In Frankreich werden homöopathische Globuli nicht mehr von den Kassen erstattet. Auch in Deutschland mehren sich die Forderungen nach einem Erstattungsverbot. Die in Berlin ansässige Krankenkasse BKK VBU hat bereits vor fünf Jahren entschieden, die Kügelchen in den Katalog mit aufzunehmen – und will auch künftig nicht davon abweichen.  

ZEIT ONLINE: Frau Galle, Ihre Kasse erstattet ihren Kunden die Kosten für homöopathische Präparate – und das, obwohl keine einzige wissenschaftliche Studie eine Wirkung nachweisen kann. Warum?

Andrea Galle: Für uns ist die Erstattung homöopathischer Präparate keine Glaubensfrage, und ich finde, wir tun wirklich sehr schlecht daran, das Thema so dogmatisch zu diskutieren. Wir haben einen gesetzlichen Rahmen, der uns vorgibt, was wir erstatten dürfen, und was nicht. Er gibt den Krankenkassen die Option, ihren Kunden die Erstattung von Homöopathie anzubieten. Sollen wir jetzt hergehen und unseren Kunden das vorenthalten, was gesetzlich möglich ist? Wir wollen niemanden bevormunden. 

ZEIT ONLINE: Das ist auch eine Antwort auf den starken Wettbewerb, in dem sich deutsche Krankenkassen befinden, oder? Die Erstattung homöopathischer Mittel als Konzession an die begehrte junge Klientel, die gesund ist und naturgemäß am wenigsten Kosten verursacht.

Andrea Galle, Chefin der BKK VBU © BKK VBU

Galle: Nein, das ist keine Konzession an die Jugend, sondern an den Menschen insgesamt. Menschen haben die unterschiedlichsten Lebensvorstellungen. Was sie für ihre Gesundheit als wichtig erachten, liegt in ihrem Ermessen und in dem der Ärzte. Wir als Kasse würden das niemals bewerten wollen, solange es den gesetzgeberischen Auflagen entspricht. Und im Fall der Globuli tut es das. Alles, was wir erstatten, ist im Übrigen nicht nur vom Gesetzgeber gewollt, sondern auch vom Bundesversicherungsamt genehmigt – und das steht nicht gerade im Verdacht, besonders großzügig zu sein. 

ZEIT ONLINE: Es gibt immer wieder schwer erkrankte Patienten, die der Schulmedizin abschwören und homöopathischen Behandlungen den Vorzug geben. Manch einer hat mit dem Leben bezahlt, weil er den Zeitpunkt verpasst hat, an dem schulmedizinisch noch etwas machbar gewesen wäre. Stimmt Sie das nicht nachdenklich?

Galle: Dieses Argument tragen die Kritiker wie eine Monstranz vor sich her. Wir erstatten homöopathische Präparate aber ja nur, wenn sie von einem niedergelassenen Arzt verordnet wurden, der auch eine spezielle Weiterbildung in Sachen Homöopathie vorweisen kann. Die Fälle, von denen Sie sprechen, machen natürlich betroffen. Wenn Personen zulasten schwerkranker Menschen Geschäfte machen, gehört das strafrechtlich verfolgt. Wir aber setzen auf Homöopathie als Komplementärmedizin. Wenn der Arzt sagt: Das ist das Mittel der Wahl, dann vertrauen wir ihm und mischen uns nicht ein. Letztlich haftet der Arzt für die von ihm gewählte Behandlungsmethode. Das gilt für die Verschreibung von Kügelchen ebenso wie für die von herkömmlichen Medikamenten. In Frankreich werden die Erstattungen übrigens erst im Jahr 2021 wegfallen, nachdem sie im Jahr 2020 in der Höhe reduziert werden. Es ist also eher ein Spargesetz, bei dem der Leistungskatalog zusammengestrichen wird und es geht weniger darum, Verbraucher zu schützen.

ZEIT ONLINE: Und trotzdem: 670 Millionen Euro werden pro Jahr allein in Deutschland mit homöopathischen Präparaten umgesetzt. Könnte das Geld nicht anderswo besser angelegt werden im Gesundheitssystem?

 Galle: Ich weiß nicht, wer für diese hohen Einnahmen zuständig ist, ich vermute, das Gros sind frei verkäufliche Präparate. Bei uns jedenfalls ist der Anteil an den Gesamtausgaben verschwindend gering.

ZEIT ONLINE: Wie hoch genau?

 Galle: Wir erstatten für die nichtverschreibungspflichtigen, apothekenpflichtigen Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen wie Homöopathie, Phytotherapie und Anthroposophie bis zu 100 Euro im Jahr. Nur ein Bruchteil davon entfällt auf Globuli. Lediglich 0,01 Prozent unserer Gesamtausgaben entfallen auf homöopathische Mittel, homöopathische Behandlungen schlagen gerade mal mit 0,02 Prozent zu Buche. Das entspricht Ausgaben von gerade mal 400.000 Euro pro Jahr – eine Summe, die angesichts unserer Jahresausgaben von 1,6 Milliarden Euro komplett zu vernachlässigen ist.

