Objektive Zahlen belegen, dass die Kriminalität sinkt – vor allem die Gewaltkriminalität. Doch fast alle Menschen sind vom Gegenteil überzeugt. Auch die Polizei versucht, die Lage möglichst düster erscheinen zu lassen. Und Medien machen oft mit. Der Strafrechtsprofessor Tonio Walter erklärt die Mechanismen dahinter.

Die Jugend wird nicht gewalttätiger, im Gegenteil: In den vergangenen zwanzig Jahren ist die Gewalt an Schulen in Deutschland um fast 40 Prozent zurückgegangen. Das belegen die Zahlen der Unfallversicherer: Im Jahr 1999 kamen auf 1.000 Schüler an allgemeinbildenden Schulen noch 14,4 "gewaltbedingte Schülerunfälle" – also Prügeleien, die eine medizinische Behandlung erforderlich machten. Im jüngsten Berichtsjahr 2017 waren es nur noch 8,7. Dazu passt, was schon 2006 im Zweiten Periodischen Sicherheitsbericht der Bundesregierung zur Jugendgewalt zu lesen war: Alle Studien zur tatsächlich verübten Kriminalität – nicht nur zur polizeilich registrierten – zeigten "Rückgänge der Gewalt junger Menschen", sowohl an den Schulen als auch sonst. "Auch eine qualitative Verschärfung, im Sinne eines steigenden Schweregrades der Delikte, ist empirisch nicht festzustellen." Ganz ähnlich resümiert der Sicherheitsbericht die Erkenntnisse zur Gewaltkriminalität insgesamt: Es sei keine "stetige Zunahme oder auch nur qualitative Verschärfung" schwerer Gewaltkriminalität zu beobachten, im Gegenteil: "Die Bürger lehnen nicht nur Gewalt in zunehmendem Maße ab; es ist auch ein Rückgang der Gewalt in zahlreichen Lebensbereichen zu beobachten."

Anstiege der Fallzahlen habe es nur in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) gegeben; also in jenem Teil der Kriminalität, von dem die Polizei Kenntnis erlangt. Es war also nur das sogenannte Hellfeld, das größer wurde. Zu einem solchen Anstieg im Hellfeld kommt es vor allem dann, wenn die Anzeigebereitschaft der Bürger wächst. Das tut sie, wenn die Toleranz der Menschen gegenüber bestimmten Handlungen sinkt. Und genau das erlebten wir seit Jahrzehnten vor allem auf zwei Gebieten: auf dem der Gewaltdelikte und auf dem der sexuellen Übergriffe. Seit zwei Jahren jedoch sinken die Zahlen der Gewaltkriminalität auch in der PKS.

Warum sinkt die Gewaltkriminalität?

Dass die Gewaltkriminalität sinkt, ist vergleichsweise leicht zu erklären. Gewaltdelikte sind seit eh und je eine Domäne jüngerer Menschen, vor allem junger Männer. Es ist daher ganz unwahrscheinlich, dass in einer stark und schnell alternden Gesellschaft diese Kriminalität zunimmt. Gleiches gilt für verwandte Formen der Kriminalität wie Raub und Einbruchsdiebstahl – alles, wozu man Kraft und Aggressivität braucht. Sehr wahrscheinlich ist es hingegen, dass diese Arten von Kriminalität abnehmen. Dies gilt jedenfalls für eine Gesellschaft wie die der Bundesrepublik, in der seit Jahrzehnten stabile Zustände herrschen und die ebenso lange von Kriegen, Bürgerkriegen, Völkerwanderungen und Revolutionen verschont worden ist. Daran ändern auch die Migration und die Flüchtlingsbewegung von 2015 wenig. Zwar haben sie die Gesellschaft etwas verjüngt und deren Männeranteil erhöht, die Zahl der registrierten Kriminalität stieg durch sie leicht an. Doch mit Blick auf die Gesamtbevölkerung spielt beides nur eine geringe Rolle.

Die Gewaltkriminalität sinkt langfristig aber auch, weil unsere Gesellschaft immer unduldsamer gegenüber allen Formen von Gewalt geworden ist. Zwar verwandeln sich neue gesellschaftliche Ideale und Normen nie umgehend in eine neue gesellschaftliche Wirklichkeit. Aber sie sind Teil eines kollektiven Lernprozesses, der sich früher oder später auch darin äußert, wie Menschen handeln.

Warum dulden wir immer weniger Gewalt?

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird unsere Gesellschaft mit steigender Geschwindigkeit intoleranter gegenüber Gewalt. Das hat mehrere Gründe. Der erste ist der Gewaltexzess des Krieges und der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Er hat zu einem Umkehrimpuls geführt, zu einer besonders profunden Ächtung aller Formen von Gewalt. Die Friedensbewegung war ein Ergebnis und die Überzeugung, Deutschland solle sich aus sogenannten bewaffneten Konflikten möglichst heraushalten. Im gesellschaftlichen Innenverhältnis zeigt sich die fundamentale Ächtung aller Gewalt zum Beispiel in dem vergleichsweise neuen Verbot, Kinder zu erzieherischen Zwecken zu schlagen. Seit dem Jahr 2000 heißt es im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB): "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig." Und während noch in den Siebzigerjahren in den meisten deutschen Familien und in der Schule eine gelegentliche Tracht Prügel zum Standardrepertoire der Kindererziehung zählte und eine Ohrfeige nicht einmal als Gewalt betrachtet wurde, ist die Gewaltfreiheit des Umgangs mit Kindern heute zwar noch immer nicht überall Realität, aber doch deutlich weiter gehend als früher.

Und noch etwas zeigt die zitierte BGB-Norm: die Ablehnung sogar "seelischer Verletzungen", also psychischer Gewalt. Diesen Begriff gab es, als ich studierte, noch gar nicht so richtig und wenn man ihn einem Polizisten vortrug, lächelte er müde und sagte sinngemäß: Wir haben andere Probleme; mit seinen Befindlichkeiten möge bitte ein jeder allein klarkommen. Heute hingegen höre ich Polizisten wie selbstverständlich auch von dem Übel der psychischen Gewalt reden.

Ein weiterer Grund für unsere strikte Ächtung von Gewalt ist das wachsende gesellschaftliche Gewicht von Frauen. Es hat auch zu einem Anstieg der rechtlichen Gewichtung klassisch (nicht ausschließlich) weiblicher Bedürfnisse und Wertungen geführt. Am deutlichsten wird das in den zahlreichen und drastischen Verschärfungen des Sexualstrafrechts. Und dazu gehört auch ein verstärktes Bedürfnis, Schwache zu schützen, und eine andere, nämlich besorgtere Bewertung von Gewalt in allen ihren Formen. Das betrifft zwar zunächst nur die Gewalt gegenüber Frauen, färbt aber in Zeiten der Gleichberechtigung und Gleichstellung auf alle Arten von Gewalt ab.