"Im August 2018 geht Greta Thunberg in Stockholm zum ersten Mal auf die Straße, um fürs Klima zu streiken. Sie ist alleine. Vier Monate später machen ihr das Hunderte Schülerinnen und Schüler in Deutschland nach. Heute findet der erste globale Klimastreik statt. Hinter dem Protest stehen keine großen Organisationen, die Tausenden Jugendlichen haben sich über soziale Medien selbst organisiert. In über 100 Ländern gehen sie auf die Straßen; in Uganda gegen Plastik, in Neuseeland um CO2-neutral zu werden, in Deutschland für einen schnelleren Kohleausstieg und in Kolumbien für eine bessere Umweltbildung. Wir haben mit drei jungen Frauen über den Schulstreik und ihre Forderungen gesprochen.

"Einige sagen mir, dass ich meine Zeit verschwende, wenn ich streike"

Vanessa Nakate, 22 Jahre, Kampala, Uganda 

Ich habe zum ersten Mal am 13. Januar gestreikt. Das war zwar ein Sonntag, aber ich wollte nicht bis zum nächsten Freitag warten, als ich einmal die Idee hatte. Ein paar Wochen vorher habe ich mich mit meinem Onkel über das Klima unterhalten. Ich habe ihn gefragt, ob es vor 20 Jahren im Januar auch so heiß war. Heute regnet es kaum im Januar. Er hat erzählt, dass das früher anders war. Also habe ich recherchiert und herausgefunden, dass es den Klimawandel gibt. Auf Greta Thunberg bin ich über die Google-Suche gestoßen. Auf Twitter habe ich dann von Fridays for Future erfahren und beschlossen: Das mache ich auch!

Vanessa Nakate, 22 Jahre, Kampala, Uganda © privat

Bei meinem ersten Streik hatte ich ein handgemaltes Pappschild, mittlerweile habe ich mir ein besseres Schild drucken lassen. Das Geld habe ich von meinem Vater bekommen, dem ich bei der Arbeit helfe. Auf dem Schild steht "Bekämpft Plastik, Polyethylen und Verschmutzung". Ich fände es super, wenn die Regierung Plastiktüten verbieten würde. Es gibt zu viele davon. Die Leute, die sie benutzen, schmeißen sie einfach irgendwo weg. Aber sie sind nicht abbaubar. Sie belasten die Umwelt.

Viele Menschen wissen das gar nicht. Einige sagen mir, dass ich meine Zeit verschwende, wenn ich streike. Ich habe gerade meinen Bachelor in Betriebswirtschaft abgeschlossen. Jetzt denke ich darüber nach, meine eigene Organisation zu gründen. Ich will das Bewusstsein für den Klimawandel, seine Ursachen und Folgen stärken und darüber aufklären, was man tun kann.

Am Freitag werde ich vor dem Einkaufszentrum in Bugoloobi (Stadtviertel von Kampala) streiken. Da ist morgens immer Stau, also sehen mich viele Leute. Ein Freund von mir, Elton, wird dabei sein. Und hoffentlich noch ein anderer. Vielleicht werden wir zu viert sein. Auch in anderen Vierteln wird es Streiks geben. Eine Lehrerin von meiner alten Schule hat mir geschrieben und erzählt, dass sie mit ihrer Klasse demonstrieren will.

Ugandische Journalisten haben mich bisher nicht kontaktiert. Dafür schon welche aus Schweden, Spanien, Großbritannien und den USA.


"Was für ein unglaubliches Signal"

Molly Doyle, 17 Jahre, Wellington, Neuseeland

Als ich zum ersten Mal über Facebook auf Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Proteste in Europa aufmerksam geworden bin, war ich begeistert. Die sozialen Medien verbinden unsere Generation. Durch sie haben wir mitbekommen, dass in anderen Ländern junge Menschen fürs Klima auf die Straße gehen, und heute, ein paar Monate später, machen wir beim ersten weltweiten Klimastreik mit; was für ein unglaubliches Signal.

Vor drei Wochen entdeckte ich eine Facebook-Seite: Klimastreik Wellington. Ich wusste, da will ich mitmachen. Es war noch fast nichts organisiert, es gab nur die Idee. Also habe ich die Planung in die Hand genommen. In einem kleinen Team haben wir den Streik geplant, dafür Werbung gemacht und Banner gemalt.

Molly Doyle, 17 Jahre, Wellington, Neuseeland © privat

Heute werden wir zum ersten Mal auf die Straße gehen, werden vom Civic Square zum Parlament laufen und dort dem Klimaminister Fragen stellen. Auf Facebook sind über 2.500 Menschen interessiert. Insgesamt wird heute an 35 Orten in Neuseeland gestreikt, ich hoffe, wir werden mehr als Zehntausend. Erfolg hatten wir auf jeden Fall jetzt schon: Die Erwachsenen sind auf uns aufmerksam geworden, die Medien haben über uns berichtet, und ich konnte unsere Premierministerin treffen.

Sie kennt und unterstützt unsere Forderungen: die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen und bis 2050 CO2-neutral sein. Wir wollen eine nachhaltige Nation werden. Das wird Zeit brauchen und es wird sicherlich Einfluss auf unsere Wirtschaft haben – aber es ist überlebenswichtig.

