In der kommenden Woche wird es wohl keine Befragung der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete in Italien geben. Der für Dienstag angesetzte Termin bei der Staatsanwaltschaft in der sizilianischen Stadt Agrigent verschiebe sich aufgrund eines Streiks der Strafverteidiger, teilte Racketes Anwalt mit.

Staatsanwalt Salvatore Vella sagte, die Staatsanwaltschaft in Agrigent werde voraussichtlich erst nach dem Sommer entscheiden, ob es zu einem Prozess kommen soll, oder ob die Vorwürfe wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung fallen gelassen werden. Die Vernehmung zu diesen Vorwürfen werde für den 18. Juli angesetzt. Rackete sei frei und könne auch bis zu diesem Termin nach Deutschland zurückkehren, sagte Vella. Die 31-Jährige aus Niedersachsen ist derzeit in Italien. 

Rackete war als Kapitänin des deutschen Rettungsschiffs Sea-Watch 3 ohne Erlaubnis der Regierung in Rom in italienische Gewässer und in den Hafen von Lampedusa gefahren. Sie begründete das mit dem schlechten gesundheitlichen Zustand der Menschen an Bord. Ursprünglich waren 53 Migranten auf dem Schiff. In den zwei Wochen, in denen die Sea-Watch 3 vor Lampedusa auf die Erlaubnis zum Anlegen wartete, waren 13 Menschen aus gesundheitlichen Gründen schon an Land gebracht worden.

Vorwurf der Beihilfe zu illegaler Migration

Rackete wurde festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Eine Ermittlungsrichterin hatte zwar den Hausarrest am 2. Juli aufgehoben. Der Kapitänin wird aber nach Angaben ihres Verteidigers Beihilfe zur illegalen Einwanderung sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und ein Kriegsschiff vorgeworfen. Die beiden letztgenannten Vorwürfe werden laut Staatsanwalt Vella nicht bei der jetzigen Anhörung behandelt. Darum kümmere sich ein anderer Strafverfolger. Bei der Einfahrt in den Hafen von Lampedusa hatte sie beinahe ein Schnellboot der Küstenwache gerammt, das die Einfahrt verhindern wollte.

Racketes Schiff, die Sea-Watch 3, gehört zur privaten deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch, die Migrantinnen und Migranten aus kaum seetüchtigen Schlauchbooten hauptsächlich vor der Küste Libyens aus dem Wasser rettet und versucht, sie in sicheren Häfen an Land zu bringen. Aufgrund der Zustände in Libyen hatte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR dazu aufgerufen, aus dem Wasser gerettete Menschen "auf keinen Fall" zurück nach Libyen zu bringen.

Weil die Mittelmeer-Operationen der EU sich verstärkt mit Grenzsicherung und weniger mit der Rettung Schiffbrüchiger beschäftigen, übernehmen mehrere NGOs diese Aufgabe. Am Wochenende rettete das Schiff Alan Kurdi der deutschen Hilfsorganisation Sea-Eye 65 Personen aus einem Schlauchboot, ebenfalls vor der libyschen Küste. Nachdem es nicht in Lampedusa anlegen durfte, konnten die Menschen am Sonntag auf Malta an Land gehen.