Dieser Artikel ist Teil unserer Serie "Die neuen Europäer". Wir besuchen dafür Menschen, die nicht von Europa träumen, sondern europäisch leben. Wir erzählen von neuen Glücksmomenten und Konflikten, die es ohne die EU nicht gäbe. Lesen Sie diesen Text hier auf Englisch.

Silje Garmo nahm nichts mit. Keine Kleidung, kein Spielzeug für ihr Baby. Sie ließ alles zurück. Die Behörden suchten nach ihr, die Zeit war knapp.

Sie fuhren 21 Stunden lang. Garmo saß auf dem Rücksitz des Autos, ihr Baby, vier Monate alt, lag in einem Kindersitz neben ihr. Auf den Vordersitzen: ein Mann und eine Frau, die Garmo nicht kannte. Als sie die Grenze nach Polen überquerten, sagte niemand ein Wort. "Ich hatte Angst", erinnert sich Garmo.

Silje Garmo floh aus ihrer Heimat, wie es jeden Tag Tausende Menschen tun. Doch ihr Fall ist außergewöhnlich. Garmo flüchtete aus einer europäischen Demokratie in einen Staat mit autoritären Tendenzen. Aus einem der reichsten Länder der Welt in ein deutlich ärmeres. Silje Garmo und ihre Tochter flohen aus Norwegen nach Polen.

Die Autofahrt liegt zwei Jahre zurück, aber sie hat Folgen bis heute. Mit ihrer Entscheidung hat Garmo nicht nur ihr eigenes Leben verändert, sondern auch die diplomatischen Beziehungen zwischen zwei Ländern. Garmos Flucht ist die Geschichte einer verzweifelten Frau, die eine Staatsaffäre zwischen Polen und Norwegen verursacht hat.

Im Spätsommer 2017 beantragt Garmo Asyl in Polen. Die Behörden verhandeln monatelang, bis sie im Dezember des vergangenen Jahres eine spektakuläre Entscheidung bekannt geben: Polen erkennt die Norwegerin und ihre Tochter als Schutzsuchende an. Ihr Heimatland habe Garmos Menschenrechte verletzt, deshalb müsse Polen sie aufnehmen. Ein Schritt, den man in Warschau äußerst selten geht: In den vergangenen zwei Jahren bekam außer Garmo nur eine einzige Person dort Asyl.

Einheit der traditionellen Familie

Was macht den Fall von Silje Garmo so besonders? Eine Norwegerin muss üblicherweise in Polen kein Asyl beantragen, um sich dort legal aufzuhalten, auch wenn das Land kein EU-Mitglied ist. Für die Bürger Norwegens gilt in der EU die Freizügigkeit.

ZEIT ONLINE liegen umfangreiche Dokumente vor, mit denen sich der Fall rekonstruieren lässt. Sie zeigen, wie aus Garmos Flucht eine diplomatische Krise geworden ist. Es geht im Kern darum, was wichtiger ist: die Einheit der traditionellen Familie oder das Wohl eines Kindes. Darüber ist in Europa ein Streit entbrannt. Im Mittelpunkt stehen Silje Garmo und ihre Tochter.

Garmo ist 37 Jahre alt, eine Frau mit kindlichen Gesichtszügen. Sie kann ernst wirken und nachdenklich, und kurz darauf unbedarft wie ein Teenager. Gemeinsam mit ihrer Tochter lebt Garmo heute, zwei Jahre nach ihrer Flucht, in der Nähe von Warschau. Die Häuser in der Gegend sind niedrig, Kiefern wachsen am Straßenrand. Vor Garmos Tür steht ein abgedeckter Sandkasten, daneben ein Fahrrad mit einem Kindersitz für ihre Tochter.

Drinnen dunkles Parkett, Ledermöbel, Familienbilder auf einem Kaminsims und überall Spielzeug: auf dem Boden Kuscheltiere, in der Ecke ein lilafarbenes Spielzelt. Dazwischen Luftballons, übrig geblieben vom Kindergeburtstag der zweijährigen Tochter. In Socken hüpft das Mädchen durchs Wohnzimmer. Sie lacht so hell, dass sich ihre Stimme überschlägt. "Sei vorsichtig!", ruft Garmo. Sie sagt diese Worte auf Polnisch: Uważaj.  Garmos Tochter hat fast ihr ganzes Leben in Polen verbracht.

