Lucía Muriel ist Diplompsychologin, Psychotherapeutin und soziale Aktivistin. Sie initiierte die Gründung mehrerer migrantischer Organisationen und Verbände. Sie wurde 1955 in Ecuador geboren und ist die Tochter von linksorientierten Eltern. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester emigrierte sie 1963 in die DDR. Nach dem Abitur verließ sie 1976 die DDR und ging nach West-Berlin. Ein Gespräch im Rahmen unserer Serie Deutschland 70/30 über Rassismus in beiden deutschen Staaten und ihr Leben als Fremde in Ost und West.

ZEIT ONLINE: Ihre Familie ist Anfang der Sechzigerjahre aus Lateinamerika geflohen. Warum sind Sie ausgerechnet in der DDR gelandet?

Muriel: Die DDR bot verfolgten Linken aus lateinamerikanischen Ländern in einem gewissen Umfang die Aufnahme an. Meine Mutter war eine politische Emigrantin und sie nahm mich und meine siebenjährige Schwester mit. Wir reisten mit einem italienischen Schiff, 21 Tage auf dem Meer, und legten in Genua an. Von dort aus war unser Ziel der Grenzübergang Friedrichstraße. Danach kamen wir in ein Aufnahmelager in Fürstenwalde. Nach mehreren Monaten wurden wir in Leipzig angesiedelt.  

ZEIT ONLINE: Bis zu Ihrem Abitur sind Sie an der Karl-Marx-EOS in Leipzig geblieben. Wie hat es Ihnen da gefallen?

Muriel: Das war eine großartige Schule, ich habe sie in guter Erinnerung. Meine Schulzeit war sehr spannend, trotz der permanenten Präsenz von Kontrolle und dem Druck, sich nicht als systemkritisch oder als freiheitsliebend outen zu dürfen. Auch die Ferienlager gehören für mich zu den großen, tollen Erinnerungen. Drei Wochen in den Wäldern vom Harz in Thüringen, so etwas hat meine Mutter sehr erleichtert, da sie uns diese spannenden Urlaube nicht hätte anbieten können. Sie kannte das Land ja selbst kaum. Sie sagte immer zu uns: "Ich musste Mutter und Vater für euch sein." Und ich habe aus Spaß geantwortet: "Nein, ich hatte einen Vater. Das war Vater Staat."

"Die DDR war eine lustfeindliche Gesellschaft"

ZEIT ONLINE: Es war also eine gute Zeit.

Muriel: Es fällt mir schwer, von der Zeit als "nur schlecht" zu reden. Aber eine gute Zeit war es in meinen Erinnerungen auch nicht. Ich habe das Land ja auch, sobald ich konnte, wieder verlassen. Ich habe noch ein Jahr Medizin studiert, aber auch das hat mich nicht glücklich gemacht. Ich habe die DDR als eine sehr lust- und freiheitsfeindliche Gesellschaft in Erinnerung.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie gestört? 

Muriel: Wir haben sehr viel Rassismus erlebt. Anders zu sein war in der DDR ein Riesenproblem. Und ich war sehr anders: Ich sprach eine zusätzliche, fremde Sprache, hatte schwarze Haare, schwarze Augen, braune Haut, war sehr zierlich im Vergleich zu meinen Klassenkameradinnen.

ZEIT ONLINE: Dennoch haben Sie gesagt, Sie haben Mühe, von diesen Jahren als "nur schlechten" zu sprechen.

Muriel: Auf der anderen Seite hatte ich das unschätzbare Glück, als Tochter einer politisch aktiven Mutter Veteranen des antifaschistischen Widerstandes kennenzulernen. Sie waren Verfolgte des Naziregimes, KZ-Gefangene und widerständige Menschen. Für mich waren sie wie Tanten, Onkel oder Großeltern, die ich durch die Auswanderung ja praktisch nicht hatte. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts lernte ich über sie mehr und überzeugender kennen als in der Schule. Deutsche Poesie, die deutsche Backtradition, wie man mit Schnee umgeht. Diese Begegnungen gelten für mich rückblickend als eines der wunderbarsten Geschenke meines Lebens.

ZEIT ONLINE: 1976 haben Sie die DDR verlassen und sind in den Westen gegangen. Gibt es Unterschiede zwischen dem Rassismus in der DDR und dem in der Bundesrepublik vor 1989?

Muriel: Der Rassismus in der BRD war strukturell, also in den Institutionen angesiedelt und stark verankert. Am deutlichsten drückte sich das in der Ausländerbehörde aus: Da wurden wir nur mit Nummern angesprochen, man machte sich gar nicht die Mühe, unsere Namen auszusprechen. Das galt damals als selbstverständlich. Ich hatte einen Stempel im Pass: "Zuzug nach Kreuzberg und Neukölln untersagt". Diesen Stempel bekamen nur sogenannte Ausländer. Wir sollten unsere Unterkunft nicht dort suchen, wo die Mieten am billigsten waren, obwohl wir Studentinnen waren und auf günstigere Mieten angewiesen waren! Und das waren damals in Berlin die Bezirke Kreuzberg und Neukölln. Das macht einem das Leben in einer besonderen Art und Weise schwer, weil wir überall die Barrieren aus Rassismus und Ausländerfeindlichkeit erst einmal sichtbar machen mussten und müssen.

