Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Die große Wanderung" aus unserem neuen Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Alles klingelt. Nguyễn Thế Hùngs Handy, das Festnetztelefon, die gläserne Eingangstür mit den roten Buchstaben. "Allô", ruft Nguyễn genervt in den Hörer und klemmt ihn hinters Ohr, packt einer Kundin Tofu und Koriander in die Plastiktüte, nimmt das Geld, der nächste Kunde steht an, "zwei Euro", sagt Nguyễn, das Telefon noch am Ohr, "ja, ja, okay, tschüss." Ein junger Mann sucht Styroporboxen, Nguyễn schickt ihn ins Lager. Eine Frau kniet vor einem Regal und hält mit beiden Händen Reisnudeln hoch. "Welche sind besser?", fragt sie. "Rechts", ruft Nguyễn. Eine andere Kundin möchte Sojasprossen, 20 Kilo:

"Kannst du das tragen? In jede Hand ein Sack", fragt er.
"Wahrscheinlich nicht, die sind schon schwer."
"Von wegen schwer!"
"Ist wer da, der mir helfen kann?"
"Nein."
"Dann gehe ich zweimal."
"Macht 20 Euro. Schwer?! Du bist jung! Ich bin 60!"

So geht das den ganzen Tag, jeden Tag, "bestimmt bis ich 70 bin, wenn mich der Mann im Himmel so lange leben lässt", sagt Nguyễn. Seit 31 Jahren lebt er in Cottbus. Er führt ein Leben, das er ổn định nennt, vietnamesisch für: stabil, geregelt. "Auch sehr hart", sagt er, aber möchte nicht klagen. Sein Asien-Markt liegt im Zentrum der historischen Altstadt, wenige Schritte vom spätgotischen Backstein der Oberkirche St. Nikolai entfernt, ringsherum in Pastell herausgeputzte Häuser: Terrakotta, Eierschalengelb, Blassgrün.

Nguyễns Tag: Um sechs steht er auf. Er frühstücke "wie ein Deutscher", Kaffee und Brot, dann fahre er seine Tochter zur Schule. Um acht sperre er seinen Laden auf. Die Großkunden holen den Reis, die Nudeln, die Einwegverpackungen für ihre Restaurants. Um neun öffne er seinen Supermarkt. Eigentlich kommen die Leute wegen Fischsoße und Mungbohnen zu ihm, manchmal auch wegen Behördenfragen oder weil sie einen Trauerredner brauchen. Um 18 Uhr schließt er seinen Laden, er räumt auf, fährt den Rechner runter und geht zu Fuß über den historischen Altmarkt, zum Restaurant seiner Frau, wischt die Tische und unterhält sich mit den Gästen. Isst was.

Spätabends kehrt er zurück nach Hause, müde und mit brummendem Kopf. Er steigt die Treppe hinauf und klopft an die Tür seiner Tochter. "Na, schläfst du schon, Mädchen?", fragt er dann, seine Stimme sanfter als tagsüber, wenn er von allen Seiten belagert wird. Manchmal hört er keine Antwort. "Warum soll sie auch so lange auf uns warten", sagt Nguyễn. In der Pubertät stürme man nicht mehr freudig heran, da müsse man als Vater nachsichtig sein. Dann geht Nguyễn auch schlafen.

Nguyễns Frau Phạm Thị Kiên Oanh kam ein Jahr vor ihm als Vertragsarbeiterin in die DDR. Sie führt ein vietnamesisches Restaurant. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Nguyễn Thế Hùng kam 1988 als einer von Zehntausenden vietnamesischen Vertragsarbeitern in die DDR. Und während seit dem Fall der Mauer rund 3,7 Millionen Menschen von Ostdeutschland nach Westdeutschland gezogen sind, gehört er zu einer Gruppe, die nicht fortgegangen ist. Der letzte Mikrozensus 2017 zählt 168.000 Menschen mit vietnamesischem Migrationshintergrund. Mehr als die Hälfte von ihnen hat inzwischen einen deutschen Pass. Bis heute leben deutlich mehr Vietnamesen im Osten als im Westen.