"Man hat ihr das Recht genommen, in Norwegen zu leben", sagt die Mutter. Man habe sie und ihre Tochter aus ihrer Heimat vertrieben: Der norwegische Staat habe sie erpresst und bedroht und ihr schließlich keine andere Wahl gelassen, als zu gehen. "Norwegen möchte als die perfekte Demokratie erscheinen", sagt Garmo. "Aber das ist es nicht."

Norwegischer Kinderschutzdienst wird immer wieder kritisiert

Garmos Vorwürfe gelten vor allem einer Behörde: dem norwegischen Kinderschutzdienst Barnevernet. Die Behörde ist mit dem deutschen Jugendamt vergleichbar und soll sich um die Sicherheit und das Wohl von Kindern kümmern. Garmo beschuldigt Barnevernet, das Leben ihrer Familie zerstört zu haben. Silje Garmo floh, weil Barnevernet ihr das Baby wegnehmen wollte – ohne Anlass und ohne konkreten Grund. So erzählt es Garmo. "Diese Behörde macht, was sie will", sagt sie.

Tatsächlich wird der norwegische Kinderschutzdienst immer wieder kritisiert. In den vergangenen Jahren behaupteten viele Eltern, Barnevernet habe sie wegen Nichtigkeiten von ihren Kindern getrennt. 2016 demonstrierten Hunderte Menschen in der norwegischen Hauptstadt Oslo, nachdem ein Paar seine fünf Kinder an die Behörde verloren hatte. Kurz darauf schrieben mehr als 170 Psychologen, Anwälte und Sozialarbeiter einen offenen Brief. Sie warfen Barnevernet schweres Fehlverhalten vor: Familien in Norwegen litten unter der "Inkompetenz und dem Missbrauch durch die Behörden".

Garmos Tochter kommt im Januar 2017 zur Welt. Ein kalter Wintertag, der Wetterbericht vermerkt Frost. Nach der Geburt ist Garmo erschöpft, sie sehnt sich nach Schlaf. Stattdessen weckt die Hebamme die Mutter am frühen Morgen auf. Der Kinderschutzdienst sei da, die Mitarbeiter wollten Garmo sehen. Und das Baby.

Von diesem Moment an, sagt Garmo, hätte die Behörde sie schikaniert. Immer wieder habe das Jugendamt gedroht, das Mädchen in ein Kinderheim zu geben. Die Gründe seien diffus und willkürlich gewesen: Garmo führe ein chaotisches Leben, sie könne sich nicht um ihr Kind kümmern. "Lügen", sagt sie, "alles erfunden."

Passanten segnen manchmal das Mädchen

Als das Mädchen drei Monate alt ist, so erzählt es Garmo weiter, soll sie eine Warnung von ihrer Anwältin bekommen haben. Das Jugendamt sei unterwegs, um die Tochter abzuholen. Ohne Begründung. Ohne einen Beweis für Garmos angebliche Vergehen. Die Mutter sagt, sie träume noch heute davon, wie man ihr das Mädchen wegnimmt und an einen unbekannten Ort bringt.

Im Mai 2017 taucht Silje Garmo unter. Sie fürchtet den Zugriff der Behörden und will ihr Kind schützen. Sie versteckt sich bei Bekannten. Ein Vertrauter rät ihr, nach Polen zu fahren, Familien seien dort besonders geschützt. Garmo hat das Land einige Male besucht, aber sie spricht kein Polnisch, hat dort weder einen Job noch eine Unterkunft. "Wenn ich nicht gegangen wäre, hätte ich meine Tochter wahrscheinlich niemals wiedergesehen", glaubt sie.

In Polen trifft Garmo schnell auf Menschen, die ihr helfen wollen. Bald gibt sie Zeitungen und Fernsehsendern Interviews, spricht in einem Ausschuss des polnischen Parlaments. Immer wieder erzählt sie die Geschichte einer Mutter, der ihr Kind grundlos entrissen werden sollte. Die Flucht sei ihr einziger Ausweg gewesen. Die Polen reagieren mit Mitgefühl und Beistand, erzählt sie. Wenn Garmo mit ihrem Kind durch die Straßen von Warschau geht, segnen Passanten manchmal das Mädchen. Sie beten für Garmos Zukunft und wünschen ihr Glück. Die Vermieter ihres Hauses lassen sie vergünstigt darin wohnen, weil sie Garmo und ihren Fall unterstützen.