In der DDR gab es diesen Rassismus in den Institutionen nicht, schließlich proklamierte man ja die internationale Solidarität gegenüber den Menschen aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Ihre Ausbildung wurde vom Staat finanziert, auch die Unterkunft. Aber es gab viel alltäglichen Rassismus, der oft grobe Ausmaße hatte. Er war lauter, kruder, gewalttätiger, man äußerte ihn auf der Straße. Der westdeutsche ist dagegen subtiler und bürgerlicher. 

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, woher diese Unterschiede zwischen der DDR und der BRD rühren?

Muriel: Beide Phänomene sind gewalttätig und zeigen Charakteristika von Unterdrückung. Die Vorurteile haben sich in den westdeutschen Institutionen hinter Vorschriften und Regeln versteckt, aber die meisten Leute haben sich anständig benommen. Ich habe in West-Berlin gelebt, da wollten die Leute in Ruhe leben. Wer Karriere machen wollte, kam nicht hierher. Vielmehr kamen Künstler, Aussteiger, Wehrdienstverweigerer und Migranten nach West-Berlin. Natürlich gab es auch hier Zwischenfälle, haben Leute "du Scheißausländer", "du Kanake" gerufen. Aber oftmals haben andere Leute sofort darauf reagiert und protestiert. 

"Man warf uns vor, privilegiert zu sein"

ZEIT ONLINE: Gewöhnt man sich an solche Pöbeleien?

Muriel: Nein, nie. Man legt sich einen Panzer zu. People of Color rechnen immer damit, dass etwas passieren kann. In der DDR gab es viel Wut. Sie hatte sich über die Jahrzehnte angestaut, konnte sich jedoch nicht entladen, weil es keine öffentlichen Ventile gab. Jede Aggression in der Öffentlichkeit wurde sanktioniert. Wenn uns jemand anschrie: "Ihr Scheißausländer dürft alle ins Ausland und wir kommen wegen der Mauer nicht raus, obwohl wir Deutsche sind!", dann war das diese Wut, die man nicht äußern durfte, aber die wir abbekamen. Man warf uns dauernd vor, dass wir privilegiert seien. Aber auch dieser Vorwurf ist rassistisch, weil wir durch unsere Hautfarbe markiert und als Feindbild wahrgenommen wurden. Wenn ich eine weiße Französin gewesen wäre, hätte man mich nicht angepöbelt.

ZEIT ONLINE: Wie ist der Rassismus im Westen in die Institutionen gelangt?

Muriel: Ich will nicht sagen, dass es in der DDR keinen institutionellen Rassismus gegeben hat, auch der war immer schon da. In der Bundesrepublik hat man sich im Zuge der Demokratieentwicklung mit Faschismus und über einen langen Weg auch mit Antisemitismus beschäftigt, aber über das Weißsein wurde nicht gesprochen. Auch, dass von der Nazi-Ideologie sich die Idee der Herrenrasse hartnäckig hält, wurde lange nicht thematisiert. Also, ich meine diesen Faschismus im Denken, der wurde lange nicht aufgearbeitet. Kein weißer Mann und keine weiße Frau musste sich hinterfragen. Das führt heute dazu, dass wir sowohl einen institutionellen als auch den alltäglichen Rassismus erleben.

ZEIT ONLINE: Und die DDR-Institutionen?

Muriel: Die haben sich von jeglichem Verdacht freigesprochen, weil man sozialistisch oder kommunistisch war. Aber auch die Kolonialgeschichte war in der DDR kein Thema. Kommunisten mussten automatisch solidarisch und internationalistisch sein. Das blieb nicht frei von Widersprüchen. In der Schule hatte ich viele aufgeklärte Mitschüler, von anderen bin ich sicher, dass sie heute die AfD wählen. Ich habe mich wieder an sie erinnert, als ich zu Klassentreffen eingeladen wurde. Ich habe lange gebraucht, mich meinem Leben in der DDR wieder zuwenden zu können. Nach meiner Ausreise im Jahr 1976 habe ich es erst einmal lange verdrängt.

ZEIT ONLINE: Warum?

Muriel: Ich fand den Westen in den Siebzigerjahren sehr spannend. Ich habe an der Freien Universität Berlin Kritische Psychologie studiert, habe mich in der Studentenbewegung und in der Lateinamerikanischen Bewegung gegen die Diktaturen engagiert. Die FU war damals ein sehr interessanter, bewegter Ort, ich bin in so viele Vorlesungen wie nur möglich gegangen. Ich brauchte das.