"Mädchen, wir müssen raus aus Deutschland" – Seite 1

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie "Die neuen Europäer". Wir besuchen aus Anlass der Europawahl Menschen, die nicht von Europa träumen, sondern europäisch leben. Wir erzählen von neuen Konflikten und Glücksmomenten, die es ohne die EU nicht gäbe.

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Waldemar Hackstätter schreitet über seinen Rasen. Er zeigt auf das Blumenbeet, in dem noch ein Spaten steckt und auf die Hollywoodschaukel, die so unter einem Kirschbaum steht, dass einem die Früchte direkt in den Mund wachsen. Er präsentiert zwei kleine Springbrunnen, einen Buddha aus Beton und ein Teehäuschen, das er selbst gebaut hat. Ein H und ein W sind ins metallene Dach geschweißt, Hildegard und Waldemar. Oder: Herzlich willkommen, das könne man sich aussuchen. Es gibt natürlich auch einen Grill, einen Backofen und eine kleine Räucherei für Fisch. Das einzig Nichtdeutsche an diesem Garten: Er liegt nicht in Deutschland, sondern in einem Dorf im Nordosten Bulgariens. Sirakowo, 60 Einwohner und ein paar Esel.

Die Hackstätters gehören zu den vielen deutschen Rentnern, die ins Ausland gezogen sind. Vor allem wegen des Geldes. Hildegard und Waldemar Hackstätter können sich Deutschland nicht mehr leisten, sagen sie. Ihre Heimat, Biberach an der Riß, wo Baden-Württemberg wie eine Postkarte aussieht, war zu teuer für sie. Die Hackstätters mussten weg. Sie sind die etwas anderen Wirtschaftsflüchtlinge. Sie sind nicht vor der Armut in ihrer Heimat geflohen, sondern vor dem Reichtum.

Waldemar Hackstätters langen, fast schlohweißen Haare fallen ihm über die Schultern. Er trägt Koteletten, einen Schnauzer und einen Kinnbart, den er sich nur hat wachsen lassen, weil ihm seine Frau zum Fasching mal ein Musketier-Kostüm besorgt hatte. So ist Waldemar Hackstätter, 77, halbe Sachen macht er nicht. "Ich will leben, nicht nur überleben" ist so ein typischer Satz von ihm. Oder: "In Deutschland war ich arm, hier bin ich nach dem Bauern der zweitreichste Mann im Dorf."

Hildegard Hackstätter, 71, muss sich bei solchen Sätzen Mühe geben, nicht die Augen zu verdrehen. Sie spricht breites Schwäbisch, erzählt gern nicht jugendfreie Witze und lächelt wie die Lieblingsoma. "Die sind lecker, glauben Sie mir", sagt sie und stellt eine Schüssel voller Windbeutel auf den Tisch. Die tiefgefrorenen von Lidl. Der deutsche Supermarkt ist auch in Bulgarien nur eine halbe Stunde entfernt.

Hildegard Hackstätter hat 45 Jahren lang in Deutschland gearbeitet. Als Platzanweiserin im Kino, als Verpackerin im Milchwerk und beim Rollladenbau. Sie hat im Altenheim und Thermalbad geputzt, war Badeaufseherin und hat Menschen mit Behinderung durch die Stadt gefahren. Sie hat das hinter sich, was man eine unstete Erwerbsbiografie nennt, aber gearbeitet hat sie fast immer. Als sie vor zwölf Jahren ihren Rentenbescheid bekam, erzählt sie, musste sie sich erst mal setzen. Bis nachts um drei hockte sie in ihrer Wohnung auf dem Boden und weinte. Nicht einmal 500 Euro, für 45 Jahre. "Mädchen, wir müssen raus aus Deutschland", hat Waldemar Hackstätter damals zu ihr gesagt.

