Diskriminierung - Sie nannten sich Krüppel Swantje Köbsell kettete sich 1981 in ihrem Rollstuhl an die Bürgerschaft in Bremen. Der Auftakt für eine neue Form des Protests für Menschen mit Behinderungen.

Dass sie sich mal irgendwo für irgendetwas anketten würde, hätte Swantje Köbsell nie gedacht. Es ist der 18. Februar 1981 und sie und ihre Bremer Mitstreiter sitzen an der Eingangstreppe der Bürgerschaft. Eine Kette läuft durch die Speichen ihrer Rollstühle. War es klug, sich Stunden vor dem Hungerstreik noch den Bauch vollzuhauen? Zeit zum Grübeln blieb nicht, denn sie wollten handeln. 

Sie nannten sich selbst "Krüppelgruppe". Anfang der Achtzigerjahre bilden sie den kleinen militanten Teil der deutschen Behindertenbewegung. Nichtbehinderte haben keinen Zutritt, denn die Mitglieder haben die Erfahrung gemacht, dass in gemischten Gruppen die Nichtbehinderten oft die Führung übernehmen. Es soll darum gehen, sich zunächst untereinander über die eigenen Ausgrenzungserfahrungen auszutauschen. Nach der Gründung der ersten Krüppelgruppe in Bremen 1977 folgen Gruppen in Hamburg, München und Marburg.

Zu dieser Zeit wird auch das sogenannte Frankfurter Behindertenurteil gesprochen: Eine ältere Frau verklagt ihren Reiseveranstalter auf Schadensersatz, unter anderem weil sich an ihrem Urlaubsort in Griechenland eine Gruppe Schwerbehinderter aufhält. Sie bekommt Recht. "Dass es Leid auf der Welt gibt, ist nicht zu ändern; aber es kann der Klägerin nicht verwehrt werden, wenn sie es jedenfalls während des Urlaubs nicht sehen will", lautet ein Teil der Begründung des Frankfurter Landesgerichts. Das Urteil sorgt 1980 für großes Aufsehen in der Bundesrepublik. Ein Jahr später findet in Dortmund das "Krüppeltribunal" statt, auf dem Menschenrechtsverletzungen gegen Menschen mit Behinderungen angeprangert werden.

Die Krüppelgruppen und andere Behindertenvereine kämpften nicht nur für gesellschaftliche Akzeptanz, sondern auch für abgesenkte Bordsteine und barrierefreie Gebäude, die es in ihren Städten oft noch nicht gab. Wie Swantje Köbsell und die Krüppelgruppe Bremen gegen diese Barrieren vorgegangen sind, wie es zu ihrem Hungerstreik kam und was sich heute noch ändern muss, sehen Sie im Videoporträt.