Garmos Vorwürfe gelten vor allem einer Behörde: dem norwegischen Kinderschutzdienst Barnevernet. Die Behörde ist mit dem deutschen Jugendamt vergleichbar und soll sich um die Sicherheit und das Wohl von Kindern kümmern. Garmo beschuldigt Barnevernet, das Leben ihrer Familie zerstört zu haben. Silje Garmo floh, weil Barnevernet ihr das Baby wegnehmen wollte – ohne Anlass und ohne konkreten Grund. So erzählt es Garmo. "Diese Behörde macht, was sie will", sagt sie.

Tatsächlich wird der norwegische Kinderschutzdienst immer wieder kritisiert. In den vergangenen Jahren behaupteten viele Eltern, Barnevernet habe sie wegen Nichtigkeiten von ihren Kindern getrennt. 2016 demonstrierten Hunderte Menschen in der norwegischen Hauptstadt Oslo, nachdem ein Paar seine fünf Kinder an die Behörde verloren hatte. Kurz darauf schrieben mehr als 170 Psychologen, Anwälte und Sozialarbeiter einen offenen Brief. Sie warfen Barnevernet schweres Fehlverhalten vor: Familien in Norwegen litten unter der "Inkompetenz und dem Missbrauch durch die Behörden".

Garmos Tochter kommt im Januar 2017 zur Welt. Ein kalter Wintertag, der Wetterbericht vermerkt Frost. Nach der Geburt ist Garmo erschöpft, sie sehnt sich nach Schlaf. Stattdessen weckt die Hebamme die Mutter am frühen Morgen auf. Der Kinderschutzdienst sei da, die Mitarbeiter wollten Garmo sehen. Und das Baby.

Von diesem Moment an, sagt Garmo, hätte die Behörde sie schikaniert. Immer wieder habe das Jugendamt gedroht, das Mädchen in ein Kinderheim zu geben. Die Gründe seien diffus und willkürlich gewesen: Garmo führe ein chaotisches Leben, sie könne sich nicht um ihr Kind kümmern. "Lügen", sagt sie, "alles erfunden."

Passanten segnen manchmal das Mädchen

Als das Mädchen drei Monate alt ist, so erzählt es Garmo weiter, soll sie eine Warnung von ihrer Anwältin bekommen haben. Das Jugendamt sei unterwegs, um die Tochter abzuholen. Ohne Begründung. Ohne einen Beweis für Garmos angebliche Vergehen. Die Mutter sagt, sie träume noch heute davon, wie man ihr das Mädchen wegnimmt und an einen unbekannten Ort bringt.

Im Mai 2017 taucht Silje Garmo unter. Sie fürchtet den Zugriff der Behörden und will ihr Kind schützen. Sie versteckt sich bei Bekannten. Ein Vertrauter rät ihr, nach Polen zu fahren, Familien seien dort besonders geschützt. Garmo hat das Land einige Male besucht, aber sie spricht kein Polnisch, hat dort weder einen Job noch eine Unterkunft. "Wenn ich nicht gegangen wäre, hätte ich meine Tochter wahrscheinlich niemals wiedergesehen", glaubt sie.

In Polen trifft Garmo schnell auf Menschen, die ihr helfen wollen. Bald gibt sie Zeitungen und Fernsehsendern Interviews, spricht in einem Ausschuss des polnischen Parlaments. Immer wieder erzählt sie die Geschichte einer Mutter, der ihr Kind grundlos entrissen werden sollte. Die Flucht sei ihr einziger Ausweg gewesen. Die Polen reagieren mit Mitgefühl und Beistand, erzählt sie. Wenn Garmo mit ihrem Kind durch die Straßen von Warschau geht, segnen Passanten manchmal das Mädchen. Sie beten für Garmos Zukunft und wünschen ihr Glück. Die Vermieter ihres Hauses lassen sie vergünstigt darin wohnen, weil sie Garmo und ihren Fall unterstützen.

Garmos wichtigster Unterstützer residiert in einem Altbau im Zentrum von Warschau. Eine gewundene Treppe führt hinauf in hohe Räume. Jerzy Kwaśniewski trägt Sakko und Lederschuhe, ein Einstecktuch ragt aus seiner Brusttasche. Die eine Zimmerwand im Büro füllt ein Regal mit juristischen Abhandlungen. Auf einem Tisch steht ein Kruzifix.

Kwaśniewski ist Silje Garmos Anwalt und Präsident einer Organisation, die einen lateinischen Namen trägt: Ordo Iuris, die Ordnung des Rechts. Die Organisation sei ein spendenfinanzierter Thinktank, sagt Kwaśniewski, und habe es sich zur Aufgabe gemacht, die "grundlegenden Verfassungswerte" Polens zu schützen. Kritiker hingegen nennen Ordo Iuris eine ultrachristliche Sekte. Klar ist, dass die Organisation für ein striktes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen lobbyiert und gegen die angebliche "Homo-Propaganda" des Westens. Seit einigen Jahren hat Ordo Iuris noch einen anderen Gegner: den norwegischen Kinderschutzdienst.