So gingen sie also nach Bulgarien, das ärmste Land der Europäischen Union. Gut 500 Euro verdienen die Menschen hier im Schnitt, fast ein Viertel der Bevölkerung ist von Armut bedroht. In Bulgarien gehören arme deutsche Rentner zur oberen Mittelschicht. "Hier brauche ich nicht mehr in den Geldbeutel schauen und mich fragen, ob ich ins Restaurant gehen kann oder nicht", sagt Waldemar Hackstätter. "Hier gehe ich einfach rein." Mit dem Umzug haben die Hackstätters ihre Rente erhöht, ohne einen Cent mehr zu bekommen.

Alle zwei Wochen fahren Hildegard und Waldemar Hackstätter ans Schwarze Meer. Eine halbe Stunde mit dem Auto. Die Straßen führen durch Lavendel- und Sonnenblumenfelder, immer gerade aus. Hier oben, nördlich der Hafenstadt Warna, an der Grenze zu Rumänien, gibt es nichts, wofür es sich gelohnt hätte, eine Kurve zu bauen. Alle fünf Minuten kommt den Hackstätters ein Auto entgegen, sie lieben die Weite und die Ruhe.

Am Strand bei Durankulak schlägt das Wasser schaumige Blasen, wahrscheinlich Algen. Es ist ohnehin noch etwas zu frisch zum Baden. Hildegard Hackstätter hält sich den Kragen ihrer Jacke zu, der Wind. Südlich von hier, in Albena und Goldstrand, werden gerade noch die Hotelbunker für die Saison herausgeputzt, Bagger schieben Sandhaufen am Strand hin und her. Im Sommer treten dort sicher wieder Jürgen Drews und Mickie Krause auf, der neue Ballermann, heißt es. Die Hackstätters mögen es dort nicht. Zu voll, zu teuer, zu viele Souvenirläden. Sie bleiben lieber hier. Nur 500 Meter den Strand runter, sagt Waldemar Hackstätter, da sei auch im Sommer kein Mensch. "Da kannst du ins Wasser gehen, wie du willst." 

Sie schlendern umher, Arm in Arm. Das Klima tue ihnen gut, sagen sie. Es sei schließlich derselbe Breitengrad wie Rom. Waldemar Hackstätters Probleme mit der Schulter seien mittlerweile auch verschwunden.

Fast 250.000 deutsche Rentner leben im Ausland. Die meisten davon in der Schweiz, den USA und Österreich. Doch Osteuropa holt auf. Dank der EU ist es einfacher geworden, seinen Alterswohnsitz in Länder zu verlegen, in denen das Leben nur halb so teuer ist. Nach Ungarn werden heute mehr als doppelt so viel Renten an Deutsche ausbezahlt wie noch vor zehn Jahren. Nach Polen auch. Auch in die Tschechische Republik ziehen immer mehr deutsche Rentner. In Bulgarien waren es im Jahr 2017, als das letzte Mal offiziell gezählt wurde, schon 652 Rentner. Die Hackstätters glauben aber, dass es viel mehr sind. Und noch mehr werden. Schon jetzt ist in Deutschland etwa jeder fünfte Rentner von Altersarmut betroffen. Ein Blick auf die Demografie zeigt, dass es eher mehr als weniger werden. Altern in Würde, für viele wird das in ihrer Heimat unmöglich sein. "Dass Rentner in Deutschland Flaschen sammeln müssen, ist doch eine Frechheit", sagt Hildegard Hackstätter.

Die Hackstätters erzählen, dass ihnen in Deutschland zusammengenommen 300 Euro im Monat zum Leben geblieben wären. Deswegen Bulgarien, deswegen diese Waldemar-Hackstätter-Sätze: "Wir leben hier seit zehn Jahren. Und haben keinen Tag bereut." Ein anderer: "Und selbst wenn ich 5.000 Euro im Monat hätte, ich würde nicht mehr zurück nach Deutschland gehen." Manchmal klingt Waldemar Hackstätter wie jemand, der auch gegen eigene kleine Zweifel anredet.  

Wie gut ist eigentlich das Bulgarisch der Hackstätters?

