Die Katholiken in Deutschland haben Post bekommen. Der Papst hat geschrieben. In Erwartung der Zustellung fragte man sich vorab eins: Warum schreibt der Papst an die Deutschen? Es geht um den sogenannten synodalen Weg, ein Forum für Reformdebatten in der katholischen Kirche. Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hatten ihn im Frühjahr als Reaktion auf den Missbrauchsskandal beschlossen. Die Kirche soll auf allen Ebenen über ihre Zukunft beraten. Brisante Fragen stehen auf der Agenda: Zölibat freistellen. Frauen ordinieren. Homosexuelle Beziehungen anerkennen. Kirchliche Leitungsmacht neu organisieren.

Das führt in den innerkirchlichen Konflikt. Der Papst weiß das. Reformen erscheinen auch ihm unausweichlich, wie er im Umgang mit der römischen Kurie zeigt. Aber sie müssen vom Geist des Evangeliums bestimmt sein. Davon vor allem handelt sein Brief. Den Papst treibt außerdem die Sorge um, wie sich zwischen progressiven und konservativen Kräften die Einheit der Kirche wahren lässt.

Was in Deutschland verhandelt wird, betrifft ja die ganze Kirche, denn was in einer Ortskirche verändert wird, muss auch woanders möglich sein. Zuletzt schaltete sich der Papst deshalb im vergangenen Jahr in einen deutschen Reformprozess ein. Damals ging es um die Möglichkeit, nicht katholischen Partnern in konfessionsverbindenden Ehen den Kommunionempfang zu ermöglichen. Der Papst machte dafür den Weg frei. Folgt jetzt die nächste Runde? Droht aus dem Land Luthers gar eine katholische Reformation? 

In seinem Brief an "das pilgernde Volk Gottes in Deutschland" (Download hier) mahnt der Papst die Einheit der Kirche an. Ortskirchliche Initiativen – ja. Alleingänge – nein. Reform der Kirche? Unbedingt. Aber aus dem Geist des Evangeliums. Als "pastorale Bekehrung". Nur wie soll sie konkret aussehen, wenn die Krise der Kirche systemische Ursachen hat – wie der sexuelle Missbrauch durch katholische Priester zeigt? Er markiert eine "Zeitenwende", von der auch der Papst spricht. Die Krise der katholischen Kirche mit sinkenden Mitgliederzahlen und einem kulturellen Bedeutungsverlust verlangt die "Suche nach einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation". Dazu will der Brief des Papstes ermutigen. Franziskus tut dies, indem er ausgerechnet auf die "Früchte" des "ökumenischen Wegs" verweist, den die katholische Kirche in Deutschland eingeschlagen hat. Was lange undenkbar schien wie beim Kommunionempfang, ist seitdem möglich.

Eins macht der Brief des Papstes allerdings klar: Er will keine Reformen um der Reformen willen. Aber er gibt ihnen Raum. Schon weil er die "Sorge um die Zukunft der Kirche in Deutschland" teile. Deshalb verlangt er auch nicht nur die Rücksicht auf weltkirchliche Zusammenhänge, sondern fordert zu einer Auseinandersetzung im ganzen Volk Gottes auf. Der gemeinsame, wörtlich: synodale Weg muss aus seiner Sicht alle einbeziehen, ausdrücklich auch die "Basis". Anders lasse sich keine "große Synode halten".

Das ist mehr als bloß kein Verbot, wie das Kölner Domradio meldete. Der Papst unterstützt vielmehr den deutschen Weg. Freilich mit Nachdenklichkeit. Im Interesse an einem "gesunden aggiornamento". Die Kirche muss auf die Zeichen der Zeit reagieren, aber ohne sich einfach dem Zeitgeist anzupassen.

Denn es geht zuerst um das Evangelium. Es gilt, die Liebe Gottes jedem Menschen nahezubringen. Besonders den Marginalisierten, wie Franziskus einschärft. Was eine Haltung des kirchlichen Aufbruchs zu den Rändern einschließt. Strukturreformen sind dem zugeordnet. Dabei warnt Franziskus vor "vorgefassten Schemata und Mechanismen". Steht für die Reformer vorab schon fest, was am Ende herauskommen soll – und für die Konservativen, was in keinem Fall geht? Das führt nicht weiter. Der Papst fordert einen gemeinsamen Prozess echten Suchens.

Dass der Papst kein Thema tabuisiert, öffnet Spielräume für die Kirche vor Ort. Sie muss in Einheit mit der Weltkirche stehen, kann aber auch vorangehen. Dabei gilt es laut Franziskus, die Tradition zu respektieren, aber um ihr "Feuer am Leben zu erhalten, statt lediglich die Asche zu bewahren." Das führt in die Zerreißprobe, in der sich die katholische Kirche befindet. An ihr vorbei aber geht nichts voran. Das hat sich gezeigt, als die deutschen Bischöfe den synodalen Prozess beschlossen. Nicht ohne offen ausgetragene Kontroversen.

Wie man das Gespräch trotz aller Unterschiede führen kann, das steckt der Brief des Papstes mit Verkehrszeichen ab, aber ohne Stoppschilder. Die katholische Kirche in Deutschland muss den synodalen Weg nun konsequent gehen. Wohin er führt, muss im Geist des Evangeliums gemeinsam entdeckt werden. Wer aber nur halbherzig, ohne Risikobereitschaft aufbricht, bleibt auf der Strecke.