2016 wird Garmo erneut schwanger. Den Vater kenne sie nur flüchtig, sagt sie. Noch vor der Geburt kontaktiert der Kinderschutzdienst die Mutter, was nicht ungewöhnlich ist: Eltern mit einer problematischen Vorgeschichte werden auch in anderen Ländern engmaschig betreut. Doch Garmo empfindet die Behörde als Bedrohung. Sie fürchtet, ein weiteres Kind zu verlieren.

Bereits am Tag nach der Geburt besuchen Barnevernet-Mitarbeiter Garmo und ihr zweites Baby im Krankenhaus. Auch in den folgenden Wochen behält die Behörde die Mutter im Auge. Das Jugendamt will herausfinden, ob Garmo übermäßig Medikamente nimmt. Sie erklärt sich zu einem Drogentest bereit, zweimal wöchentlich wird sie von einem Arzt untersucht.

Das Ergebnis ist negativ. Trotzdem, so sagt es Garmo, habe Barnevernet sie vor die Wahl gestellt: Entweder sie begebe sich in eine Mutter-Kind-Einrichtung, wo sie enger betreut werden kann. Oder das Jugendamt nehme ihre kleine Tochter in Obhut. Garmos damalige Anwältin bestätigt, dass es diese Situation gegeben hat. Sie deutet an, dass Garmo nur widerwillig mit den Behörden zusammengearbeitet hätte und sie den Mitarbeitern zu verstehen gab, dass sie keine Hilfe von ihnen möchte. Womöglich hielten die Beamten eine Betreuung in der Mutter-Kind-Einrichtung für die einzige Möglichkeit, um das Wohlergehen des Kindes sicherzustellen.

Garmos Anwältin hält den Schritt noch heute für überzogen. Denn zu diesem Zeitpunkt liegt tatsächlich nichts gegen Garmo vor. Die Akten enthalten keine Hinweise auf Vernachlässigung oder Misshandlung. Doch aus Angst davor, noch einmal ein Kind zu verlieren, willigt Garmo ein, sich in die Mutter-Kind-Einrichtung zu begeben. Dort beginnt ein Teufelskreis. Offenbar misstraut Garmo den Mitarbeitern. Sie lasse sich nicht von ihnen helfen und sei oft unterwegs, vermerkt das Jugendamt in seinen Protokollen. Die Mutter wiederum versteht nicht, warum sie in diesem "Horrorhaus" wohnen muss. Sie fühlt sich von den Beamten gegängelt und überwacht.

Garmos Furcht ist allgegenwärtig

Am 5. Mai 2017 steht in der Mutter-Kind-Einrichtung ein Termin mit Garmo, ihrer Anwältin und der Kinderschutzbehörde an. Kurz vor dem Gespräch meldet sich die Anwältin bei der Mutter, Barnevernet habe das Treffen abgesagt. Vom Rest des Gesprächs gibt es zwei unterschiedliche Versionen. Garmo beschreibt es so: Ihre Anwältin habe mit ernster Stimme geraten, dass Garmo "das Kind nimmt und die Einrichtung verlässt. Sofort."

Garmos Furcht vor dem Jugendamt ist zu diesem Zeitpunkt allgegenwärtig. Die Mutter glaubt, in den Worten ihrer Anwältin einen Code zu erkennen: Wenn sie nicht flieht, holt der Kinderschutz ihre Tochter ab. Panisch stopft sie sich ihren Reisepass in den BH, schnappt ihr Baby und verlässt das Gebäude fluchtartig über den Hinterausgang. Dabei, so erzählt die Mutter es, hätten ihre Beine so sehr gezittert, dass sie stürzte.

Die Anwältin hat das Telefonat anders in Erinnerung. Sie habe Garmo am Telefon nur geraten, einen Spaziergang zu machen, um sich zu beruhigen, sagt sie.

In Polen erzählt Garmo heute öffentlich, dass ihr Barnevernet an diesem Tag im Mai 2017 das Kind wegnehmen wollte. Doch dafür gibt es keine Belege. Garmos Anwältin sagt, ihre Mandantin hätte das Baby mit hoher Wahrscheinlichkeit behalten dürfen, wenn sie in der Klinik geblieben wäre. Demnach flieht Garmo nicht nur vor dem Kinderschutzdienst, sondern vor allem vor ihrer eigenen Angst.

Die Behörden tun allerdings nichts, um diese Angst zu entkräften. Laut ihrer Anwältin und einem Helfer gibt es mehrere Versuche, die Situation zu schlichten. Garmo bietet an, in die Mutter-Kind-Klinik zurückzukehren, wenn ein ihr vertrauter Psychologe sie begleitet. Der Kinderschutzdienst lehnt das nach Aussagen der Beteiligten ab. Barnevernet selbst darf sich zu Einzelfällen nicht äußern.

Garmo versteckt sich zunächst bei Bekannten und entscheidet schließlich, sich mithilfe der Barnevernet-Gegner nach Polen abzusetzen. Auch andere Familien, die mit dem Kinderschutzdienst Probleme hatten, zogen in der Vergangenheit dorthin. Garmos Netzwerk organisiert ein Auto, das die Mutter und ihr Baby nach Polen bringt.