Fast zwei Millionen Einwohner hat Bulgarien seit 1990 verloren, zwei von knapp neun Millionen. Jede Stunde verschwinden neun Bulgaren aus dem Land, so hat es ein Wissenschaftler kürzlich formuliert. Viele von ihnen, oft gut ausgebildet, haben sich auf den Weg nach Westeuropa gemacht. In ihre Häuser ziehen nun die Rentner aus dem Westen. "Das Land blutet aus", sagt Waldemar Hackstätter. Deshalb seien die Bulgaren auch froh über die neuen Nachbarn.

Es sind nicht nur arme Rentner, die kommen. Da ist auch der Pensionär, der hier ist, weil die Gebühr für den Golfplatz nur die Hälfte kostet. Andere kommen wegen des günstigen Zahnersatzes: An der Küste gibt es fast mehr Zahnkliniken als Hotels. Aber nicht alle hier sind glücklich. Die Hackstätters kennen zwar niemanden, der wieder zurückgegangen ist. Aber da ist zum Beispiel die deutsche Rentnerin, die in einem Plattenbau in Warna wohnt und mit ihrer Entscheidung hadert, es sich aber kaum leisten kann, Bulgarien wieder zu verlassen. Wieder andere fühlen sich einsam im fremden Land. Einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, dessen Schrift sie nicht einmal lesen können. Wie gut ist eigentlich das Bulgarisch der Hackstätters? "Furchtbar", sagt Waldemar Hackstätter.

Eigentlich wollten die Hackstätters in den Süden Bulgariens ziehen, an den Sonnenstrand, nach Burgas oder Nessebar. Dort aber hatte es ihnen nicht gefallen. Als sich das Ehepaar dann 2008 das 1.650 Quadratmeter große Grundstück samt Haus anschaute, fiel Waldemar Hackstätters Blick auf seine Frau, die im Garten schon Kirschen pflückte. Als er das sah, wusste er: "Das nehmen wir."

Es gab nur ein Problem: 20.000 Euro sollten Haus und Grundstück kosten. Woher so viel Geld nehmen, wenn man kaum etwas hat? 7.000 Euro, mehr hatten die Hackstätters zu jener Zeit nicht angespart. Hildegard und Waldemar Hackstätter gingen nochmal zurück nach Deutschland und arbeiteten Tag und Nacht, sie als Putzfrau, er als Handwerker und Schlosser. Jeden Monat schickten sie 3.000 Euro nach Bulgarien. Nach einem halben Jahr war das Haus ihres. 

Auf dem Rückweg vom Strand halten sie im Nachbardorf. Wie viele Orte der Gegend wirkt Spassowo wie ausgestorben. Ein paar Kinder hocken am Straßenrand, Hunde trotten über die Straße. Vor dem Magazin, so nennen sie in Bulgarien die Tante-Emma-Läden, sitzen vier Männer an Plastiktischen und rauchen. Die Hackstätters grüßen, die Einheimischen nicken. "Ich bin hier schon bekannt wie ein bunter Hund", sagt Waldemar Hackstätter. "Sie nennen mich den Mann mit den weißen Haaren." Vielleicht, weil der Mann mit den weißen Haaren auch ein netter Mann ist. Mal fährt er einen Nachbarn zum Arzt, mal schraubt er einem den Hahn ans Weinfass. Der Nächste bekam die Harke geschärft, der Esel eines anderen die Hufe geschnitten. Waldemar Hackstätter hat Zeit. Der Bürgermeisterin baute er eine Toilette ins Haus.

Waldemar Hackstätter wurde in der Ukraine geboren. Mit seiner Mutter floh er nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem osteuropäischen Land nach Westen. Ihr Hab und Gut: eine Kiste mit zwei Pferdedecken, ein Besen, eine Schaufel. Sie landeten in Zschopau, in Sachsen. Als er 12 war, wurde seine Mutter ins Gefängnis gesteckt, Zeugin Jehovas, in der DDR verboten. Ein Bauer rettete Waldemar Hackstätter vor dem Kinderheim, er ließ ihn bei sich wohnen, dafür musste Hackstätter auf dem Hof arbeiten. Um 6 Uhr stand der Junge im Stall, an 365 Tagen im Jahr. Später wurde Waldemar Hackstätter Schlosser, heiratete, zog zwei Kinder groß, wurde Fleischer, stellte einen Ausreiseantrag und ging vier Jahre später in die BRD. Dort arbeitete er in einer Schlachterei, er war dafür zuständig, das Fleisch aufzuladen. Einmal wettete er mit seinen Kumpels, dass er das 260 Kilo schwere Vorderviertel eines Zugochsen alleine schultern könne. Er hat natürlich gewonnen. 

