Die Angst steigt

"Ich bin Deutsche und arbeite seit mehreren Jahren im Ausland, derzeit in Cox's Bazar in Bangladesch, dem größten Flüchtlingscamp der Welt. Aufgrund meiner derzeitigen Arbeit verfolge ich mit Spannung die Debatten rund um Themen wie Flüchtlingspolitik, Stärkung der Grenzen und internationales Engagement. Gleichzeitig wächst mein Eindruck, dass sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene Zusammenhalt und Solidarität für sozial Schwächere abnehmen. Dafür wächst die Angst vor dem Fremden und davor, die eigene soziale Stellung zu verlieren. Die Komplexität des Brexits zeigt, wie sehr die Staatengemeinschaft bereits miteinander verwoben und aneinander gewöhnt ist – nicht nur wirtschaftlich. Vielleicht ist der Brexit eine Chance für andere Staaten, die Vorteile, die die EU mit sich bringt, klarer zu sehen und Nachteile abzubauen.

Meiner Meinung nach bietet die EU vor allem Chancen: Reisefreiheit, den Vorteil einer gemeinsamen Währung, gemeinsame Mobilfunknetze ohne Roaminggebühren, gleiche Steckdosen, eine einheitliche Krankenversicherung, die Möglichkeit, mit geringster Bürokratie im Ausland zu studieren oder zu arbeiten. Das alles ist bei Weitem nicht selbstverständlich." User/in Emily M.

Seit 70 Jahren Frieden

"Ich bin gerade zum zweiten Mal in die Schweiz ausgewandert und vermisse hier die Freiheit, ohne Kontrollen in die Nachbarländer reisen zu dürfen. Ständig in die eine oder die andere Richtung anhalten zu müssen und die mehr oder weniger umfangreichen Kontrollen mitzumachen, kostet schlicht Zeit. Viele EU-Bürger wissen das Privileg der offenen Grenzen nicht zu schätzen. Natürlich präsentiert sich die EU-Bürokratie in erster Linie starr, natürlich leben zu viele Abgeordnete wie die "Maden im Speck" und kassieren ihre Gelder. Aber es gibt viel mehr Positives als Schlechtes. In erster Linie Frieden seit 70 Jahren. Ich bin stolz, Europäer zu sein." User/in Joe Wenz

Nicht transparent genug

"Ich komme ursprünglich aus der Ukraine, habe jüdische Wurzeln und bin in Deutschland aufgewachsen. Derzeit mache ich ein Auslandsjahr in Südkorea. Seit meiner Kindheit habe ich Probleme mit meiner Identität. Bin ich deutsch? Jüdisch? Ukrainisch? Alles zusammen?

Ich sehe mich als europäisch, ich bin mit offenen Grenzen und einer heterogenen Gesellschaft aufgewachsen. Ich schätze die EU und sehe sie als unsere Zukunft. Die Frage ist nur, welche Gefahren auf sie zukommen. Die wachsende EU-Feindlichkeit stellt ein Problem dar. Aber sie ist auch begründet: Die politische Struktur ist nicht transparent genug. Es fehlt an Aufklärung und Einbindung, gerade von jungen Menschen. Die Angst vor dem Scheitern und Perspektivlosigkeit radikalisiert die Menschen." User/in Lisa

Der Wahlschein als Symptom der Vielfalt

"Ich lebe seit längerer Zeit in Kanada, meine Familie ist noch in Deutschland. Ich habe die kanadische Staatsbürgerschaft noch nicht beantragt, weil ich mich mit dem Mehrheitswahlsystem nicht anfreunden kann. Aus diesem Grund stimme ich nach wie vor bei den Bundestags- und Europaratswahlen ab.

Die Vielfalt der Parteien hat mich beeindruckt.
User/in Gruss aus Kanada

Im Mehrheitswahlsystem gibt es eindeutige Gewinner und Verlierer, was zur Polarisierung der Gesellschaft beiträgt. Der Wahlkampf wird hier in Kanada sehr persönlich geführt: Es geht mehr um Persönlichkeiten als um Inhalte, Justin Trudeau ist sehr präsent. Und da für die Regierungsbildung im Mehrheitswahlrecht keine Koalition gebildet werden muss, besteht für die Parteien kein Grund, während des Wahlkampfs Türen offen zu halten. Dass Klima- und Umweltschutz in Nordamerika nur schleppend vorankommen, liegt zum Teil an diesem Mehrheitswahlsystem. Neue Ideen haben wenig Einfluss, da etablierte Parteien dominieren. Es dauert, bis dringliche Themen in ihre Parteiprogramme aufgenommen werden.

Gerade bei der Europaratswahl hat mich die Vielfalt der Parteien, die auf dem Wahlschein stehen, beeindruckt. Ich habe den unausgefüllten Wahlschein meinen Freunden gezeigt, für die das sehr ungewöhnlich ist. Selbst wenn einige Parteien Belustigung oder Erschrecken auslösen, repräsentiert der Wahlschein eine Vielfalt von Meinungen und die Freiheit, zwischen mehr als zwei bis vier Parteien zu entscheiden." User/in Gruss aus Kanada