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Sie sitzt bereits am Tisch vor dem Fenster, als er den Raum betritt. Mit dem Rücken zum Tal und den regendampfenden Hügeln dahinter. Sie hat eine große Flasche Wasser mit Sprudel bestellt, die erste von fünf, die die beiden an diesem Nachmittag trinken werden.

"Ja, die Umgebung hier, und dieser Platz, ist ganz schön", sagt er, Deutsch mit leichtem Akzent.

Sie nickt.

"Es ist traumhaft hier." Reinstes Hochdeutsch.

"Ja, aber die Plattenbauten da oben, das ist einfach …", beginnt er.

"Ist halt ein schöner Kontrast", beendet sie den Satz.

Er lacht.

Iris Gutmann während des Gesprächs © Nadja Wohlleben für ZEIT ONLINE

"Ein hässlicher Kontrast."

"Wo fangen wir an?", fragt er dann.

Iris Gutmann und Vladimir Hepner haben sich in Ústí nad Labem, einer Stadt kurz hinter der deutsch-tschechischen Grenze verabredet, weil es ungefähr gleich weit entfernt von ihren Heimatorten liegt. Im Restaurant eines Hotels, das über der Stadt thront wie ein Schloss in einem James-Bond-Film, wollen sie sich im Rahmen von Europe Talks über Europa unterhalten, wie mehr als 8.000 weitere Gesprächspaare europaweit an diesem Samstagnachmittag. Hepner, der den Ort ausgesucht hat, hatte hier schon beruflich zu tun.

Vladimir Hepner während des Gesprächs © Nadja Wohlleben für ZEIT ONLINE

Iris Gutmann kommt aus Sebnitz, einer kleinen Stadt östlich von Dresden, wo die Sächsische Schweiz zur Böhmischen wird. In Bremen geboren hat die zierliche 56-Jährige lange für eine große Bank in Frankfurt gearbeitet. 2014 zog sie nach Sachsen zu ihrem Mann, nach zwölf Jahren Pendeln und Wochenendbeziehung. Sie ist Mitglied in einem Verein, der Hunde aus Tötungsstationen an neue Besitzerinnen und Besitzer vermittelt und gibt ehrenamtlich Sprachunterricht für geflüchtete Frauen.

Vladimir Hepner ist in Prag geboren und beschreibt sich selbst als Mitglied der "Wendegeneration". Als die Sowjetunion zerfiel, war er 23, sein Leben als Erwachsener begann mit dem Ende der Geschichte. Als Berater für ein Softwareunternehmen lebte er drei Jahre in Deutschland. Heute arbeitet er wieder in der tschechischen Hauptstadt, hat Frau und zwei Söhne im Teenageralter. Fragt man ihn, was er in seiner Freizeit macht, erzählt er vom Sport. Skifahren in Österreich, Bergsteigen, Golf, Tennis mit seinem älteren Sohn.

Wenn Gutmann von Europa spricht, nennt sie es "Insel der Seligen". Der EU sei es zu verdanken, dass es seit 70 Jahren keinen Krieg mehr auf dem Kontinent gegeben habe. Immer wieder fahren ihr Mann und sie nach Dresden, um auf Pulse-of-Europe-Veranstaltungen zu gehen. Viele sind sie dort meistens nicht. "Die europäische Geschichte ist in Dresden leider so ein kleines Stiefkind. Die meisten Leute gehen da zu Pegida."

Wenn Hepner von Europa spricht, benutzt er zuallererst das Wort "Wirtschaftsraum". Europa sei alternativlos, anders könne man sich gegen Märkte wie China und Amerika nicht durchsetzen. Von Andrej Babiš, dem 2017 in Tschechien zum Premier gewählten Milliardär und Euroskeptiker, hält Hepner eher wenig. "Babiš ist ein Businessman und der schützt seine Interessen. Ich finde, der benutzt sein Amt zu viel."

Am Tisch im Restaurant über der Elbe, nahe der Grenze ihrer beiden Länder, sprechen die beiden sich mit den Vornamen an – aber sie siezen sich. Was sie voneinander wissen, ist, wie sie im Internet auf sieben Fragen geantwortet haben. Und dass sie, nur daran gemessen, kaum etwas gemeinsam zu haben scheinen.

Sie ist nicht zum ersten Mal in einer Situation wie dieser. Im vergangenen Jahr hatte sie im Rahmen der Aktion Deutschland spricht schon einmal Fragen beantwortet. Und auch damals traf sie einen Mann, dessen Antworten im Onlinefragebogen ihren komplett entgegengesetzt waren. Keine nur schöne, aber eine interessante Erfahrung sei das damals gewesen. Abgeschottete Gesellschaften, davon war ihr Gesprächspartner überzeugt, seien die besten, das Grundgesetz sei den Deutschen von den Alliierten aufoktroyiert worden und außerdem habe Deutschland nicht den Zweiten Weltkrieg angefangen, sondern nur zurückgeschossen. Nach dreieinhalb Stunden brachen die beiden das Gespräch ab. "So ein bisschen steht mir das schon vor dem Kopf, was da gleich auf mich zukommt", sagt Iris Gutmann vor dem Treffen.

"Wo fangen wir an?", fragt Hepner, als es so weit ist.

"Wo Sie möchten", antwortet Gutmann, die Hände über den Knien verschränkt.

Die beiden zögern ein wenig, und entschließen sich dann, die Fragen des Europe-Talks-Fragebogens chronologisch abzuarbeiten. Gutmann hat die Fragen ausgedruckt, sie holt ein A4-Papier aus der Tasche und faltet es auf.

"Würden Sie Ihren nationalen Pass gegen einen europäischen eintauschen?", wollten die Fragensteller zuerst wissen.

"Ich hab gesagt: Nein", beginnt Hepner.

"Ich hab gesagt: Ja", sagt Gutmann.

Für ihn sei das in erster Linie ein logistisches Problem, sagt der Tscheche dann. "Stellen Sie sich vor, ich bin im Ausland und es passiert was. Ich rufe die EU-Botschaft an und höre: Bonjour, Monsieur! Was mache ich dann?"

"Von der Warte habe ich das noch gar nicht gesehen", sagt die Deutsche. "Mein erster Gedanke war: Warum nicht? Ich bin Europäerin …"

"Sind Sie mehr Europäerin oder Deutsche?"

"Ich bin beides", antwortet sie, und fast zeitgleich er: "Ich bin b…"
Er stutzt.

"Ah, okay."

Sie fände das mit dem Pass ein schönes Symbol, sagt sie ihm.

"Die Idee ist ja gut, aber sie umzusetzen, das wäre total kompliziert", antwortet er.

Gute Aussichten. Gutmann und Hepner trafen sich in einem Schlosshotel über der Stadt Ústí nad Labem. © Nadja Wohlleben für ZEIT ONLINE

Sie einigen sich darauf, dass ein gemeinsamer Pass nicht das dringlichste Problem ist, dass die EU jetzt lösen muss. Gutmann freut sich, dass sie ja prinzipiell einer Meinung seien.           

Auch beim zweiten Thema wird sie von ihrem Gesprächspartner überrascht. Im Internet hatte Hepner die Frage, ob die EU das Leben ihrer Bürger besser mache, noch mit Nein beantwortet. Jetzt sagt er: "Grundsätzlich ja."            

"Aha", antwortet Gutmann.

Sie sprechen über die Vorteile von EU-weiten Medikamentenstandards und einigen sich darauf, dass die Roamingverordnung der EU eine gute Sache ist. Auch über die Nutella-Krise von 2017 reden sie kurz, lassen es dann aber bald bleiben, weil sie beide ohnehin kein Nutella essen.