Garmos wichtigster Unterstützer residiert in einem Altbau im Zentrum von Warschau. Eine gewundene Treppe führt hinauf in hohe Räume. Jerzy Kwaśniewski trägt Sakko und Lederschuhe, ein Einstecktuch ragt aus seiner Brusttasche. Die eine Zimmerwand im Büro füllt ein Regal mit juristischen Abhandlungen. Auf einem Tisch steht ein Kruzifix.

Kwaśniewski ist Silje Garmos Anwalt und Präsident einer Organisation, die einen lateinischen Namen trägt: Ordo Iuris, die Ordnung des Rechts. Die Organisation sei ein spendenfinanzierter Thinktank, sagt Kwaśniewski, und habe es sich zur Aufgabe gemacht, die "grundlegenden Verfassungswerte" Polens zu schützen. Kritiker hingegen nennen Ordo Iuris eine ultrachristliche Sekte. Klar ist, dass die Organisation für ein striktes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen lobbyiert und gegen die angebliche "Homo-Propaganda" des Westens. Seit einigen Jahren hat Ordo Iuris noch einen anderen Gegner: den norwegischen Kinderschutzdienst.

Polnische Einwanderer in Norwegen

Wenn Kwaśniewski über Barnevernet spricht, bleibt seine Stimme ruhig. In der Sache aber ist er unnachgiebig. Polen stellen in Norwegen die größte Migrantengruppe. Auf eine Gesamtbevölkerung von fünf Millionen Einwohnern kommen fast 100.000 polnische Einwanderer. Unter ihnen gibt es viele Eltern, die mit dem Jugendschutz in Konflikt geraten sind. Ordo Iuris betreue derzeit 16 polnische Familien, die mit Barnevernet um ihre Kinder streiten. In allen Fällen, sagt Kwaśniewski, sei den Eltern das Sorgerecht aus fragwürdigen Gründen entzogen worden. Mitarbeiter der Behörde hätten Kindern in den Mund gelegt, dass ihre Eltern sie schlagen würden. "Es ist in Norwegen zur Gewohnheit geworden, Kinder auch ohne guten Grund aus ihren Familien zu nehmen", behauptet der Anwalt.

Im Sommer 2017 wandte sich Garmo an Ordo Iuris. Die Organisation bietet Familien an, sie kostenlos zu vertreten. Dabei habe Kwaśniewski dasselbe Muster erkannt, das ihm bei seinen polnischen Klienten begegnet sei. Der norwegische Staat helfe Familien nicht – er zerreiße sie.

Wann darf der Staat in eine Familie eingreifen, wann Kinder von ihren Eltern trennen? Im konservativen Polen wird diese Frage anders beantwortet als im liberalen Norwegen. Dabei ist der Grundsatz überall in Europa ähnlich: Wenn Eltern ein Kind vernachlässigen oder missbrauchen, muss das Jugendamt einschreiten und es in Obhut nehmen. Doch in der Praxis unterscheiden sich die Länder. In Polen greift der Staat vergleichsweise spät ein. In Norwegen genügt ein anonymer Vorwurf, damit die Behörden eine Familie gründlich überprüfen.

Besonders weit liegen die Länder auseinander, wenn es um körperliche Züchtigung geht. In Polen sind körperliche Strafen erst seit 2010 vollständig verboten. In Norwegen dagegen ist nicht nur jeder Klaps eine Straftat, sondern auch "emotionale Gewalt" wie Einschüchterung oder Drohung, sagt Kristin Ugstad Steinrem von der Kinder-, Jugend- und Familienbehörde, der auch Barnevernet untersteht. Viele eingewanderte Familien wissen nicht, wie rigide Norwegen gegen Eltern vorgeht, die ihre Kinder schlagen. Wer sein Kind züchtigt, dem droht der Sorgerechtsentzug.

"Gangster-Organisation"

Immer wieder eskaliert der Konflikt zwischen Barnevernet und Familien, die aus Osteuropa immigriert sind. Eltern mit rumänischen, litauischen und tschechischen Wurzeln beschuldigen den norwegischen Staat, ihnen grundlos die Kinder weggenommen zu haben. Der tschechische Präsident Miloš Zeman bezeichnete Barnevernet als "Gangster-Organisation, die Kinder entführt". Doch nirgends löst Barnevernet so heftige Emotionen aus wie in Polen. Der Streit um die Behörde hat das Verhältnis der beiden Länder nachhaltig beschädigt.

