Mansur Seddiqzai arbeitet unter anderem als Islamlehrer im Ruhrgebiet. Hier denkt er darüber nach, dass er selbst als Jugendlicher Muslime als Opfer und Juden als Täter einordnete. Und wie seine muslimischen Schülerinnen und Schüler mit extremistischen Vereinfachungen umgehen.

In den Neunzigerjahren explodierten in Israel fast jede Woche Bomben in Bussen, Cafés und auf öffentlichen Plätzen. Ich war Schüler an einem Gymnasium in Bonn, weit weg vom Nahen Osten, sicher vor Bombenattentaten und Gegenangriffen. Weder habe ich einen arabischen Migrationshintergrund noch Verwandte in der Region. Eigentlich hätte mich der Konflikt in Nordirland oder Tibet genauso interessieren können. Eigentlich. Aber so fühlte ich damals nicht. Denn "die Palästinenser" waren Muslime wie ich und "die Israelis" eben Juden, die anderen. 

Dass Israel mein großer Feind und ich uneingeschränkt solidarisch mit den Palästinensern sein müsste, lernte ich nicht von meinen afghanischen Verwandten, sondern in Moscheegesprächen und ab und an in Freitagspredigten in verschiedenen Bonner Moscheen. Nach der Scheidung meiner Eltern und dem Umzug in eine neue Stadt hatte ich dort Halt gefunden – und die antisemitische Lesart des Nahostkonflikts überzeugte mich in meiner kindlich geprägten Vorstellung, dass sich die Welt in Gut und Böse einteilen ließe.

Dort die Deutschen, wir waren die Ausländer

Viele afghanische Einwanderer diskutierten in meiner Kindheit eher über die Sowjetunion, über den afghanischen Bürgerkrieg, über Pakistan, die Taliban und, ja, auch über "die Araber". Mit ihnen identifizierten sie sich aber gar nicht, trotz der gemeinsamen Religion. Ganz im Gegenteil. Für viele Afghanen waren es nämlich "die Araber", die mit ihrer islamistischen Auslegung der Religion Afghanistan zerstört und Osama bin Laden ins Land gebracht hatten.

Aber wie ich lebten auch sie in einer Welt der Verallgemeinerungen. Dort waren "die Deutschen", hier waren wir "Ausländer", dort waren "die Sowjets" oder eben "die Juden". "Wir Muslime" waren "die Opfer" und überall lauerten "die Täter". In einer Welt, in der es auch global ständig um Blöcke ging, fand sich nuanciertes Denken über internationale Konflikte auch in den Migrantengruppen nicht wieder.

Jedes Mal, wenn eine Bombe Menschen in Israel zerriss, dachte ich also, dass "wir" den Krieg gewinnen würden. Für mich war das Morden ein Zahlenspiel. Einzelne Menschenleben sah ich nicht. Je größer die Summe der Toten, desto schneller würde der Staat Israel vergehen.

In der Moschee wurde uns beigebracht, auf diese Weise würde die rechtmäßige und "gottgewollte" Ordnung wiederhergestellt. Außerdem hatte ich auch einige palästinensische Freunde in Bonn. Sie berichteten anschaulich von den Grausamkeiten "der Juden", die sie oder ihre Verwandten erlebt hatten. Einer erzählte von Vertreibung, ein anderer von seinem inhaftierten Onkel, ein dritter von einem erschossenen Cousin. Meine palästinensischen Freunde hatten tatsächlich Leid gesehen. Aber sie waren nicht die beste Quelle, um den Konflikt in seiner Komplexität zu verstehen. Das tat ich erst Jahre später, als ich mich mit einem Israeli anfreundete, der den ständigen Raketenbeschuss der Hamas als Jugendlicher selbst erlebt hatte.