Das Seltsame ist: das Problem hat die Stadt lange erkannt, es wurde einiges getan. Fast jeden Abend stehen Polizeiwagen auf dem Platz, die Präsenz der Beamten wurde deutlich erhöht. Es gibt gemeinsame Streifen mit dem Ordnungsamt. Außerdem hat die Stadt Videokameras installiert, dort, wo viele Jugendliche rumhingen, wurde das öffentliche WLAN abgestellt. Anlasslose Taschenkontrollen sind möglich. Der Rechtsstaat hat Zähne gezeigt. Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) ist nicht eben als Sozialromantiker bekannt: Er trat einst aus seiner Partei aus, nachdem ihm die Flüchtlingspolitik zu wenig repressiv war und er sich "nicht den Mund verbieten lassen wollte" – später trat er wieder ein. Vielen hier reicht das nicht. Sie fordern für den Hassel ein Alkoholverbot, eine ständige Polizeiwache. Noch mehr Repression.

Dass die Diskussion auch anders verlaufen könnte, zeigt ein Besuch im Café Central. Die Bar am südlichen Ende des Kneipenviertels liegt nicht nur geografisch um einiges entfernt von Currykönig Olaf Bernhardt. Geschwungene Holzmöbel, Perserteppiche auf dem Boden, die Getränke kaufen sie in der Region ein. Was in Sachsen-Anhalt gar nicht so leicht sei, sagt Julia Mantwill und lacht. "Gibt ja nicht so viel hier in der Gegend." Die 32-Jährige, kurze Haare, schwarzer Pulli, ist Geschäftsführerin des Central. Sie will, dass sich etwas ändert am Hasselbachplatz und hat deshalb die IG Hassel gegründet – IG, das steht für Interessengemeinschaft. 16 Bars und Kneipen aus der Gegend sind beteiligt. Sie wollen hier wieder Leben auf den Platz bringen. Es sei doch hier schon wieder besser geworden, sagt Mantwill. Aber auch sie fragt: "Wie können wir unseren Laden hier halten?" Im nächsten Jahr wollten sie eigentlich 15-jähriges Jubiläum feiern.

Mantwill schimpft nicht auf die Flüchtlinge. Natürlich habe die Migration Herausforderungen mit sich gebracht, sagt sie. Heute leben knapp 6000 Flüchtlinge in der Stadt. Jeder dritte Ausländer ist ein Flüchtling. Daran haben sich einige in Magdeburg noch nicht gewöhnt. Die eigentlichen Probleme allerdings lägen woanders, sagt die Barchefin. Generell seien die Magdeburger kein Partyvolk. Eine richtige Kneipenkultur habe es hier nie gegeben. Dazu käme die Digitalisierung: Mantwill glaubt, die Menschen haben heute anderes zu tun, als in die Innenstadt zu gehen, sich in eine Bar zu setzen. "Der lokale Einzelhandel stirbt deshalb und auch Bars haben es schwerer." Das merke man immer stärker.  

Außerdem seien da die Nutzungskonflikte: Der Hasselbachplatz ist ein Wohnviertel, ein Geschäftsviertel, ein Ausgehviertel und er ist einer von Magdeburgs Verkehrsknotenpunkten. Das führe zu Unmut untereinander: zwischen Unternehmern, Anwohnern, Barbetreibern, Feiernden. "Aufregen", sagt sie, "ist halt einfacher, als sich zu engagieren." Ideen, diese Konflikte zu lösen, sind bislang rar. Schlaumeier würde sie die Kommunalpolitiker nie nennen, aber enttäuscht ist auch sie. Politische Visionen seien in Magdeburg Mangelware. Die Stadtverwaltung arbeite hier oft gegen einen.

Das soll sich ändern, wenn es nach Mantwill geht. Sie hat mit der Stadt ein Konzept erarbeitet: ein sogenannter Nachtbürgermeister sollte installiert werden. Jemand, der bei Konflikten vermittelt. Vorbilder: London, New York, Amsterdam. Metropolen. Und das möchte auch Magdeburg sein. Der Posten heißt jetzt "Hasselmanagement". Innerhalb von drei Jahren soll jemand Ideen sammeln, was man machen kann: Festivals? Verkehrsberuhigung? Mehr Bänke? Galerien in den leeren Ladengeschäften? Bald solle es losgehen. "Ich hätte Tausende Ideen, was man hier für Aktionen schieben kann", sagt Mantwill. "Viele glauben, es lohnt sich nicht, hier anzupacken, aber das stimmt nicht."

Julia Mantwill vom Café Central hat einen Plan für den Platz. Sie arbeitet an einem neuen Image. © Julius Betschka für ZEIT Online

Etwa 24 Stunden später. Samstagnacht, Primetime. Schon heute will Mantwill mit ihrem Plan loslegen, will beginnen, ein neues Image für den Hassel zu schaffen. "Hassel Fever" steht auf einem Plakat. Sie hat das kleine Festival zusammen mit anderen Barbetreibern organisiert, zum zweiten Mal. Bands und DJs spielen in den Kneipen. Gegen 22 Uhr ist das Central knallvoll. Eine Magdeburger Band spielt, Rock ’n’ Roll. Feststimmung. Großstadtgefühl. Eigentlich wollte sich sogar der Currykönig beteiligen, auf der anderen Seite des Platzes. Einen Wagen rausstellen, Würste verkaufen gegen den Kater. Doch es regnet, schlecht beworben ist die Veranstaltung auch, meckert Bernhardt. Er hat seine Leute deshalb lieber woanders eingesetzt.

Für Mantwill war die Veranstaltung trotzdem ein Erfolg, sagt sie am nächsten Tag. Sie hat sich über viele nette Nachrichten gefreut, nicht nur von Freunden. Ob sie und Bernhardt beim nächsten Mal zusammenfinden? "Wahrscheinlich müssen wir das." Die Sicherheit sei natürlich ein Thema, sagt sie. Aber nur mit Ordnungspolitik komme man eben nicht weit. Der Hasselbachplatz habe so viel Potenzial, da müsse sich doch etwas machen lassen. Obwohl, Potenzial, das sei eigentlich sowieso ein verbotenes Wort in Magdeburg. Das ewige Mantra der Stadt – wie so vieler Regionen im Osten der Republik. Die Barchefin sagt: "Der Hasselbachplatz ist gerade so kompliziert, wie gesellschaftliche Umbrüche im ganzen Land vielschichtig und kompliziert sind." Daher die enorme Unsicherheit der Menschen, der Zorn. "Da ist gerade so viel Destruktives, weißte?"

Wer am Montag die Lokalzeitung Volksstimme auf dem Frühstückstisch liegen hat, liest auf Seite eins: "Wieder Prügelattacke in Magdeburg." Es geht um den Überfall auf den Kumpel von Olaf Bernhardt ein paar Tage zuvor. Von der erfolgreichen Partynacht am Hasselbachplatz liest man kaum etwas. Ein paar Partyfotos sind weiter hinten im Lokalteil abgedruckt. Kein Wort zu den großen Plänen von Julia Mantwill. Und auch das Hasselmanagment wird in diesem Jahr nicht mehr kommen, erfährt man einige Tage später. Es ist an der Finanzierung gescheitert.