Stadtteil in Oslo, in dem Garmo früher wohnte © Alexandra Rojkov für ZEIT ONLINE

Die Akten zeichnen ein anderes Bild: ZEIT ONLINE liegen Dokumente aus Garmos Sorgerechtsverfahren vor. Darin beschuldigt das Jugendamt sie des Medikamentenmissbrauchs. Sie soll sich von mehreren Ärzten starke Präparate besorgt haben, die ihr die Rezepte ausstellten, ohne voneinander zu wissen. Die Behörde schreibt weiter, Garmo leide an einem chronischen Erschöpfungssyndrom, Panikattacken und einer Depression. Barnevernet habe Sorge um ihren psychischen Zustand und um das Wohl des Kindes.

In den Dokumenten findet sich kein Hinweis, dass Garmos erste Tochter akut gefährdet war. Ihre Mutter habe sie demnach nicht geschlagen oder schlecht ernährt. Doch anders als Garmo behauptet, waren nicht alle Hinweise gegen sie anonym. Den Akten zufolge hat sich Garmos Vater, also der Großvater ihrer Tochter, selbst an den Kinderhilfsdienst gewandt. Er bewertete die Situation von Mutter und Kind demnach als "sehr schwierig".

Garmos polnischer Anwalt Kwaśniewski kennt die Papiere und die Vorwürfe. Bei den Medikamenten habe es sich um Paracetamol gehandelt, sagt er. Die psychische Erkrankung sei erfunden – eine beliebte Methode der Behörden. Doch eine Person in Norwegen, die Garmo kennt und mit dem Fall vertraut ist, stützt die Version von Barnevernet. Alle Indizien sprächen dafür, dass Garmo starke Medikamente missbraucht habe. Sie sei eine Zeit lang nicht in der Lage gewesen, sich angemessen um ihr erstes Kind zu kümmern.

Aus Trauer wird Wut, aus Wut wird Überzeugung

Garmo kann damals nicht verstehen, warum ihr der Staat die Tochter wegnimmt. Aus ihrer Trauer wird Wut, aus Wut wird Überzeugung: Der Kinderschutzdienst verfolge sie. Garmo gibt Barnevernet die Schuld dafür, dass das Mädchen nicht mehr bei ihr leben darf. Die Mutter beginnt einen Kampf gegen die Behörde, der bis heute andauert.

Garmo verbündet sich mit anderen Gegnern des Kinderschutzdienstes. Es gibt eine regelrechte Anti-Barnevernet-Bewegung, die weltweit vernetzt ist: Einige der Plattformen haben einen christlichen Hintergrund, andere werden von Eltern betrieben, denen die Kinder "gestohlen" wurden.

Lässt sich mit Zahlen belegen, dass Norwegens Kinderschutzbehörde strikter vorgeht als die entsprechenden Stellen anderer Staaten? Der Vergleich ist schwierig, denn die Statistiken werden von Land zu Land unterschiedlich erfasst. Im Verhältnis zur Bevölkerung kamen 2017 in Norwegen allerdings nicht mehr Kinder in staatliche Obhut als zum Beispiel in Deutschland.

Einige Eltern klagen sich bis nach Straßburg: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verhandelte in den vergangenen Jahren mindestens ein halbes Dutzend Fälle, in denen die norwegische Kinderschutzbehörde das Sorgerecht zu Unrecht entzogen haben soll. Mal bekamen die Eltern Recht, mal pflichteten die Richter Barnevernet bei. Die Urteile ähneln den Entscheidungen über Fälle aus anderen Ländern. Norwegen sticht hier nicht besonders negativ hervor.

Im Vergleich zu anderen Eltern hat Garmo noch Glück: Sie darf ihre Tochter nach dem Entzug des Sorgerechts alle zwei Wochen für zwei Stunden sehen. Manchen Eltern erlaubt Barnevernet nur einen Besuch pro Jahr. Garmo trifft ihr Kind in einer Einrichtung des Jugendamts. Sie backen zusammen Muffins oder kochen Pasta. Danach kehrt das Mädchen zu ihrem Vater zurück.

Garmo wehrt sich mit allen möglichen Mitteln dagegen, dass ihre Tochter nicht mehr bei ihr leben darf. Einmal verschwindet sie mit dem Mädchen nach Spanien, ohne den Vater zu informieren. Mutter und Kind werden schließlich von den Behörden zurückgeholt.