Am Montag schießt ein mutmaßlich Rechtsextremer im hessischen Wächtersbach aus einem Auto dreimal auf einen Mann aus Eritrea. Am gleichen Tag gehen mutmaßlich rechtsextreme Bombendrohungen in der Zentrale der Linkspartei und bei Moscheen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ein. In der Nacht zum Mittwoch detoniert eine Bombe vor dem Wohnhaus einer Linken-Politikerin in Zittau. Vor sieben Wochen erst starb der erste Politiker in der Bundesrepublik Deutschland durch einen rechtsextremen Anschlag.

Viele Bürgerinnen und Bürger haben das Gefühl, dass Rechtsextreme militanter und gefährlicher werden. Unbescholtene Menschen werden unter dem Deckmantel des Patriotismus bedroht, eingeschüchtert und sogar ermordet. Rechter Terror scheint die Mitte der Gesellschaft zu erreichen.

Um es deutlich zu sagen: Diese Wahrnehmung trügt, die Gefahr von rechts ist nicht neu. Rechten Terror gab es in Deutschland spätestens seit den Achtzigerjahren: Die Sprengstoffanschläge der Hepp-Kexel-Gruppe. Das Oktoberfest-Attentat. Die Wehrsportgruppe Hoffmann. Seit 1990 sind mindestens 169 Menschen von Tätern mit rechtsextremen Motiven ermordet worden. Auch nach der Selbstenttarnung der Terrorgruppe des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die für die längste terroristische Mordserie seit der Gründung der Bundesrepublik verantwortlich ist, gab es weitere Opfer rechter Gewalt in Deutschland.

Fast vergessene Taten

Fast schon wieder von der Öffentlichkeit vergessen sind die Anschläge der "Gruppe Freital" auf Asylbewerberunterkünfte im Sommer 2015, die entdeckten Waffendepots der "Bamberger Gruppe" im gleichen Jahr, das Auffliegen der Nazi-Terrororganisation "Oldschool Society". Im Oktober 2015 stieß ein Rechtsextremist der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker ein Messer in den Hals. Im Jahr darauf starben bei einem Attentat eines rassistischen Täters im Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen.

Andere rechtsextreme Taten wurden in den Nachrichtensendungen nicht einmal vermeldet: 2012 töteten drei Jugendliche mit extrem rechter Gesinnung den 59-jährigen Klaus Peter Kühn in Suhl. Ebenfalls 2012 ermordete ein Neonazi-Rapper mit einer Machete die 44-jährige Andrea B. in Hannover. 2016 erschoss ein Reichsbürger den 32-jährigen Polizeihauptmeister Daniel Ernst im Einsatz, als die Polizei versuchte, den Täter zu entwaffnen. Im vergangenen Jahr ermordeten drei Männer mit rechtsextremen Vorstrafen und Einstellungen den 27-jährigen Christopher W. in einer folterartigen Hinrichtung in Aue, weil W. homosexuell war.

Aufstieg der Neuen Rechten

Nach einem ersten Höhepunkt rechtsextremer Gewalt Anfang der Neunzigerjahre waren die tödlichen Taten in den Nullerjahren zurückgegangen. Einen neuen Anstieg rechter Gewalt verzeichnen die Sicherheitsbehörden seit vier Jahren, allein 2016 waren zehn Todesopfer zu beklagen. Nicht ganz zufällig fällt diese zweite Welle seit der Wiedervereinigung zusammen mit dem Aufstieg der Neuen Rechten und der AfD.

Denn es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen den Taten von vor 20 Jahren und den Taten heute. Auch in den Neunzigerjahren herrschte ein gesellschaftliches Klima, dass das Land nach Rechts verrückte. Rechtsnationale Burschenschaften und Vertriebenenverbände erstarkten, ganz selbstbewusst träumten einige Vertreter von der "Wiedervereinigung" mit den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Liberale Medien wie der Spiegel druckten Cover, auf denen Migranten wie Ungeziefer über Bord eines Schiffes gingen, mit der Zeile "Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten – Ansturm der Armen". Die Regierung schränkte das Recht auf Asyl im Grundgesetz ein. Neonazistische Parteien wie die DVU, die NPD oder die Republikaner zogen in kommunale und Landesparlamente ein. All das war der gesellschaftliche Humus, auf dem der rechte Terror gedieh: Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen.

Auch die Täter des NSU radikalisierten sich in diesen Jahren. Sie fühlten sich als Vollstrecker einer unterstellten und selektiv wahrgenommenen "Volksmeinung", die sie nun ausführten. Die Alten sprachen nur darüber, was man gegen Ausländer machen könne; die jungen Männer und die Frau wurden selbst aktiv. Taten statt Worte.