Im Frühjahr 2019 erklärte Norwegen einen polnischen Konsul in Oslo zur Persona non grata. Der Mann war dafür bekannt, polnische Einwanderer zu ihren Terminen mit dem Kinderschutzdienst zu begleiten. Das norwegische Außenministerium sagt, der Konsul sei übergriffig gewesen, einmal habe er mit einem Gegenstand nach den Mitarbeitern des Jugendschutzes geworfen. Für die Regierung in Warschau dagegen ist seine Ausweisung ein Beleg dafür, dass Norwegen die Rechte von polnischen Familien missachte.

Garmo erhielt also Asyl in einem Land, dessen Bürger häufig in Konflikt mit dem norwegischen Kinderschutzdienst geraten. Sie ist in Polen zum Symbol für die angebliche Grausamkeit Norwegens geworden, von der auch polnische Familien betroffen sind. In Polen gilt Garmo als Opfer, das unschuldig verfolgt wird. Aber stimmt das? Es gibt noch eine andere Version der Geschichte. Sie beginnt in der Heimat von Silje Garmo.

Ein Wohnviertel im Westen Oslos. Auf den Balkonen stehen gepflegte Topfpflanzen, vor den Häusern parken teure Familienwagen. Es gibt Cafés und eine Ladestation für Elektroautos. Das Haus Nummer 7A ist ein roter Klinkerbau. Auf der Klingel stehen zwei norwegische Vornamen. Einer davon gehört zu einem Mädchen, das 13 Jahre alt ist. Seit 2015 lebt sie hier. Damals bekam ihr Vater das alleinige Sorgerecht für seine Tochter zugesprochen. Der Mutter, bei der das Mädchen zuvor gelebt hatte, warf das Jugendamt Vernachlässigung vor.

Der Name der Mutter ist Silje Garmo.

Garmo macht kein Geheimnis daraus, dass ihr die Behörden schon einmal ein Kind entzogen haben. Im Gegenteil: Der Fall beweist für sie die Unfähigkeit des Kinderschutzdienstes. Schon damals seien die Vorwürfe gegen sie vage und unbegründet gewesen, sagt Garmo. "Ich weiß, dass die Leute denken: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Aber da war nichts."

Erschöpfungssyndrom, Panikattacken, Depression

Stadtteil in Oslo, in dem Garmo früher wohnte © Alexandra Rojkov für ZEIT ONLINE

Die Akten zeichnen ein anderes Bild: ZEIT ONLINE liegen Dokumente aus Garmos Sorgerechtsverfahren vor. Darin beschuldigt das Jugendamt sie des Medikamentenmissbrauchs. Sie soll sich von mehreren Ärzten starke Präparate besorgt haben, die ihr die Rezepte ausstellten, ohne voneinander zu wissen. Die Behörde schreibt weiter, Garmo leide an einem chronischen Erschöpfungssyndrom, Panikattacken und einer Depression. Barnevernet habe Sorge um ihren psychischen Zustand und um das Wohl des Kindes.

In den Dokumenten findet sich kein Hinweis, dass Garmos erste Tochter akut gefährdet war. Ihre Mutter habe sie demnach nicht geschlagen oder schlecht ernährt. Doch anders als Garmo behauptet, waren nicht alle Hinweise gegen sie anonym. Den Akten zufolge hat sich Garmos Vater, also der Großvater ihrer Tochter, selbst an den Kinderhilfsdienst gewandt. Er bewertete die Situation von Mutter und Kind demnach als "sehr schwierig".

Garmos polnischer Anwalt Kwaśniewski kennt die Papiere und die Vorwürfe. Bei den Medikamenten habe es sich um Paracetamol gehandelt, sagt er. Die psychische Erkrankung sei erfunden – eine beliebte Methode der Behörden. Doch eine Person in Norwegen, die Garmo kennt und mit dem Fall vertraut ist, stützt die Version von Barnevernet. Alle Indizien sprächen dafür, dass Garmo starke Medikamente missbraucht habe. Sie sei eine Zeit lang nicht in der Lage gewesen, sich angemessen um ihr erstes Kind zu kümmern.

Aus Trauer wird Wut, aus Wut wird Überzeugung

Garmo kann damals nicht verstehen, warum ihr der Staat die Tochter wegnimmt. Aus ihrer Trauer wird Wut, aus Wut wird Überzeugung: Der Kinderschutzdienst verfolge sie. Garmo gibt Barnevernet die Schuld dafür, dass das Mädchen nicht mehr bei ihr leben darf. Die Mutter beginnt einen Kampf gegen die Behörde, der bis heute andauert.

