Dieser Artikel ist Teil unserer Serie "Die neuen Europäer". Wir besuchen dafür Menschen, die nicht von Europa träumen, sondern europäisch leben. Wir erzählen von neuen Glücksmomenten und Konflikten, die es ohne die EU nicht gäbe. Lesen Sie diesen Text hier auf Englisch.

Silje Garmo nahm nichts mit. Keine Kleidung, kein Spielzeug für ihr Baby. Sie ließ alles zurück. Die Behörden suchten nach ihr, die Zeit war knapp.

Sie fuhren 21 Stunden lang. Garmo saß auf dem Rücksitz des Autos, ihr Baby, vier Monate alt, lag in einem Kindersitz neben ihr. Auf den Vordersitzen: ein Mann und eine Frau, die Garmo nicht kannte. Als sie die Grenze nach Polen überquerten, sagte niemand ein Wort. "Ich hatte Angst", erinnert sich Garmo.

Silje Garmo floh aus ihrer Heimat, wie es jeden Tag Tausende Menschen tun. Doch ihr Fall ist außergewöhnlich. Garmo flüchtete aus einer europäischen Demokratie in einen Staat mit autoritären Tendenzen. Aus einem der reichsten Länder der Welt in ein deutlich ärmeres. Silje Garmo und ihre Tochter flohen aus Norwegen nach Polen.

Die Autofahrt liegt zwei Jahre zurück, aber sie hat Folgen bis heute. Mit ihrer Entscheidung hat Garmo nicht nur ihr eigenes Leben verändert, sondern auch die diplomatischen Beziehungen zwischen zwei Ländern. Garmos Flucht ist die Geschichte einer verzweifelten Frau, die eine Staatsaffäre zwischen Polen und Norwegen verursacht hat.

Im Spätsommer 2017 beantragt Garmo Asyl in Polen. Die Behörden verhandeln monatelang, bis sie im Dezember des vergangenen Jahres eine spektakuläre Entscheidung bekannt geben: Polen erkennt die Norwegerin und ihre Tochter als Schutzsuchende an. Ihr Heimatland habe Garmos Menschenrechte verletzt, deshalb müsse Polen sie aufnehmen. Ein Schritt, den man in Warschau äußerst selten geht: In den vergangenen zwei Jahren bekam außer Garmo nur eine einzige Person dort Asyl.

Einheit der traditionellen Familie

Was macht den Fall von Silje Garmo so besonders? Eine Norwegerin muss üblicherweise in Polen kein Asyl beantragen, um sich dort legal aufzuhalten, auch wenn das Land kein EU-Mitglied ist. Für die Bürger Norwegens gilt in der EU die Freizügigkeit.

ZEIT ONLINE liegen umfangreiche Dokumente vor, mit denen sich der Fall rekonstruieren lässt. Sie zeigen, wie aus Garmos Flucht eine diplomatische Krise geworden ist. Es geht im Kern darum, was wichtiger ist: die Einheit der traditionellen Familie oder das Wohl eines Kindes. Darüber ist in Europa ein Streit entbrannt. Im Mittelpunkt stehen Silje Garmo und ihre Tochter.

Garmo ist 37 Jahre alt, eine Frau mit kindlichen Gesichtszügen. Sie kann ernst wirken und nachdenklich, und kurz darauf unbedarft wie ein Teenager. Gemeinsam mit ihrer Tochter lebt Garmo heute, zwei Jahre nach ihrer Flucht, in der Nähe von Warschau. Die Häuser in der Gegend sind niedrig, Kiefern wachsen am Straßenrand. Vor Garmos Tür steht ein abgedeckter Sandkasten, daneben ein Fahrrad mit einem Kindersitz für ihre Tochter.

Drinnen dunkles Parkett, Ledermöbel, Familienbilder auf einem Kaminsims und überall Spielzeug: auf dem Boden Kuscheltiere, in der Ecke ein lilafarbenes Spielzelt. Dazwischen Luftballons, übrig geblieben vom Kindergeburtstag der zweijährigen Tochter. In Socken hüpft das Mädchen durchs Wohnzimmer. Sie lacht so hell, dass sich ihre Stimme überschlägt. "Sei vorsichtig!", ruft Garmo. Sie sagt diese Worte auf Polnisch: Uważaj.  Garmos Tochter hat fast ihr ganzes Leben in Polen verbracht.

"Man hat ihr das Recht genommen, in Norwegen zu leben", sagt die Mutter. Man habe sie und ihre Tochter aus ihrer Heimat vertrieben: Der norwegische Staat habe sie erpresst und bedroht und ihr schließlich keine andere Wahl gelassen, als zu gehen. "Norwegen möchte als die perfekte Demokratie erscheinen", sagt Garmo. "Aber das ist es nicht."