Im vergangenen Jahr wurde es besonders schlimm am Hasselbachplatz. Die örtliche Sparkasse schloss sogar den Nachtautomaten. Zu oft wurde nachts in die Filiale gepinkelt, randaliert. Man erzählte sich in Magdeburg Geschichten von Hells Angels, die hier einen Laden hatten, erzählt von Schutzgelderpressung und Mafiastrukturen, die sich entwickelt haben. Es gibt viele Magdeburger, die ihren Töchtern empfehlen, den Platz zu meiden. Zu viel Schlechtes hat man über den Platz gehört.

Statt der Bars haben jetzt Spätis aufgemacht. Läden, in denen man fast rund um die Uhr billigen Alkohol kaufen kann, Zigaretten und was man sonst noch so braucht, um die Nacht am Hasselbachplatz rumzubringen. Sie liefern den Treibstoff für Partynächte. Sieben Stück gibt es mittlerweile. Vor wenigen Jahren noch gab es nur einen. Die Läden sind den Barbetreibern ein Dorn im Auge. Statt bei ihnen Bier und Cocktails zu trinken, versorgen sich die Menschen für wenig Geld mit Schnaps aus dem Späti. Die Einnahmen fehlen den Kneipiers. Doch die Läden ändern auch die Kultur am Hassebachplatz: Vor den Läden sammeln sich die Trinker, grölen herum. Das gab es hier früher nicht. Fast jeden Abend gibt es Prügeleien oder kleinere Auseinandersetzungen. Ein Spätkauf ist als "Nazi-Späti" verschrien, dort gibt es den meisten Stress. Gegenüber halten sich größere Gruppen von Flüchtlingen auf, in dem Laden sind sie nicht erwünscht, erzählen Magdeburger.

Olaf Bernhardts Currybude liegt etwas abseits der Spätis. 2008 wurde sein Laden mal zur besten Currywurst Deutschlands gewählt. Das erzählt man sich noch heute in Magdeburg. Bernhardt ist ein Klartext-Mann. Wenn man ihn nach seinem Namen fragt, sagt er: "Olaf Bernhardt, Bernhardt mit DT wie Damentoilette." Er lacht. Der kommt immer gut. Und wie läuft's hier für deinen Laden, Olaf? "Hätte ich nur den Laden, ich weiß nicht, ob ich das noch lange machen würde." Bernhardt ist gelernter Koch, hat ein Catering-Unternehmen, seit 14 Jahren betreibt er nebenher die Bude am Hassel.

Olaf Bernhardt ist ein Enttäuschter. "Seit Jahren höre ich hier von Politikern nur Blabla, das hat einige schon die Existenz gekostet." Die Probleme aus seiner Sicht: Jugendliche, die nur auf Gewalt aus seien, hätten sich den Platz zu eigen gemacht. Die Spätdienste bekäme er kaum noch besetzt. Sein Personal habe Angst. Die Polizei habe man entmündigt, sagt er. Bernhardt ist einer dieser Menschen im Osten, die sich mehr staatliche Autorität wünschen, härteres Durchgreifen. Erst einige Tage zuvor sei ein Kumpel von ihm hier mit einer Flasche angegriffen worden. "Von hinten", sagt Bernhardt.

Es sind Vorfälle wie dieser, die den Menschen in Magdeburg Angst machen. Laut Polizeibericht hatte ein betrunkener und unter Drogen stehender Mann aus Eritrea Bernhardts Kumpel an einem Freitagabend seine Bierflasche auf dem Kopf zertrümmert. Die Polizei nahm ihn mit aufs Revier und ließ ihn wieder frei. Kurz darauf griff der Mann erneut Menschen mit einer Flasche an – wieder am Hasselbachplatz. Erst dann beantragte die Staatsanwaltschaft Haftbefehl. "Wie soll ich da ruhig bleiben?", fragt Bernhardt. Seine Hand wischt die halb volle Kaffeetasse vom Tisch. "Scheiße."

Schaut man sich die Schlagzeilen der letzten Monate in der Lokalpresse an, scheint sich Bernhardts Eindruck zu bestätigen: "Messerstecherei am Hassel", "Wieder Prügelattacke", "Prügel in Straßenbahn." Die Volksstimme berichtet groß über diese Ereignisse – nachdem der Presse nach 2015 vorgeworfen wurde, die Probleme kleinzuschreiben, scheint das Blatt diese Wahrnehmung ausgleichen zu wollen. Es gibt linke und grüne Politiker in Magdeburg, die polemisch vom "AfD-Blatt" sprechen. Namentlich zitieren lassen wollen sie sich lieber nicht. Die "Ausländerproblematik", so nennt das etwa ein Sprecher der Vereinigung von Magdeburger Händlern, wird nach wie vor diskutiert in der Stadt.

Es ist eine Mischung aus einer veränderten Ausgehkultur und aufsehenerregenden Gewalttaten, die die Stimmung hier vergiftet. Die Magdeburger Polizei versichert auf Anfrage, die Kriminalität am Hasselbachplatz sei nicht signifikant gestiegen. Es habe "leichte Schwankungen" in den vergangenen fünf Jahren gegeben, heißt es. Lediglich das vergangene Jahr habe eine deutliche Ausnahme in der Kriminalitätsstatistik gebildet. "Der signifikant hohe Anstieg der Straftaten" sei aber vor allem auf die Ausschreitungen während der Aufstiegsfeier des Fußballclubs 1. FC Magdeburg zurückzuführen, so eine Polizeisprecherin. Nach dem Aufstieg des Vereins in die zweite Bundesliga hatten sich Hooligans im vergangen April Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Mehrere reckten den Arm zu Hitlergruß. Die Bilanz: 38 verletzte Polizisten und Dutzende Festnahmen. Aber die Fans, die gehören für viele Magdeburger dazu. Vor denen haben die wenigsten Angst, die sind nicht fremd, sondern welche "von hier".