Nach dem jüngsten Bootsunglück im Mittelmeer haben Rettungskräfte 62 Tote geborgen, wie ein Sprecher der Hilfsorganisation Roter Halbmond mitteilte. Hilfsorganisationen befürchteten mehr als hundert Tote. Die Tragödie befeuerte die Debatte um eine staatliche Seenotrettung.

Das Holzboot war am Donnerstag vor der Küste der libyschen Stadt Choms gesunken. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) befürchtete mehr als 110 Tote. Die libysche Küstenwache sprach von 115 Vermissten; nach ihren Angaben wurden 145 der Schiffbrüchigen gerettet. Überlebende berichtete nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen von insgesamt rund 400 Insassen, die mit drei hintereinander vertauten Holzbooten das Mittelmeer überqueren wollten.

Viele Leichen befänden sich noch im Wasser, sagte Halbmond-Mitarbeiter Abdelmoneim Abu Sbeih. "Es ist unmöglich, eine Gesamtopferzahl zu nennen." UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi bezeichnete den Fall als die "schlimmste Mittelmeertragödie dieses Jahres". Nach Angaben der libyschen Marine stammten die meisten Bootsinsassen aus Eritrea. Auch Palästinenser und Sudanesen waren demnach unter den Geretteten.

Nach Angaben der IOM sind in diesem Jahr bereits mehr als 680 Menschen bei dem Versuch getötet worden, das Mittelmeer zu überqueren. Erst Anfang Juli ertranken 68 Migranten, als ihr Boot vor Tunesien unterging. Weitere 3.700 sollen in Internierungslager in Libyen gebracht worden sein. Das nordafrikanische Land ist eine zentrale Drehscheibe für Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa flüchten wollen. In Libyen herrscht Bürgerkrieg, weite Teile des Landes werden von Milizen kontrolliert.

Grüne: Seenotrettung staatlich finanzieren

Angesichts des jüngsten Unglücks vor der libyschen Küste wurden Forderungen nach einer Wiederaufnahme staatlicher Seenotrettung lauter. Es sei einmal mehr deutlich geworden, "wie dringend eine staatlich finanzierte Seenotrettung im Mittelmeer gebraucht wird", sagte Grünenfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt der Augsburger Allgemeinen.

"Um das Sterben von Menschen im Mittelmeer zu verhindern, brauchen wir endlich ein gemeinsam getragenes Aufnahmesystem und eine faire Verteilung von Geflüchteten auf die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union", fügte Göring-Eckardt hinzu. Der Obmann der Fraktion der Linken im Menschenrechtsausschuss des Bundestags Michael Brandt nannte eine staatliche Seenotrettung "dringend erforderlich".

Auch Filippo Grandi, Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, forderte, die staatliche Seenotrettung wieder aufzunehmen. Private Hilfsorganisationen seien nicht in der Lage, allein auf sich gestellt für die Sicherheit von Bootsflüchtlingen zu sorgen. Auch sollten die europäischen Länder sichere Fluchtrouten aus Libyen ermöglichen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres forderte im Kurzbotschaftendienst Twitter "sichere und legale Routen für Migranten und Flüchtlinge".

Salvini lässt Schiff der italienischen Küstenwache nicht anlegen

Seenotretter haben es im Moment schwer, aus dem Mittelmeer gerettete Flüchtlinge nach Europa zu bringen. Für die meisten von ihnen kommt eine Unterbringung von Geretteten in Libyen aufgrund der Zustände in libyschen Flüchtlingslagern und der Sicherheitssituation im Land nicht infrage. Auch die UN hatte dazu aufgerufen, gerettete Menschen nach Europa zu bringen. 

Dort aber erweist sich die Überführung der Menschen auf das europäische Festland als schwierig. Erst am Donnerstag hatte die italienische Küstenwache 135 Migrantinnen und Migranten vor der Küste Maltas gerettet, darf aber aufgrund einer Weisung des italienischen Innenministers Matteo Salvini nicht in Italien anlegen. Erst müssten sich andere europäische Länder bereit erklären, die Flüchtlinge aufzunehmen, sagte der Chef der rechten Lega. Salvini hatte bereits mehrfach Schiffen der heimischen Küstenwache oder von privaten Rettungsorganisationen die Einfahrt in italienische Häfen verweigert.

In der EU ist der Umgang mit den Bootsflüchtlingen heftig umstritten. Bei Beratungen der europäischen Außen- sowie der Innenminister in Paris gab es am Montag erneut keine Einigung auf einen Verteilmechanismus für die Flüchtlinge.

Ärzte ohne Grenze: Flüchtlinge aus Lagern evakuieren

Hilfsorganisationen forderten, dass Migranten nicht nach Libyen zurückgebracht werden dürften. "Alle Flüchtlinge und Migranten, die in Lagern in Libyen festgehalten werden, müssen dringend und umgehend aus diesen evakuiert werden", forderte die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Göring-Eckardt betonte: "Die libysche Küstenwache ist Teil des Problems und nicht der Lösung, weil sie mit kriminellen Schleppern und Schleusern kooperiert und Menschenrechte missachtet."

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sagte angesichts der jüngsten Katastrophe im Mittelmeer, die EU sei "eindeutig dazu verpflichtet", den "Kampf gegen Schlepper" und die "Kapazitäten der libyschen Küstenwache" zu verstärken. Die libyschen Behörden forderte sie auf, die "willkürliche Gefangennahme von Migranten" zu beenden. Mogherini forderte Mechanismen, um zu garantieren, dass die von der libyschen Küstenwache Geretteten menschenwürdig behandelt würden.