Für diese Ziele setzt sich hier seit Jahren die Generation Zero ein. Eine Bewegung aus Tausenden jungen Neuseeländern, die – ähnlich wie Fridays for Future – Aktionen plant und auf die Straße geht. Bei einigen Aktionen war ich dabei. Es ist ein tolles Gefühl, Teil einer wachsenden Bewegung zu sein, zu merken, dass man mit seinen Forderungen nicht alleine ist und andere auf einen aufmerksam werden.

Neuseeland ist im Vergleich zu anderen Ländern Vorreiter, was den Klimaschutz angeht. Aber unsere Nachbarn im Pazifik gehen langsam unter. Wir müssen alle zusammen am Klimaschutz arbeiten.

Ob wir noch mal an einem Freitag streiken werden, weiß ich nicht. Einmal Schule schwänzen ist okay, aber es muss auch andere Wege geben. Auf jeden Fall haben wir schon einen neuen Termin bei unserer Premierministerin, bei dem wir überlegen werden, wie wir mehr Menschen dazu bringen können, sich für den Klimaschutz einzusetzen, ohne dass sie die Schule schwänzen müssen.

Fridays for Future - Klimaprotest statt Schule Unterstützt von Wissenschaftlern und Musikern streikten erneut Tausende junge Menschen für konsequenten Umweltschutz. In über 200 deutschen Städten wurde protestiert. © Foto: Carsten Koall


"Ihr Älteren habt uns den Schlamassel eingebrockt"

Emma Solivérès, zehn Jahre, Levens, Südfrankreich

Mir macht der Klimawandel jeden Tag Angst. Deswegen will ich diesen Freitag zum ersten Mal versuchen, meine Mitschüler und die Lehrer zum Streiken zu kriegen.

Emma Solivérès, zehn Jahre, Levens, Südfrankreich © privat

Ich  gehe in die sechste Klasse. Wir wohnen im Süden von Frankreich, in den Bergen. Unsere Nachbarn im Dorf haben mir erzählt, dass es früher hier jeden Winter eine Menge Schnee gab, bis in den März hätte man noch Schlitten fahren können. Diesen Winter haben wir nicht eine Flocke gesehen. Letzten Sommer war ich mit meinen Eltern in der Bretagne und auch da spürten wir den Klimawandel: Meine Mutter erkannte die Region nicht wieder. Es war trocken und heiß, früher mussten die Urlauber selbst im August Jacken anziehen, ständig nieselte es. Jetzt ist alles anders. Die Wälder haben gebrannt, so trocken war es. Das war richtig gruselig.

Bislang hat meine Schule noch nicht beim Klimastreik mitgemacht – wir haben ein strammes Programm mit Mathe, Französisch und Rechtschreibung, und einige kommen da nicht mit. Aber ich wünschte, wir würden hier im Dorf mal genauso aktiv werden wie Ihr in Deutschland, da sind viel mehr Menschen auf der Straße. In Paris waren es an den letzten Freitagen immerhin schon einige Hundert. Und diesmal werden es bestimmt Tausende.

Wir sprechen in der Schule viel zu wenig über unsere Umwelt. Selbst meine Freundinnen wissen nur wenig darüber. Eine hat sich mal lustig gemacht, weil ich meine Pullis zwei oder drei Tage lang trage. Dabei weiß doch jeder, dass ständiges Wäschewaschen Wasser und Energie kostet. Aber richtig am Zug müssten unsere Politiker sein, unser Präsident. Aber wenn ich sage, Emmanuel Macron wird Autos oder Flüge für den Klimaschutz verbieten, klingt das wie ein Witz, so unwahrscheinlich ist es. Dabei müsste er das machen, er hat doch die Macht. Aber ich glaube, er hat noch nichts Großes für das Klima getan. Deswegen müssen wir jetzt selbst um unsere Zukunft kämpfen. Dass wir uns als Schülerinnen und Schüler aufregen, wirkt schon: Unser Bildungsminister hat angekündigt, an diesem Freitag in den Abiturklassen über den Klimawandel zu diskutieren. Das ist nett, aber wir wollen nicht nur reden, wir wollen, dass die Regierung etwas tut. Denn wie wird unsere Zukunft aussehen?

Manchmal male ich mir das aus. Und denke: Falls ich Sängerin werde, kann ich trotzdem irgendwo in der Natur wohnen, wo es noch schön ist. In den Bergen vielleicht. Aber wenn ich als Putzfrau arbeite, muss ich sicherlich mitten in der Hitze und in schlechter Luft arbeiten. Solche Sorgen mussten sich meine Eltern nicht machen. Ihr Älteren habt uns den Schlamassel eingebrockt. Jetzt müsst Ihr uns auch wieder da raushelfen.

ZEIT Campus ONLINE chattet in den nächsten Tagen mit streikenden Studentinnen und Schülern aus der ganzen Welt.  Bei WhatsApp werden die Jugendlichen von dem Streik in ihren Ländern berichten und sich über ihre Wünsche für die Zukunft austauschen. Der Chat wird nächste Woche auf ZEIT Campus ONLINE veröffentlicht.