Es war nicht Steinbeck, es war "Roseanne"

Mesa Arizona, das war die Partnerstadt von Porz. Porz wurde irgendwann ein Teil von Köln und schwupps, war es dann auch die Partnerstadt von Köln. So sah das zumindest meine Lehrerin. Sie organisierte einen Schüleraustausch. Ich freute mich wie verrückt. Die USA – das war das Land der totalen Freiheit. Steinbeck, Henry James, Ferris Bueller, endlich würde ich ihnen nahe sein. Wir landeten in Phoenix. Meine Familie wohnte neben einem Trailerpark in einem sehr kleinen Haus aus Pappe. Es war so eng, dass eines der Kinder in der Garage lebte. Wenn wir irgendwo hin wollten, musste uns ein Mensch über 16 fahren. Sie hatten noch nie etwas von Sprudelwasser gehört. Das Familienleben fand vor dem Fernseher statt. Wenn man Hunger hatte, ging man zum Kühlschrank und holte sich Cornflakes. Feste Mahlzeiten gab es nicht. Es war nicht Steinbeck, es war Roseanne. Ich war 15. Ich glaube, es war der beste Monat meines Lebens.

Judith Luig

Ich wurde reihum eingeladen

Im Jahr 1994 studierte ich in Bielefeld Geschichte, Philosophie und Literaturwissenschaft und hatte aus reiner Neugier nebenher ein bisschen Russisch gelernt. Da passte es gut, dass die Stadt Bielefeld eine Partnerschaft mit Nowgorod hatte – einer russischen Stadt, auf halbem Weg zwischen St. Petersburg und Moskau gelegen. Für deutsche Studierende gab es die Möglichkeit, am dortigen pädagogischen Institut für einige Monate Deutsch zu unterrichten. Und so saß ich eines Tages in einem Flugzeug auf dem Weg in eine mir völlig unbekannte Welt. Untergebracht wurde ich in einem Studentenwohnheim, allerdings auf dem obersten, den Lehrkräften vorbehaltenen Flur. Der war etwas frischer gestrichen als die Flure der Studierenden, doch auch hier lebte man im Mehrbettzimmer mit Etagentoilette und Waschraum. Duschen gab es nur im Keller – die Schlammschicht auf dem Boden des Duschraums war etwas gewöhnungsbedürftig. Ebenso die Anwesenheit von zwei Deschurnajas, zweier älterer diensthabender Frauen, die Tag und Nacht im Flur saßen und dort Wache hielten. 

Damals herrschte in Russland Krise, die Angestellten der Universität hatten seit Monaten keine Gehälter bekommen. Beeindruckt hat mich die Solidarität unter ihnen: Wer das Glück hatte, einen Ehepartner zu haben, der in der Wirtschaft arbeitete und deswegen noch Geld bekam, unterstützte die Kolleginnen und Kollegen. Ich selbst wurde reihum zu fürstlichen Mahlzeiten eingeladen – anschließend wurde mir stets ein warmes Bad angeboten. Die hygienischen Zustände im Studentenwohnheim waren allgemein bekannt. Das warme Wasser ließen die Russen zu meinem großen Erstaunen beim Baden die ganze Zeit laufen – Energie war billig. Mein Russisch stellte sich als sehr viel schlechter heraus als erwartet: Erst nach Tagen konnte ich im Redefluss der anderen einzelne Wörter identifizieren.Was wiederum kaum nötig war, waren all die Deutschstudierenden und -lehrerinnen doch sehr froh, ihre Sprachkenntnisse an einer Muttersprachlerin ausprobieren zu können. Alles in allem: vier unvergessliche Monate, die ich ohne die bereits in den Achtzigerjahren von kirchlichen Gruppen ins Leben gerufene Städtepartnerschaft nie erlebt hätte.

Katharina Schuler

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Aus Julien und mir wurde nichts

Ich habe meine Geburt einer Städtepartnerschaft zu verdanken. Meine Mutter, die in Mainz studierte, verliebte sich beim Studentenaustausch in Dijon in meinen Vater. Dort bin ich geboren, meine Schulzeit verbrachte ich in Mainz. Jahre später fuhr ich zum Schüleraustausch nach Dijon. Die Stadt war genauso klein und beschaulich wie Mainz, kam uns aber sehr aufregend vor. Das galt insbesondere für die Jungs der französischen Austauschklasse, die schon etwas erwachsener waren als die deutschen. Wie die meisten Mädchen meiner Klasse war ich in Julien verliebt, einen Jungen mit riesigen braunen Augen. Aus Julien und mir wurde nichts – und so wohne ich heute in Deutschland, nicht in Dijon.

Mounia Meiborg