Ende März hat Waldemar Locke schweren Herzens einen Vertrag unterschrieben. Als Gemeindebürgermeister von Trebendorf blieb ihm nichts anderes übrig, aber als Bewohner des Ortsteils Mühlrose war er traurig.

An diesem Tag war der einzige Gasthof des Dorfs, der nur noch für besondere Anlässe öffnet, voll besetzt. Vorn standen Männer in dunklen Anzügen, Lokalpolitiker, der sächsische Ministerpräsident, die Chefs des Bergbauunternehmens Leag. Sie unterzeichneten einen Umsiedlungsvertrag, der die Zukunft des Dorfs regelt – beziehungsweise: Das Ende von Mühlrose besiegelt, denn unter dem Dorf liegen etwa 150 Millionen Tonnen Kohle.

Für das Bergbauunternehmen ist das ein Schatz von großem Interesse. Um ihn zu bergen, soll der Ort bis Ende 2024 umgesiedelt werden, mit seinen rund 200 Bewohnerinnen und Bewohnern und allem, was zu ihrem Dorf gehört, also mit Glockenturm, Kriegerdenkmal, Schwimmbad, Friedhof und dem Wildgehege mit weißen Hirschen.

Für Waldemar Locke war das "alles andere als eine entspannte Unterschrift, denn ich weiß, wie zerrissen das Dorf ist. Es wollen ja auch nicht alle am Grab von Mühlrose stehen". Einige Bewohner haben auf den Umsiedlungsvertrag mit Sekt angestoßen und die Aussicht gefeiert, bald Entschädigungszahlungen zu bekommen, ein paar Kilometer entfernt in neue Häuser zu ziehen, endlich Planungssicherheit zu haben. Aber andere warfen Locke vor: "Nun hast du unsere Heimat endgültig verkauft!"

Soll Mühlrose wirklich noch verschwinden?

Einige wunderten sich über den Anlass. Soll Mühlrose wirklich noch verschwinden, während die Politik längst das Ende der Kohle vorbereitet? Das Konzept der Kohlekommission sieht einen stufenweisen Ausstieg bis spätestens 2038 vor. Dem Bergbau mussten in den letzten hundert Jahren bereits 137 Lausitzer Dörfer ganz oder teilweise weichen. Wird Mühlrose nun als allerletzter Ort begraben?

Seit über 600 Jahren steht das Dorf in der Heidelandschaft. Heute umschließt es der Tagebau von drei Seiten. Auf Luftbildern sieht es aus, als ragte eine schmale Landzunge in das riesige Kohleloch. Das "schwarze Gold" der Kohle war hier schon immer Fluch und Segen; viele Bewohner haben Jobs, die an der Industrie hängen.

Wie zerrissen man in dieser Gegend lebt, weiß Waldemar Locke selbst am besten. Er ist ehrenamtlicher Bürgermeister, investiert viel Zeit in dieses Amt, oft sogar seinen Urlaub. Locke ist 56, CDU-Mitglied, gepflegtes Bürooutfit vom Jackett bis zu den Lederschuhen. Das ist eine Seite seines Lebens. Hauptberuflich aber arbeitet er selbst in der Kohle und sitzt als Haldenfahrer in rollenden Schichten auf dem Bagger. Leicht ist das nicht für ihn, dieses Pendeln zwischen den Fronten. Als Bürgermeister muss er mit dem Bergbauunternehmen verhandeln, für das er selbst schaufelt. "Klar sind das Gewissenskonflikte", sagt er. "Ich sitze da zwischen Baum und Borke. Aber als Bürgermeister muss ich ein harter Verhandler sein."

Noch einen Spagat muss Locke hinbekommen. "Ich muss als Bürgermeister alle Interessen im Dorf vertreten", sagt er. "Aber ich habe ja auch eine private Meinung." Die Umsiedlungspläne quälen ihn. "Unsere Vorfahren haben uns das von Generation zu Generation hinterlassen, und nun soll alles weg." Sein ganzes Leben hat er in Mühlrose verbracht, er liebt sein Haus und den großen Garten, wo er mit seiner Frau und acht Bienenvölkern lebt. Am liebsten würde Waldemar Locke für immer hier bleiben.