Garmo verbündet sich mit anderen Gegnern des Kinderschutzdienstes. Es gibt eine regelrechte Anti-Barnevernet-Bewegung, die weltweit vernetzt ist: Einige der Plattformen haben einen christlichen Hintergrund, andere werden von Eltern betrieben, denen die Kinder "gestohlen" wurden.

Lässt sich mit Zahlen belegen, dass Norwegens Kinderschutzbehörde strikter vorgeht als die entsprechenden Stellen anderer Staaten? Der Vergleich ist schwierig, denn die Statistiken werden von Land zu Land unterschiedlich erfasst. Im Verhältnis zur Bevölkerung kamen 2017 in Norwegen allerdings nicht mehr Kinder in staatliche Obhut als zum Beispiel in Deutschland.

Einige Eltern klagen sich bis nach Straßburg: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verhandelte in den vergangenen Jahren mindestens ein halbes Dutzend Fälle, in denen die norwegische Kinderschutzbehörde das Sorgerecht zu Unrecht entzogen haben soll. Mal bekamen die Eltern Recht, mal pflichteten die Richter Barnevernet bei. Die Urteile ähneln den Entscheidungen über Fälle aus anderen Ländern. Norwegen sticht hier nicht besonders negativ hervor.

Im Vergleich zu anderen Eltern hat Garmo noch Glück: Sie darf ihre Tochter nach dem Entzug des Sorgerechts alle zwei Wochen für zwei Stunden sehen. Manchen Eltern erlaubt Barnevernet nur einen Besuch pro Jahr. Garmo trifft ihr Kind in einer Einrichtung des Jugendamts. Sie backen zusammen Muffins oder kochen Pasta. Danach kehrt das Mädchen zu ihrem Vater zurück.

Garmo wehrt sich mit allen möglichen Mitteln dagegen, dass ihre Tochter nicht mehr bei ihr leben darf. Einmal verschwindet sie mit dem Mädchen nach Spanien, ohne den Vater zu informieren. Mutter und Kind werden schließlich von den Behörden zurückgeholt.

Garmo wird erneut schwanger

2016 wird Garmo erneut schwanger. Den Vater kenne sie nur flüchtig, sagt sie. Noch vor der Geburt kontaktiert der Kinderschutzdienst die Mutter, was nicht ungewöhnlich ist: Eltern mit einer problematischen Vorgeschichte werden auch in anderen Ländern engmaschig betreut. Doch Garmo empfindet die Behörde als Bedrohung. Sie fürchtet, ein weiteres Kind zu verlieren.

Bereits am Tag nach der Geburt besuchen Barnevernet-Mitarbeiter Garmo und ihr zweites Baby im Krankenhaus. Auch in den folgenden Wochen behält die Behörde die Mutter im Auge. Das Jugendamt will herausfinden, ob Garmo übermäßig Medikamente nimmt. Sie erklärt sich zu einem Drogentest bereit, zweimal wöchentlich wird sie von einem Arzt untersucht.

Das Ergebnis ist negativ. Trotzdem, so sagt es Garmo, habe Barnevernet sie vor die Wahl gestellt: Entweder sie begebe sich in eine Mutter-Kind-Einrichtung, wo sie enger betreut werden kann. Oder das Jugendamt nehme ihre kleine Tochter in Obhut. Garmos damalige Anwältin bestätigt, dass es diese Situation gegeben hat. Sie deutet an, dass Garmo nur widerwillig mit den Behörden zusammengearbeitet hätte und sie den Mitarbeitern zu verstehen gab, dass sie keine Hilfe von ihnen möchte. Womöglich hielten die Beamten eine Betreuung in der Mutter-Kind-Einrichtung für die einzige Möglichkeit, um das Wohlergehen des Kindes sicherzustellen.

Garmos Anwältin hält den Schritt noch heute für überzogen. Denn zu diesem Zeitpunkt liegt tatsächlich nichts gegen Garmo vor. Die Akten enthalten keine Hinweise auf Vernachlässigung oder Misshandlung. Doch aus Angst davor, noch einmal ein Kind zu verlieren, willigt Garmo ein, sich in die Mutter-Kind-Einrichtung zu begeben. Dort beginnt ein Teufelskreis. Offenbar misstraut Garmo den Mitarbeitern. Sie lasse sich nicht von ihnen helfen und sei oft unterwegs, vermerkt das Jugendamt in seinen Protokollen. Die Mutter wiederum versteht nicht, warum sie in diesem "Horrorhaus" wohnen muss. Sie fühlt sich von den Beamten gegängelt und überwacht.

