Vladimir Hepner zu Hause in Prag. Er treibt viel Sport und nennt Europa einen "Wirtschaftsraum". © Nadja Wohlleben für ZEIT ONLINE

Langsam lockert sich das Gespräch auf. Die beiden sprechen über Kampagnen der tschechischen und deutschen Parteien bei der kommenden Europawahl – und sind sich auch hier wieder einig. "Wenn man sich die Wahlplakate der Parteien mal anschaut, stehen da nur Phrasen und Floskeln", sagt Gutmann. Das sei in seinem Land ähnlich, pflichtet Hepner ihr bei. Migration, klar, um die gehe es ja immer, und die Machtverteilung zwischen der EU und Tschechien. Aber richtige Themen würden kaum angesprochen.

Irgendwie, das Gefühl hat man nach zwanzig Minuten, sind Iris Gutmann und Vladimir Hepner gar nicht das große ideologische Gegnerpaar, als das ihre Antworten auf die sieben Ja-Nein-Fragen sie erscheinen ließen. Sie ist vielleicht etwas mehr bereit, das Gute zu sehen. Er betont immer wieder, dass man das alles nicht schwarz-weiß betrachten könne.

"Okay. Drittes Thema", sagt Hepner nun. Gutmann schaut auf ihren Zettel und spannt sich. "Grenzkontrollen. Jetzt wird's hart."

"Sollten die Länder Europas wieder nationale Grenzkontrollen einführen?", stand im Onlinefragebogen. Gutmann hat die Frage mit Nein beantwortet. Hepner mit Ja.

Im Restaurant über der Elbe ist er sich auf einmal nicht mehr ganz sicher: "Wie meinen die das? Es gibt doch keine Grenzen mehr in Europa? Reden wir über Innen- oder Außengrenzen?"

"Über Innengrenzen", antwortet sie.

"Dann habe ich die Frage falsch verstanden und falsch beantwortet. Innengrenzen, das ist Wahnsinn."

Iris Gutmann zu Hause in Sebnitz. Sie gibt ehrenamtlich Sprachunterricht für Flüchtlingsfrauen und nennt Europa eine "Insel der Seligen". © Nadja Wohlleben für ZEIT ONLINE

"Das tröstet mich. Ich freue mich sehr, dass wir da einer Meinung sind", sagt sie.

Beide lachen.

Fast nahtlos geht ihre Unterhaltung ins nächste Thema über: Immigration. Online sagte Hepner noch, dass es zu viele Immigranten in Europa gebe. Auch diese Antwort schwächt er im Café ab. Heute gebe es nicht zu viele Immigranten in Europa, sagt er – noch nicht.

Aber hier liegt, dann doch, die Spur zum Konflikt: "Was passiert in 20 Jahren, wenn Nigeria 350 Millionen Einwohner hat und 50 Millionen nach Europa kommen? Das wird passieren! Was machen wir dann?"

Man wisse doch nicht, was in zehn oder zwanzig Jahren sei, sagt Gutmann. Im Moment finde sie es noch nicht zu viel. Im Moment sehe er es ja genauso, geht er dazwischen. Aber man müsse doch vorplanen.

"Wir sind uns doch darüber einig dass das jetzt nicht akut morgen oder nächste Woche zu erwarten ist, oder?", antwortet Gutmann. Sie klingt dabei ein klein wenig sarkastisch.

Mehr als eine Stunde diskutieren die beiden über Flucht und Migration. Sie sprechen jetzt schneller, oft wechseln sie innerhalb weniger Sätze zwischen den Aspekten. Und obwohl sie ruhig bleiben, wird das Gespräch bei diesem Thema zum Schlagabtausch.

Hepner schlägt vor, man solle nur Menschen nach Europa einwandern lassen, die ein "höheres Integrationspotenzial" haben. Afghanen würden sich beispielsweise schlechter integrieren als Ukrainer. Gutmann plädiert für ein kanadisches Modell. Man müsse sich den Menschen anschauen, nicht seine Nationalität.

Hepner sagt jetzt: "Ein Beispiel: Wir haben einen Mann aus Syrien, der zwei Frauen hat. Soll der Asyl bekommen, oder nicht?"

"Das Thema hatte ich letztes Jahr schon …", erwidert Gutmann. Und kontert dann versiert: Die Rechtslage sei klar. Wenn ein Mann im Ausland mehrere Frauen geheiratet habe, gelte das Asylrecht für alle. In Deutschland dürfe allerdings niemand zweimal heiraten.

Burka, Schweinefleisch, Parallelgesellschaft. Die Diskussion ist nun in Richtung "Gehört der Islam zu Europa?" abgebogen – und folgt üblichen Mustern. Hepner malt ein düsteres Szenario nach dem anderen, Gutmann versucht, ihm zu erklären, warum sie sich in diesen Szenarien nicht wiederfindet. Warum sie keine Angst hat

"Das Thema hatte ich letztes Jahr schon …" Iris Gutmann hatte bereits an "Deutschland spricht" teilgenommen. © Nadja Wohlleben für ZEIT ONLINE

– bald nur noch verschleiert auf die Straße zu dürfen

– bald nirgendwo mehr Schweinefleisch zu bekommen

– bald als Deutsche deutscher Herkunft zu einer Minderheit unter den Kindern und Enkeln der Einwanderer aus islamischen Ländern zu gehören.

Hepner springt dann jeweils zum nächsten Szenario.