Man könnte sagen: Die Vietnamesen haben eine Lücke gefüllt, die ihnen DDR-Bürger hinterlassen haben. Viele haben Geschäfte eröffnet, Familien gegründet und Häuser gekauft, wo es ehemalige DDR-Bürger nicht mehr wollten. Aus Cottbus gingen besonders viele Menschen in den Westen, heute zählt die Stadt zu jenen mit den meisten Vietnamesen pro Einwohner. Sie bilden dort die zweitgrößte Gruppe ausländischer Gewerbetreibender. Sie arbeiten im Einzelhandel (Blumenläden), in der Gastronomie (Imbisse) und im sonstigen Dienstleistungssektor (Nagelstudios). Nur aus dem 30 Kilometer entfernten Polen kommen mehr ausländische Gewerbetreibende.

Im Osten haben Vietnamesen eine zweite Heimat gefunden

Nguyễn beobachtet, dass man Menschen wie ihn hier mag. "Sie haben gesehen, dass wir fleißig sind", sagt er und führt durch sein Büro zwischen Supermarkt und Großhandelslager. Über einer Tür hängt eine vietnamesische Ehrenurkunde, goldgerahmt, mit rotem Stempel für seinen Militärdienst. Ein Gruppenfoto: Nguyễn in grüner Uniform an einer Festtafel. An dem Erste-Hilfe-Kasten baumelt ein Jutesäckchen, "Club der Alten Säcke" steht darauf, ein Geburtstagsgeschenk. Und überall Ordner und Kisten mit Rechnungen, Formularen und Anträgen, dazwischen ungeöffnete Sektflaschen. Nguyễns Büro wirkt wie eine Ausstellung einer deutschen Sehnsuchtsfigur: des strebsamen Einwanderers, der sich unauffällig und unermüdlich hochgearbeitet hat. In Zeitungen ist vom "vietnamesischen Wunder" (DIE ZEIT) die Rede, Vietnamesen gelten als die "erfolgreichsten Zuwanderer" (Süddeutsche Zeitung), "die unsichtbaren Lieblinge" (Cicero) und "Integrationswunder" (NZZ).

Dabei war der Ruf der Vietnamesen nicht immer gut. In den Achtzigern hatten Vorgänger des NSU Molotowcocktails auf ein Asylbewerberheim in Hamburg geworfen und zwei junge Vietnamesen getötet. Der Senat lehnt bis heute einen öffentlichen Gedenkort ab. Im Jahr 1992 zündeten Rechtsradikale in Rostock-Lichtenhagen das Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter an. Hunderte Schaulustige applaudierten, die Polizei schritt erst nach Tagen ein. In Ostdeutschland ist Fidschi eine alltägliche Beleidigung für Asiatinnen und Asiaten geblieben, bis heute kursieren Vorurteile über eine Zigarettenmafia und es kommt regelmäßig zu rassistischen Angriffen: Jüngst veröffentlichte eine vietnamesische Studentin aus Chemnitz ein Foto auf Facebook, ein Unbekannter hatte "Chinesenfotze" auf ihre Tür geschmiert. Doch nur die zweite Generation skandalisiert solche Dinge.

Nur die zweite Generation skandalisiert Rassismus

Die erste Generation, die Generation von Nguyễn, winkt ab. "Das war nicht so viel", sagt er über den Rassismus der Wendezeit. Einige Vietnamesen hätten in Berlin Ärger gemacht und die Deutschen dachten wohl, alle seien in der Zigarettenmafia. Das habe sich aber gelegt. Und die Übergriffe heute, die starken Umfrageergebnisse der AfD, die Neonazis? "Das ist nur eine kleine Zahl", sagt Nguyễn. Es scheinen keine Themen zu sein, über die er gerne spricht, zumindest nicht offen.

In seinem Büro stehen auch ein Sofa und ein Tisch mit karierter Plastikdecke. An ihm empfängt er Gäste, serviert ihnen Kaffee und Gebäck. Wenn die Tür wieder läutet, huscht Nguyễn zurück in den Laden und überlässt seinen Besuch dem vietnamesischen Staatssender VTV, der pausenlos auf einem Flachbildschirm läuft.

"Ich muss mal gucken, was brauch ich denn?", sagt eine blonde Kundin.
"Bestimmt Instantnudeln", sagt Nguyễn.
"Nein, nein, was denkst du denn von mir?"

Sie bezahlt ihre Gewürze. Zurück im Büro kramt Nguyễn vorsichtig vergilbte Papiere heraus. Sie erzählen seine Ankunft in Deutschland im Schnelldurchlauf.

Januar 1988: Erster Arbeitsvertrag mit dem VE Braunkohlenkombinat Senftenberg, Werksbereich Cottbus, Arbeitsaufgabe Raupenfahrer-Anlernling. Ein grüner Sozialversicherungsausweis und eine Bescheinigung: Zwölf Prozent seines Bruttolohnes gehören dem vietnamesischen Staat.