Aber es lief nicht nur rund: Seine erste Ehe ging in die Brüche. Und weil er sich in der Schlachterei einmal so tief in die Hand gestochen hatte, dass er keine Ochsen mehr schleppen konnte, musste er fortan Versicherungen verkaufen. Er ging von Tür zu Tür, putzte Klinken.

Im Tante-Emma-Laden zeigt Hildegard Hackstätter auf ein Stück Rauchfleisch, der Verkäufer wickelt es in Papier. Sie kaufen auch Brot, Wasser, eine Flasche Ouzo und bulgarischen Whisky. Wenn man schon mal hier ist. Waldemar Hackstätter braucht noch einen neuen Rasierer. Aber im Laden ist keiner zu sehen. "Rasierer?", fragt er auf Deutsch und fährt sich mit der Hand über Wange und Kinn. Der Verkäufer zieht die Stirn in Falten. Was bitte heißt Rasierer auf Bulgarisch? Der Verkäufer überlegt kurz, entsperrt sein Handy und lässt Waldemar Hackstätter "Rasierer mit Klinge" hineinsprechen. Ein Programm übersetzt, der Verkäufer nickt. 20 Lewa kostet alles zusammen, nicht einmal 10 Euro.

Fehlt den Hackstätters hier in Bulgarien denn etwas, vielleicht der Klassiker, das deutsche Brot? "Nein", sagt Hildegard Hackstätter, "wenn ich ein Schwarzbrot will, dann backe ich eins." Und was ist mit deutschen Ärzten und Krankenhäusern? Vor drei Jahren hatte sich Hildegard Hackstätter den Oberschenkel gebrochen. Sie wurde in Bulgarien operiert. "Ich kann nichts Schlechtes darüber sagen", sagt sie. Und überhaupt: "Wenn ich im Krankenhaus meinen Kopf unterm Arm trage, ist es mir egal, wo ich liege", sagt Waldemar Hackstätter.

Waldemar und Hildegard Hackstätter haben keine gemeinsamen Kinder, aber jeweils zwei aus früheren Beziehungen. Bei diesem Thema werden die Hackstätters für einen Moment still. "Sie waren nicht begeistert, dass wir nach Bulgarien gingen. Sie fragten: Wie kann man nur?", sagt Hildegard Hackstätter. Sie blinzelt, schaut auf den Boden. "Mittlerweile sagen sie nichts mehr zu dem Thema", sagt sie. 

Das also scheint der Preis zu sein. Wer nicht in einer schwäbischen Zwei-Zimmer-Wohnung, sondern in einem Haus mit Garten wohnen will, wer leben statt nur überleben will, der muss auch etwas in Kauf nehmen: in diesem Fall die Entfernung, auch die emotionale. Waldemar Hackstätter hatte den Kindern damals gesagt, sie könnten ihren Eltern ja auch 150 Euro im Monat zustecken. Dann könnten sie es sich leisten zu bleiben. Aber die Kinder hätten nur rumgedruckst. Und eigentlich ist Waldemar Hackstätter auch der Letzte, der seinen Kindern auf der Tasche liegen möchte. Das hätten nun alle auch irgendwie erkannt. Seitdem sei es okay.

Da stehen sie, die Hackstätters vor ihrem Haus, auf ihrem Rasen. Sie blicken sich an, so verliebt, als hätten sie sich letzte Woche erst kennen gelernt. Sie haben sich und sie haben ihren Garten. Die Hollywoodschaukel, den Kirschbaum, die Springbrunnen, den Grill, den Räucherofen, die Weite. Auf die Frage, was davon die Hackstätters hätten, wenn sie noch in Deutschland leben würden, antworten sie: "Gar nichts."