 ZEIT ONLINE: Peanuts also?

Galle: Absolut. Weswegen ich die derzeitige Diskussion auch für ein grandioses Sommertheater halte. Hier wird eine Bagatelle skandalisiert – und das, obwohl wir wirklich viel größere Baustellen haben. Die geplante Reform des medizinischen Diensts der Krankenkassen zum Beispiel: Wenn dieses Gesetz kommt, dürfen wir künftig pro Jahr nur noch zehn Prozent der Klinikrechnungen überprüfen. Bislang haben wir 20 Prozent geprüft. Mehr als die Hälfte der geprüften Rechnungen sind fehlerhaft. 25 Millionen Euro flossen deshalb allein im letzten Jahr zurück an uns, was auch den Versicherten zugutekommt. Das wird nun in Zukunft deutlich weniger sein – und das ist ein viel größeres Ärgernis als ein paar Kügelchen, die von uns bezahlt werden.

ZEIT ONLINE: Aber stört es Sie nicht, dass Präparate erstattet werden, deren Wirksamkeit nicht erwiesen ist? Für alle anderen Medikamente sind aufwendige medizinische Studien Pflicht, bevor sie zugelassen werden.

Galle: Ich bin natürlich dafür, dass wir gute Evidenzen haben. Aber liegt es nicht auch in der Logik des medizinischen Fortschritts, dass Therapien angewandt und teils auch erstattet werden, deren Wirksamkeit erst später bewiesen oder vielleicht auch widerlegt wird? Zum Beispiel hat niemand je eine wissenschaftliche Evidenz für Massagen und Moorpackungen vorgelegt. Aber würde man derlei Therapien deshalb verbieten oder nicht erstatten wollen? Ich finde nein. Ein anderes Beispiel ist die Digitalmedizin: Da gibt es derzeit so viele Neuerungen, erste Apps sind als Medizinprodukte zugelassen und werden von den Kassen bezahlt. Niemand wird bestreiten, dass es künftig neuere und bessere Lösungen geben wird, die dann die heutigen ersetzen. Das ist doch ein ganz normaler Prozess.

ZEIT ONLINE: Nach schulmedizinischen Parametern sind homöopathische Mittel nicht mehr als Zuckerkügelchen. Mal überspitzt gefragt: Warum Zuckerkügelchen erstatten, Schokolade aber nicht? Die macht ja auch glücklich und gibt Kraft!

Galle: Manche Therapien haben eine gewisse Tradition, die aus einem anderen Blickwinkel vielleicht nicht nachvollziehbar ist. Deutschland ist zum Beispiel eines der wenigen Länder, in dem Kuren bezahlt werden. Meine persönliche Meinung ist: Viele Kuren, etwa als Anschlussbehandlung an Krebserkrankungen, sind sehr notwendig, andere sind vielleicht eher so etwas wie Urlaub. Aber diese Tradition ist hierzulande historisch gewachsen, der Gesetzgeber will, dass diese Kuren erstattet werden, und dann tun wir das auch – auch wenn Sinn und Zweck der Ausgaben natürlich immer wieder hinterfragt werden sollten. Aber um auf Ihre Frage zu antworten: Ja, wenn der Gesetzgeber sagen würde, pro Tag soll jedem Patienten eine Schokolade erstattet werden, dann würden wir auch das tun (lacht). Auch wenn ich von der Sinnhaftigkeit einer solchen Maßnahme nun wirklich nicht überzeugt wäre und auch der Gesetzgeber so verständig ist, dass nicht zu befürchten ist, dass das eintritt.

 ZEIT ONLINE: Müsste man nicht statt Globuli lieber Rollatoren und Brillen erstatten, die nicht den hippen Jungen, sondern eher der älteren Bevölkerung zugutekommen?

Galle: Rollatoren sind Hilfsmittel und sind bei medizinischer Notwendigkeit Kassenleistung auf Rezept. Auch Sehhilfen werden bis zum Alter von 18 Jahren und bei starker Kurz- oder Weitsichtigkeit – wenn ein Ausgleich von mehr als sechs Dioptrien erforderlich ist oder die Sehschärfe bei nur 30 Prozent liegt – von den Krankenkassen bezahlt.

ZEIT ONLINE: Nehmen Sie eigentlich selber Kügelchen?

Galle: Nein, ich persönlich nicht. Was ich aber gut finde, ist der ganzheitliche Ansatz, der bei der Komplementärmedizin in Verbindung mit der Schulmedizin mitspielt.

ZEIT ONLINE: Was würden Sie gern in den Katalog der von den Kassen zu erstattenden Therapien aufnehmen?

Galle: Dann würde ich gerne die Ungerechtigkeit beenden, dass Paare mit unerfülltem Kinderwunsch für die künstliche Befruchtung auf Krankenkassenkarte verheiratet sein müssen. Der Trauschein sollte keine Voraussetzung für eine medizinische Leistung sein.