Juli 1988: Betriebsfahrerlaubnis für KOM D 65 E, KOM D 155, DET 250.

Dezember 1990: Sein Zeugnis als sogenannter Anlernling. Er habe "ein gutes Auffassungsvermögen und Fleiß bewiesen". Weiter unten: "Seine Arbeitsaufgaben erfüllt er gewissenhaft mit Fleiß und Eigeninitiative."

Der Tagebau Cottbus-Nord, in dem Nguyễn Thế Hùng zu DDR-Zeiten gearbeitet hatte, ist heute nicht mehr aktiv. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Ab den frühen Sechzigern hatte die DDR sogenannte ausländische Werktätige angeworben. Im Geiste der internationalen Solidarität sollten sie eine Ausbildung bekommen, mit der sie ihre Heimat hätten aufbauen können. DDR-Zeitungen wie das Neue Deutschland priesen zudem die "Entwicklung ihrer Persönlichkeit".

So kamen 192.000 Menschen ins Land, viele davon bloß für kurze Zeit. Aus Polen und Ungarn, aus Algerien, Kuba und Mosambik, aus Angola und eben Vietnam. Von dort kamen die meisten. Kurz vor der Wende gab es Schätzungen zufolge mehr als 94.000 Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter in der DDR, zwei Drittel davon waren Vietnamesen. Allein nach Cottbus und Umgebung zogen rund Tausend. Sie arbeiteten oft in den Jobs, die Einheimische sich gern ersparten, in der Gubener Chemiefabrik, im Textilkombinat, der Forster Tuchfabrik.

Nguyễn stammt aus An Mỹ, einem Dorf 70 Kilometer südlich von Hanoi. In seiner Heimat ist er Soldat gewesen, Offizier, vier Sterne auf der Uniform. Vietnam und China bekriegten sich ab 1979, und zehn Jahre lang war Nguyễn an der Grenze stationiert. Als China sich zurückzog, wurde er nicht mehr gebraucht. "Es war ja kein Krieg mehr, was willste dann mit 'ner Armee. Du musstest Arbeit suchen", sagt er. "Oder nach Hause gehen."

Eben noch Dschungel, fortan Plattenbauten

Die DDR, habe er gedacht, das sei die große Welt: fortschrittlichste Technik, höchster Lohn unter den Bruderstaaten. Als ehemaliger Offizier und Mitglied der Kommunistischen Partei bekam er schnell eine Stelle, Braunkohlewerk Cottbus-Nord, mit 134 weiteren vietnamesischen Ex-Soldaten. Von seiner Zeit dort schwärmt er bis heute.

In der DDR zu leben und zu arbeiten, empfand Nguyễn als Privileg. Als er dort ankam, trug er seinen knielangen Soldatenmantel und eine Mütze, aber an den Füßen Badelatschen, Ende Januar. "Katastrophe!", sagt er. Eben noch Dschungel, fortan Plattenbauten und lichtarmer Tagebau. Männer und Frauen bezogen getrennte Wohnheime, abgelegene Häuser am Stadtrand, Besuche waren verboten. Damit sich keiner verliebte. Damit keiner eine Familie gründete. Damit keiner blieb.

Nguyễns erste deutschen Worte waren: "Guten Tag, Kollege!"

In seiner Heimat ist Nguyễn Thế Hùng Offizier gewesen, seine Uniform hat er sich bis heute aufbewahrt. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Sein erstes deutsches Jahresgehalt waren 8.965,55 DDR-Mark. Deutlich unter dem Durchschnitt, doch genug, um den Verwandten Fahrradteile, Seife und Winterjacken zu kaufen. Jeder Vertragsarbeiter durfte am Ende seiner Zeit zwei Kubikmeter Ware in die Heimat schicken, die Möglichkeit nutzten die meisten bis auf den letzten Kubikzentimeter aus. "Wir haben gut gespart", sagt Nguyễn. "Vietnamesen kaufen die DDR leer", sagten Ostdeutsche.

Cottbus interessierte Nguyễn damals nicht, die Stadt sei hässlich gewesen. Umgekehrt interessierte sich die Stadt nicht sonderlich für ihre neuen Einwohner. Sie brauchte vor allem deren Arbeitskraft. Auf Fotos aus dieser Zeit tragen Nguyễn und seine Freunde Jeans und Fönfrisuren. Am Wochenende fuhren sie raus in andere Städte. Bootsausflüge, Partys. 

