Nach Garmos Flucht alarmiert Barnevernet die Polizei. Die Behörden fürchten um das Wohl des Kindes. Garmo kontaktiert deshalb Ordo Iuris. Ihr Anwalt Kwaśniewski rät ihr, in Polen Asyl zu beantragen. Er hilft ihr bei den Formalitäten und unterstützt sie im Asylverfahren. In dem Antrag, der ZEIT ONLINE vorliegt, heißt es sogar, Norwegen habe noch vor der Geburt ihrer zweiten Tochter beschlossen, das Kind in Obhut zu nehmen. Dafür jedoch findet sich in den norwegischen Dokumenten kein Hinweis. Auch Garmos Anwältin widerspricht dieser Darstellung.

Von diesem Moment an wird Garmos Geschichte zu einem Politikum. Um Asyl in Polen zu bekommen, genügt es nicht, verfolgt zu werden. Man muss zusätzlich nachweisen, dass es im Interesse des polnischen Staates liegt, die betreffende Person aufzunehmen. Auch deshalb versucht Kwaśniewski im Asylantrag, aus Garmos Erlebnisse einen Präzedenzfall zu konstruieren. Ihr Schicksal soll die angebliche Brutalität des norwegischen Kinderschutzdienstes nachweisen, unter der auch polnische Familien leiden.

Dem Asylgesuch liegen auch die Dokumente aus Norwegen bei, die Garmo psychische Probleme und die Vernachlässigung ihrer ersten Tochter bescheinigen. Obwohl diese Papiere Garmos Darstellung zumindest in Teilen widersprechen, bewilligen die polnischen Behörden schließlich ihren Asylantrag. Warum? Welches Interesse hat der polnische Staat daran, Silje Garmo aufzunehmen?

Geste der Vergeltung

Offiziell äußert sich Polen nicht dazu, weshalb die Regierung Garmo Asyl gewährte. Möglicherweise gibt ihr Antrag einen Hinweis darauf: Darin wird angedeutet, dass ein positiver Bescheid Polen helfen könne, um Druck auf Norwegen auszuüben. Es sei unmöglich zu behaupten, dass der "Fall irrelevant ist für polnische Staatsbürger, die Probleme mit Barnevernet haben", heißt es in dem Papier. Das Asyl für Garmo kann also auch als politisches Signal an Norwegen verstanden werden. Als Geste der Vergeltung dafür, dass das skandinavische Land polnische Familien in die Mangel nimmt.

An einem Montag im Februar 2019 steht Garmo vor der norwegischen Botschaft in Warschau und friert. Sie hat sich ihren blauen Schal tief ins Gesicht gezogen, die Hände in ihren Manteltaschen vergraben. Ordo Iuris hat zu einer Demonstration vor der norwegischen Vertretung aufgerufen: Die Organisation will Solidarität mit dem polnischen Konsul zeigen, der wegen seiner Kritik an Barnevernet aus Norwegen ausgewiesen wurde. Polen hat im Gegenzug inzwischen einen norwegischen Konsul des Landes verwiesen. Die Stimmung zwischen den Ländern ist angespannt.

Kwaśniewski hat Garmo zu der Demonstration eingeladen. Nur wenige Menschen sind erschienen, trotzdem hält sich Garmo etwas abseits. Einige polnische Mitarbeiter aus der Botschaft in Oslo sind gekommen, ein Mann mit einem Schild, auf dem steht: "Eine Familie ist wichtiger als der Staat."

Als das polnische Fernsehen mit einem Kamerateam auftaucht, winkt Kwaśniewski zu seiner Mandantin herüber. "Silje, kommst du?" Es klingt nach einer Aufforderung. Einen Moment schaut Garmo unsicher, sie zögert. Dann stellt sie sich zu ihrem Anwalt vor die Kamera. Kwaśniewski kritisiert in deutlichen Worten die norwegischen Behörden. Garmo steht still daneben.

"Ich hasse Norwegen nicht"

Garmo ist dankbar für die Hilfe in Polen. Aber sie scheint zu verstehen, dass sie auch benutzt wird. Dass es nicht nur um sie und ihre Tochter geht, sondern um einen Konflikt zwischen zwei Ländern.

"Ich hasse Norwegen nicht", sagt Garmo, als die Kamera wieder aus ist. Sie blickt hinauf zu dem Hochhaus, in dem die diplomatische Vertretung ihres Heimatlandes sitzt. Garmo sieht müde aus und ein wenig verloren.

Sie hat ihre Familie in Norwegen zurückgelassen und lebt nach eigenen Angaben von der Unterstützung ihres Vaters, der ihr Geld überweist. Garmo hat keine Arbeit, bis heute hat sie keinen Sprachkurs besucht. Wie ihre Zukunft in Polen aussehen soll, kann Garmo auch zwei Jahre nach ihrer Flucht nicht sagen.

Sie ist jetzt sicher vor dem norwegischen Kinderschutzdienst – genau wie sie es wollte. Aber sie ist auch eine alleinerziehende Mutter in einem fremden Land.

Am selben Tag, an dem Ordo Iuris in Warschau demonstriert und Garmo in der Februarkälte neben ihrem Anwalt steht und schweigt, wird bekannt, dass eine norwegische Mutter an der deutschen Grenze festgehalten wurde. Sie hatte ihren Sohn dabei: Barnevernet hatte das Kind in Norwegen in staatliche Obhut genommen. Die Mutter sagte, sie habe mit dem Jungen nach Polen fliehen wollen, so wie Silje Garmo. Vielleicht gebe man ihr dort Asyl.

Mitarbeit: Marcin Krasnowoski, Ole Pflüger, Susanne Hegenscheidt