Garmos Furcht ist allgegenwärtig

Am 5. Mai 2017 steht in der Mutter-Kind-Einrichtung ein Termin mit Garmo, ihrer Anwältin und der Kinderschutzbehörde an. Kurz vor dem Gespräch meldet sich die Anwältin bei der Mutter, Barnevernet habe das Treffen abgesagt. Vom Rest des Gesprächs gibt es zwei unterschiedliche Versionen. Garmo beschreibt es so: Ihre Anwältin habe mit ernster Stimme geraten, dass Garmo "das Kind nimmt und die Einrichtung verlässt. Sofort."

Garmos Furcht vor dem Jugendamt ist zu diesem Zeitpunkt allgegenwärtig. Die Mutter glaubt, in den Worten ihrer Anwältin einen Code zu erkennen: Wenn sie nicht flieht, holt der Kinderschutz ihre Tochter ab. Panisch stopft sie sich ihren Reisepass in den BH, schnappt ihr Baby und verlässt das Gebäude fluchtartig über den Hinterausgang. Dabei, so erzählt die Mutter es, hätten ihre Beine so sehr gezittert, dass sie stürzte.

Die Anwältin hat das Telefonat anders in Erinnerung. Sie habe Garmo am Telefon nur geraten, einen Spaziergang zu machen, um sich zu beruhigen, sagt sie.

In Polen erzählt Garmo heute öffentlich, dass ihr Barnevernet an diesem Tag im Mai 2017 das Kind wegnehmen wollte. Doch dafür gibt es keine Belege. Garmos Anwältin sagt, ihre Mandantin hätte das Baby mit hoher Wahrscheinlichkeit behalten dürfen, wenn sie in der Klinik geblieben wäre. Demnach flieht Garmo nicht nur vor dem Kinderschutzdienst, sondern vor allem vor ihrer eigenen Angst.

Die Behörden tun allerdings nichts, um diese Angst zu entkräften. Laut ihrer Anwältin und einem Helfer gibt es mehrere Versuche, die Situation zu schlichten. Garmo bietet an, in die Mutter-Kind-Klinik zurückzukehren, wenn ein ihr vertrauter Psychologe sie begleitet. Der Kinderschutzdienst lehnt das nach Aussagen der Beteiligten ab. Barnevernet selbst darf sich zu Einzelfällen nicht äußern.

Garmo versteckt sich zunächst bei Bekannten und entscheidet schließlich, sich mithilfe der Barnevernet-Gegner nach Polen abzusetzen. Auch andere Familien, die mit dem Kinderschutzdienst Probleme hatten, zogen in der Vergangenheit dorthin. Garmos Netzwerk organisiert ein Auto, das die Mutter und ihr Baby nach Polen bringt.

Von diesem Moment an ein Politikum

Nach Garmos Flucht alarmiert Barnevernet die Polizei. Die Behörden fürchten um das Wohl des Kindes. Garmo kontaktiert deshalb Ordo Iuris. Ihr Anwalt Kwaśniewski rät ihr, in Polen Asyl zu beantragen. Er hilft ihr bei den Formalitäten und unterstützt sie im Asylverfahren. In dem Antrag, der ZEIT ONLINE vorliegt, heißt es sogar, Norwegen habe noch vor der Geburt ihrer zweiten Tochter beschlossen, das Kind in Obhut zu nehmen. Dafür jedoch findet sich in den norwegischen Dokumenten kein Hinweis. Auch Garmos Anwältin widerspricht dieser Darstellung.

Von diesem Moment an wird Garmos Geschichte zu einem Politikum. Um Asyl in Polen zu bekommen, genügt es nicht, verfolgt zu werden. Man muss zusätzlich nachweisen, dass es im Interesse des polnischen Staates liegt, die betreffende Person aufzunehmen. Auch deshalb versucht Kwaśniewski im Asylantrag, aus Garmos Erlebnisse einen Präzedenzfall zu konstruieren. Ihr Schicksal soll die angebliche Brutalität des norwegischen Kinderschutzdienstes nachweisen, unter der auch polnische Familien leiden.