Als die Mauer fiel, saß Nguyễn im Wohnheim mit mehreren Mitbewohnern. Im Röhrenfernseher stiegen Menschen über die Mauer. "Wir dachten, jetzt rennen alle rüber", sagt er. Manche seiner Bekannten haben sofort am nächsten Tag den Zug nach Berlin genommen und sind auch über die Mauer geklettert. Sie beantragten im Westen oder im Ausland Asyl, viele gingen in die Tschechoslowakei, wo sie schon andere kannten. Die Vertragsarbeiter der zerfallenden Bruderstaaten setzten sich in Bewegung. 

Wer keine Arbeit hatte, musste gehen

Nguyễn ist geblieben. Er sei ja erst vor einem Jahr angekommen und sein Vertrag, der ging noch zwei. Er habe nicht ahnen können, was auf ihn zukommt. Was es bedeutet, wenn der Staat, der ihn aufgenommen hatte, nicht mehr existiert. Erst als ihm gekündigt wurde, fasste er einen Entschluss. Er verzichtete auf die 3.000 Mark Abfindung und suchte sich eine Wohnung und eine neue Arbeit. Nur wer beides vorweisen konnte, erhielt eine Aufenthaltsbewilligung. Warum er bleiben wollte, kann er heute nicht mehr erklären. "Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg im Leben gehen", sagt er nur. Aber an das Wie erinnert er sich gut.

Es war ein Arbeitskollege, der ihm eine Wohnung suchte. Nguyễns Deutschkenntnisse und seine lockere Art hatten sich ausgezahlt. Die anderen Vietnamesen fanden, wenn überhaupt, nur etwas in den umliegenden Dörfern. "Ich war der erste Vietnamese mit einer eigenen Wohnung in Cottbus", sagt er. Zwei Zimmer, ins andere zog erst ein Freund und später seine Freundin Phạm Thị Kiên Oanh. Sie war ein Jahr vor ihm als Vertragsarbeiterin gekommen.

Nach der Wende meldeten Nguyễn und Phạm ein Gewerbe an. Auf dem Wochenmarkt verkauften sie Zigaretten, Kleidung, Batterien, Spielzeug, Musik- und Videokassetten. Andere verkauften Blumen oder brieten Nudeln. Bei jedem Wetter standen sie da, Hauptsache Arbeit. Wer keine hatte, musste gehen. Aus dem Marktstand wurde irgendwann ein Laden, aus dem Paar ein Ehepaar.

Bis heute leben deutlich mehr Vietnamesen im Osten (1,6 pro 1.000 Einwohner) als im Westen (0,8 pro 1.000 Einwohner). Cottbus zählt zu den Städten mit den meisten Vietnamesen pro Einwohner. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Heute müsste Nguyễn nicht mehr so hart arbeiten, niemandem mehr etwas beweisen. Das Geschäft läuft gut, er hat sich ein Haus gekauft, die ältere Tochter studiert, die jüngere ist auf einem guten Weg. Trotzdem: Er wolle seinen Kindern schöne Schuhe zum Gehen kaufen, schöne Hosen zum Anziehen und Dinge, die sie benutzen können. "Sie sagen, sie brauchen das alles nicht und dass sie für sich selbst sorgen können", sagt er und ist sichtlich stolz. "Aber es ist die Mentalität. Sie kann sich nicht ändern. Solange ich noch ein bisschen Geld verdienen kann, arbeite ich."

Doch da ist noch etwas anderes, für das er unermüdlich arbeitet: seinen Verein Vietnamesen in Cottbus und Umland. Er organisiert Sprachkurse für Kinder, Schwimmkurse für Frauen und große Feste für alle. Es ist ihm wichtig, auch nach all den Jahren füreinander da zu sein. Immerhin war es das Netzwerk, das sie über die Wendezeit gerettet hatte. Nicht alle Vietnamesen hätten schnell Anschluss gefunden. "Es kann nicht jeder gut Fremdsprachen lernen", sagt Nguyễn, "deswegen müssen wir uns gegenseitig helfen." Das ist es auch, was Nguyễn bis heute im Osten hält: "Hier im Osten ist die Gemeinschaft stärker."

