Wenn Kwaśniewski über Barnevernet spricht, bleibt seine Stimme ruhig. In der Sache aber ist er unnachgiebig. Polen stellen in Norwegen die größte Migrantengruppe. Auf eine Gesamtbevölkerung von fünf Millionen Einwohnern kommen fast 100.000 polnische Einwanderer. Unter ihnen gibt es viele Eltern, die mit dem Jugendschutz in Konflikt geraten sind. Ordo Iuris betreue derzeit 16 polnische Familien, die mit Barnevernet um ihre Kinder streiten. In allen Fällen, sagt Kwaśniewski, sei den Eltern das Sorgerecht aus fragwürdigen Gründen entzogen worden. Mitarbeiter der Behörde hätten Kindern in den Mund gelegt, dass ihre Eltern sie schlagen würden. "Es ist in Norwegen zur Gewohnheit geworden, Kinder auch ohne guten Grund aus ihren Familien zu nehmen", behauptet der Anwalt.

Im Sommer 2017 wandte sich Garmo an Ordo Iuris. Die Organisation bietet Familien an, sie kostenlos zu vertreten. Dabei habe Kwaśniewski dasselbe Muster erkannt, das ihm bei seinen polnischen Klienten begegnet sei. Der norwegische Staat helfe Familien nicht – er zerreiße sie.

Wann darf der Staat in eine Familie eingreifen, wann Kinder von ihren Eltern trennen? Im konservativen Polen wird diese Frage anders beantwortet als im liberalen Norwegen. Dabei ist der Grundsatz überall in Europa ähnlich: Wenn Eltern ein Kind vernachlässigen oder missbrauchen, muss das Jugendamt einschreiten und es in Obhut nehmen. Doch in der Praxis unterscheiden sich die Länder. In Polen greift der Staat vergleichsweise spät ein. In Norwegen genügt ein anonymer Vorwurf, damit die Behörden eine Familie gründlich überprüfen.

Besonders weit liegen die Länder auseinander, wenn es um körperliche Züchtigung geht. In Polen sind körperliche Strafen erst seit 2010 vollständig verboten. In Norwegen dagegen ist nicht nur jeder Klaps eine Straftat, sondern auch "emotionale Gewalt" wie Einschüchterung oder Drohung, sagt Kristin Ugstad Steinrem von der Kinder-, Jugend- und Familienbehörde, der auch Barnevernet untersteht. Viele eingewanderte Familien wissen nicht, wie rigide Norwegen gegen Eltern vorgeht, die ihre Kinder schlagen. Wer sein Kind züchtigt, dem droht der Sorgerechtsentzug.

"Gangster-Organisation"

Immer wieder eskaliert der Konflikt zwischen Barnevernet und Familien, die aus Osteuropa immigriert sind. Eltern mit rumänischen, litauischen und tschechischen Wurzeln beschuldigen den norwegischen Staat, ihnen grundlos die Kinder weggenommen zu haben. Der tschechische Präsident Miloš Zeman bezeichnete Barnevernet als "Gangster-Organisation, die Kinder entführt". Doch nirgends löst Barnevernet so heftige Emotionen aus wie in Polen. Der Streit um die Behörde hat das Verhältnis der beiden Länder nachhaltig beschädigt.

Im Frühjahr 2019 erklärte Norwegen einen polnischen Konsul in Oslo zur Persona non grata. Der Mann war dafür bekannt, polnische Einwanderer zu ihren Terminen mit dem Kinderschutzdienst zu begleiten. Das norwegische Außenministerium sagt, der Konsul sei übergriffig gewesen, einmal habe er mit einem Gegenstand nach den Mitarbeitern des Jugendschutzes geworfen. Für die Regierung in Warschau dagegen ist seine Ausweisung ein Beleg dafür, dass Norwegen die Rechte von polnischen Familien missachte.

Garmo erhielt also Asyl in einem Land, dessen Bürger häufig in Konflikt mit dem norwegischen Kinderschutzdienst geraten. Sie ist in Polen zum Symbol für die angebliche Grausamkeit Norwegens geworden, von der auch polnische Familien betroffen sind. In Polen gilt Garmo als Opfer, das unschuldig verfolgt wird. Aber stimmt das? Es gibt noch eine andere Version der Geschichte. Sie beginnt in der Heimat von Silje Garmo.

Ein Wohnviertel im Westen Oslos. Auf den Balkonen stehen gepflegte Topfpflanzen, vor den Häusern parken teure Familienwagen. Es gibt Cafés und eine Ladestation für Elektroautos. Das Haus Nummer 7A ist ein roter Klinkerbau. Auf der Klingel stehen zwei norwegische Vornamen. Einer davon gehört zu einem Mädchen, das 13 Jahre alt ist. Seit 2015 lebt sie hier. Damals bekam ihr Vater das alleinige Sorgerecht für seine Tochter zugesprochen. Der Mutter, bei der das Mädchen zuvor gelebt hatte, warf das Jugendamt Vernachlässigung vor.

Der Name der Mutter ist Silje Garmo.

Garmo macht kein Geheimnis daraus, dass ihr die Behörden schon einmal ein Kind entzogen haben. Im Gegenteil: Der Fall beweist für sie die Unfähigkeit des Kinderschutzdienstes. Schon damals seien die Vorwürfe gegen sie vage und unbegründet gewesen, sagt Garmo. "Ich weiß, dass die Leute denken: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Aber da war nichts."