Dem Asylgesuch liegen auch die Dokumente aus Norwegen bei, die Garmo psychische Probleme und die Vernachlässigung ihrer ersten Tochter bescheinigen. Obwohl diese Papiere Garmos Darstellung zumindest in Teilen widersprechen, bewilligen die polnischen Behörden schließlich ihren Asylantrag. Warum? Welches Interesse hat der polnische Staat daran, Silje Garmo aufzunehmen?

Geste der Vergeltung

Offiziell äußert sich Polen nicht dazu, weshalb die Regierung Garmo Asyl gewährte. Möglicherweise gibt ihr Antrag einen Hinweis darauf: Darin wird angedeutet, dass ein positiver Bescheid Polen helfen könne, um Druck auf Norwegen auszuüben. Es sei unmöglich zu behaupten, dass der "Fall irrelevant ist für polnische Staatsbürger, die Probleme mit Barnevernet haben", heißt es in dem Papier. Das Asyl für Garmo kann also auch als politisches Signal an Norwegen verstanden werden. Als Geste der Vergeltung dafür, dass das skandinavische Land polnische Familien in die Mangel nimmt.

An einem Montag im Februar 2019 steht Garmo vor der norwegischen Botschaft in Warschau und friert. Sie hat sich ihren blauen Schal tief ins Gesicht gezogen, die Hände in ihren Manteltaschen vergraben. Ordo Iuris hat zu einer Demonstration vor der norwegischen Vertretung aufgerufen: Die Organisation will Solidarität mit dem polnischen Konsul zeigen, der wegen seiner Kritik an Barnevernet aus Norwegen ausgewiesen wurde. Polen hat im Gegenzug inzwischen einen norwegischen Konsul des Landes verwiesen. Die Stimmung zwischen den Ländern ist angespannt.

Kwaśniewski hat Garmo zu der Demonstration eingeladen. Nur wenige Menschen sind erschienen, trotzdem hält sich Garmo etwas abseits. Einige polnische Mitarbeiter aus der Botschaft in Oslo sind gekommen, ein Mann mit einem Schild, auf dem steht: "Eine Familie ist wichtiger als der Staat."

Als das polnische Fernsehen mit einem Kamerateam auftaucht, winkt Kwaśniewski zu seiner Mandantin herüber. "Silje, kommst du?" Es klingt nach einer Aufforderung. Einen Moment schaut Garmo unsicher, sie zögert. Dann stellt sie sich zu ihrem Anwalt vor die Kamera. Kwaśniewski kritisiert in deutlichen Worten die norwegischen Behörden. Garmo steht still daneben.

"Ich hasse Norwegen nicht"

Garmo ist dankbar für die Hilfe in Polen. Aber sie scheint zu verstehen, dass sie auch benutzt wird. Dass es nicht nur um sie und ihre Tochter geht, sondern um einen Konflikt zwischen zwei Ländern.

"Ich hasse Norwegen nicht", sagt Garmo, als die Kamera wieder aus ist. Sie blickt hinauf zu dem Hochhaus, in dem die diplomatische Vertretung ihres Heimatlandes sitzt. Garmo sieht müde aus und ein wenig verloren.

Sie hat ihre Familie in Norwegen zurückgelassen und lebt nach eigenen Angaben von der Unterstützung ihres Vaters, der ihr Geld überweist. Garmo hat keine Arbeit, bis heute hat sie keinen Sprachkurs besucht. Wie ihre Zukunft in Polen aussehen soll, kann Garmo auch zwei Jahre nach ihrer Flucht nicht sagen.

Sie ist jetzt sicher vor dem norwegischen Kinderschutzdienst – genau wie sie es wollte. Aber sie ist auch eine alleinerziehende Mutter in einem fremden Land.

Am selben Tag, an dem Ordo Iuris in Warschau demonstriert und Garmo in der Februarkälte neben ihrem Anwalt steht und schweigt, wird bekannt, dass eine norwegische Mutter an der deutschen Grenze festgehalten wurde. Sie hatte ihren Sohn dabei: Barnevernet hatte das Kind in Norwegen in staatliche Obhut genommen. Die Mutter sagte, sie habe mit dem Jungen nach Polen fliehen wollen, so wie Silje Garmo. Vielleicht gebe man ihr dort Asyl.

Mitarbeit: Marcin Krasnowoski, Ole Pflüger, Susanne Hegenscheidt