Wir kümmern uns umeinander. Das ist gut. Man könnte natürlich sagen, das ist eine gegenseitige Verpflichtung. Aber so denken wir nicht. Wir denken an den einzelnen Menschen.
Nguyễn Thế Hùng

Es gebe zum Beispiel deutlich mehr Heimatvereine und diese seien viel aktiver. Die Vietnamesen, die vom Osten in den Westen gegangen sind, hätten diese Strukturen nicht mitgenommen. "Die Vietnamesen im Osten, die halten noch zusammen", sagt Nguyễn.

Kürzlich ist sein Vater gestorben. Da seien viele Vietnamesen zu ihm gekommen und hätten Geschenke für den Altar gebracht und angeboten, ein Räucherstäbchen anzuzünden. Sie haben sich erkundigt, wie die Lage zu Hause sei, wie der Vater gestorben sei, wie die Trauerfeier ausgerichtet werde und wie das Grab aussehe. "Mein Vater ist wie deren Vater. Wir kümmern uns umeinander. Das ist gut. Man könnte natürlich sagen, das ist eine gegenseitige Verpflichtung. Aber so denken wir nicht. Wir denken an den einzelnen Menschen." Deutsche murmelten nur "Mein Beileid".

Nach dem Tod seines Vaters sind viele Freunde und Bekannte zu ihm gekommen, haben Geschenke für den Altar gebracht und ein Räucherstäbchen angezündet. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Nguyễn kramt aus einer Kiste DVDs. Sie zeigen Feste, die er organisiert hat, anlässlich von 20, 25 und 30 Jahren in Cottbus. Eine DVD legt er in den DVD-Player, drückt auf Play und blickt auf den Flachbildfernseher. Hundert festlich gekleidete Vietnamesinnen und Vietnamesen in einer Halle mit langen, gedeckten Tafeln. Es folgen Einblendungen von dem Tagebau und Frauen im Textilkombinat. "Da sind die Mädels", sagt Nguyễn und grinst. Es gibt emotionale Reden über die Zeit am Anfang, als die Arbeit hart war und die Liebesbeziehungen heimlich, und über die Errungenschaften jetzt: das stabile Leben, die klugen Kinder, der Zusammenhalt. Im Publikum sitzen auch deutsche Gäste, etwa der stellvertretende Bürgermeister. Frauen schwingen Fächer in langen, bunten Seidenkleidern, andere hüpfen im Drachenkostüm über die Bühne, knapp bekleidete Teenagerinnen tanzen Hip-Hop. Und Nguyễn, der Vereinsvorsitzende, huscht ab und zu am Bildrand vorbei und rückt Mikrofone zurecht. Er ist lieber Teil des großen Ganzen, lieber Plural als Singular.

Später, am Ende eines Arbeitstags, steht Nguyễn mit einem alten Freund im Lagerraum seines Geschäfts, sie rauchen eine Zigarette vor der Hintertür zum Parkplatz. Sie steht weit offen, der Rauch soll nicht in den Laden ziehen. Ihre Körper sind nur noch Silhouetten in der einfallenden Abendsonne, ruhend zwischen dunklen Kisten und Kartons. Die Häuser hinterm Laden habe er sich auch angesehen, zum Kauf. "Über eine Million", sagt er, "da wären wir noch 10, 15 Jahre verschuldet – nein, das geht nicht." Sein Haus, ein vierstöckiger Altbau mit Stuck und fliederfarbenem Putz, befindet sich 700 Meter von seinem Geschäft.

Er hat es selbst renoviert, zwei Stockwerke vermietet er, zwei bewohnt er. In vier Jahren hat er es abbezahlt. Freut er sich auf den Ruhestand? "Aber wie", sagt er. Dann könnten er und seine Frau von der Miete leben, die staatliche Rente aus ihrer Zeit als Vertragsarbeiter reiche ja nicht aus. "Oder wir verkaufen das Haus und ziehen ins Wohnheim", sagt er, "das ist geselliger." Wie früher, mit vielen anderen Vietnamesen. Irgendwann will man ja keine Treppen mehr steigen und einen Aufzug habe er ja auch nicht. "Ist doch besser als ganz alleine im großen Haus und den ganzen Tag nur aus dem Fenster zu gucken."

Nein, das geht natürlich nicht.

In vielen ostasiatischen Läden steht ein kleiner Altar. Anders als der private Altar, der den Ahnen gewidmet ist, soll der öffentliche Altar ein gutes Geschäft bringen. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Text: Vanessa Vu

Redigatur: David Hugendick
Fotografie: Meiko Herrmann
Bildredaktion: Michael Pfister, Andreas Prost
Gestaltung & technische Umsetzung: Christoph Rauscher, Julian Stahnke, Julius Tröger