diese Zusage angesichts der vielen Kontroversen unter Deutschlands Bischöfen erst einmal einhalten.

Kleiner, als sie sind

Das wird nicht leicht, denn gerade über die Konsequenzen der Missbrauchskrise sind Deutschlands Bischöfe seit Monaten uneins. So hierarchisch die katholische Kirche oft wirkt – an der Spitze geht des deutschen Katholizismus geht es im Grunde anarchistisch zu: Die 67 Bischöfe und Weihbischöfe der Bischofskonferenz streiten und zerpflücken Pläne in langen Debatten. So wurde auch der Vorschlag einer Synode erst Anfang des Jahres noch genüsslich zerredet. Und Kardinal Marx ist auch als Vorsitzender meist nur der Moderator: In seinem Bistum ist jeder Bischof ein mächtiger Mann. Treffen sie sich aber zur Bischofskonferenz, machte sich zuletzt oft Ohnmacht breit, weil man sich nicht einigen konnte.

Gern verweisen die deutschen Kirchenmänner nach Rom, an Papst Franziskus: Über die wirklich zentralen Fragen könne man sowieso nicht entscheiden. Dabei machen sie sich kleiner, als sie sind. Ob das durch den nun beschlossenen "synodalen Weg" durchbrochen wird, müssen die Ergebnisse zeigen.

Dass etwa eine Abkehr von der strikten Pflicht zum Zölibat möglich ist, sagen sogar katholische Bischöfe. Der Mainzer Bistumschef Peter Kohlgraf zum Beispiel. Theologisch spreche nichts dagegen, wenn in Zukunft jede nationale Bischofskonferenz selbst darüber entscheiden könne, wie sie es mit der Ehelosigkeit ihrer Priester hält. Ja, Rom müsste das noch erlauben. Aber die deutsche katholische Kirche könnte sich darauf vorbereiten. Sie könnte Druck machen.