Stamatis Zográphos, 62, lebt gerade in Platamonas an der griechischen Küste. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Wo Stamatis Zográphos gerade wohnt, sieht nichts nach Krise aus. Der Himmel ist blau, die Auffahrt mit Palmen gesäumt. Dahinter, im Garten, blüht ein Zitronenbaum neben Orangen- und Olivenbäumen. Zográphos raucht an einem Metalltisch im Schatten.

Er sitzt arbeitslos im Paradies, in Platamonas, jener Art von Urlaubsorten, die Touristen schon für ihre Namen lieben. Im Sommer kommen sie wegen der Fischrestaurants, der Lichter am Hafen, wegen der Liegen am Ägäischen Meer. "Ich hasse das", sagt Stamatis Zográphos, ein Mann mit Halbglatze und grauem Bart, 62 Jahre alt. Er ascht ab. 

Und trotzdem sei er lieber hier, sagt er, im Haus seines Neffen, Computerentwickler so wie er ("Momentan im Silicon Valley"), als in der eigenen Wohnung in Thessaloniki, die er womöglich bald verkauft. Zográphos kann sie nicht halten, er kann sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten, in der er aufgewachsen ist, wo er Mathematik studiert und jahrzehntelang gearbeitet hat.

Zu Beginn der Krise, 2010, verlor er seine Anstellung. Er fand keine neue, stellte sich in Unternehmen vor, auch in bulgarischen, sah jedoch mit zunehmendem Alter seine Chancen auf einen Job schwinden, den Firmen gerne jung besetzen. "Außerdem", sagt er, "sind die Bulgaren kompetitiv und günstig." Arbeitslosengeld erhält man in Griechenland nicht länger als zwölf Monate; die Rente, die er erwarte, sei "little money". Ein Taschengeld.

Die meisten Griechen, sagt Stamatis Zográphos, seien über die Deutschen verbittert gewesen. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Stamatis Zográphos spricht so klar Englisch, wie er erzählt: analytisch, ruft Jahreszahlen ab, berichtet ungeschönt von seinem Verlust. Erst a), dann b), dann c). Wie auch anders? Es habe wesentlich schlimmere Schicksale gegeben, sagt er, man schaue sich die Suizidraten seines Landes in den vergangenen zehn Jahren an. 

Im Anmeldebogen von Europe Talks hat er sich "Schäubles Opfer" genannt. Dennoch wolle er dem "European pay master" keinen Vorwurf machen. Er erinnere sich gut an eine von Schäubles Wutreden, in der dieser erklärt hatte, die griechischen Eliten hätten über Jahrzehnte versagt. Genau darin, meint Zográphos, liege das Problem: Innerhalb der griechischen Oberschicht kenne man keine Steuern oder Gesetze, sondern Wege, sich Wahlvorteile zu verschaffen. "Unsere Eliten haben das Land ausgesaugt wie Blutsauger." 

Zográphos hat kein Problem damit, Europäer zu sein, wohl aber damit, Grieche zu sein. Er schämt sich für die "Zwei-Klassen-Politiker", derentwegen die Leute seit Jahren das Land verlassen, gerade jene mit Perspektiven und Hoffnung. "Wenn es einen Braindrain gibt", eine großflächige Abwanderung der Gebildeten, "wäre das nicht eigentlich die schlimmste Folge der Eurokrise? Vielleicht schlimmer als die Eurokrise selbst?" Wo auf Griechenland schon längst die Melancholie lastet, man auf den Autobahnen während der Nebensaison allein fahren kann und in Thessaloniki Obdachlose auf den Marmorbänken des Zentrums liegen.

Die meisten Griechen, sagt Stamatis Zográphos, seien über die Deutschen verbittert gewesen, griechische und deutsche Medien hätten ihre Teile beizutragen.

Er sagt auch, man habe den Einbruch kommen sehen, und wundert sich, dass niemand aufzuarbeiten scheint, was die Krise tatsächlich ausgelöst hat. Seit 2009 fehlten ihm die Debatten und das verbreitete Wissen dazu.

Ob er sich deshalb bei Europe Talks angemeldet hat?

"Ach", Zográphos lacht oder seufzt, bei ihm klingt das manchmal gleich. Mit seinem Zigarillo steht er nun auf der Gartenterrasse unter der Sonne. Er freue sich auf das Treffen mit Maria, seiner Europe-Talks-Partnerin in Bulgarien.

Aber wenn er ehrlich ist? Angemeldet hat er sich "just for the sake of it". Heißt: Einfach so.