"Manche haben gesagt, sie springen von Bord" – Seite 1

Die "Sea-Watch 3", das Schiff der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch, ankert vor Lampedusa und ist dort festgesetzt. Die Kapitänin des Schiffs, Carola Rackete, war am Samstag festgenommen worden, weil sie trotz eines Einfahrverbots in den italienischen Hafen eingelaufen war. Ihr droht eine Gefängnisstrafe. An Bord der "Sea-Watch 3" war auch Haidi Sadik, sie ist Teil der Crew und war vor allem dafür zuständig, die Geretteten zu betreuen. Sie sagt, Rackete habe keine andere Wahl gehabt, als die Menschen endlich an Land zu bringen.

ZEIT ONLINE: Ihre Kapitänin Carola Rackete hat ihre Entscheidung, trotz Verbots in den Hafen von Lampedusa einzufahren, mit ihrer Sorge davor begründet, dass sich einige Menschen an Bord etwas antun könnten. Wie war die Stimmung auf der Sea Watch 3, als die 40 Passagiere noch an Bord waren?

Haidi Sadik: Jeden Morgen um 10 Uhr haben wir den Geflüchteten ein Update gegeben: Wie hat sich die politische Lage in Italien entwickelt? Gibt es Neuigkeiten? Können wir heute an Land gehen? Und mit jedem Tag, an dem nichts passierte, wuchs ihre Verzweiflung. Ein Mann sagte mir, er sei seinem Heimatland entflohen, habe einen Höllentrip überstanden und habe die Hoffnung gehabt, in Europa gebe es Sicherheit und Respekt. Inzwischen fürchte er, das sei eine Lüge.

Hoffnungslosigkeit machte sich breit, auf die natürlich jeder anders reagiert. Einige wollten nicht mehr aufstehen, haben nur noch geschlafen. Andere haben immer weniger gegessen. Manche haben gedroht, von Bord zu springen. Und wieder andere äußerten explizit suizidale Gedanken. Diese Gespräche finden natürlich im Vertrauen statt, aber das mussten wir der Brücke melden. Die Kapitänin ist für das Leben der Crew und der Geretteten verantwortlich. Sie hatte keine andere Wahl. Sie musste die Menschen an Land bringen.

ZEIT ONLINE: Warum konnten die Suizidgefährdeten nicht als medizinische Notfälle von Bord? Vorher durften ja auch einzelne Menschen mit dieser Begründung an Land.

Sadik: Stimmt, das kam dreimal vor. Das erste Mal durften drei Tage nach der Rettung zehn Menschen von Bord, darunter Frauen, Kinder und medizinische Notfälle. Etwa eine Woche später wurde ein weiterer medizinischer Notfall vom Schiff geholt, vor wenigen Tagen dann noch einmal zwei Menschen. Und natürlich können auch psychische Probleme medizinische Notfälle sein. Aber wir haben keine Psychologen an Bord, die eine offizielle Diagnose hätten stellen können. Also haben wir die Kapitänin alarmiert.

ZEIT ONLINE: Wer entscheidet, was ein medizinischer Notfall ist?

Sadik: Wir hatten zwei Ärzte an Bord, die die Menschen betreut haben. Sie entschieden das. Wir sind zwar ein bisschen besser ausgestattet als ein Krankenwagen, aber wir können zum Beispiel keine Operationen durchführen. Und es gibt Fälle, da weiß der Arzt, wenn diese Person nicht sofort in ein Krankenhaus kommt, kann es sehr gefährlich werden.

Die, die nicht von Bord dürfen, bringt das aber jedes Mal in eine unglückliche Situation. Sie fragen sich, wie schlecht muss es mir eigentlich gehen, dass ich von Bord darf? Muss ich erst kurz davor sein zu sterben?

ZEIT ONLINE: In welchem Zustand waren die Menschen, als Sie sie auf Ihr Schiff geholt haben?

Sadik: Wir haben das Schlauchboot am 12. Juni fast 50 Seemeilen vor der libyschen Küste aufgegriffen. Die Rettung selbst verlief ohne größere Zwischenfälle, die Menschen waren ihren eigenen Aussagen nach wohl circa zwölf Stunden auf dem Wasser gewesen. Sie waren erschöpft, hungrig, einige waren krank. Als sie uns sahen, waren sie aufgeregt. Die erste Frage war: "Wer seid ihr?" Als wir es ihnen erklärten, waren sie erleichtert. Sie dachten, sie hätten es jetzt geschafft.

"Die Menschen fliehen in erster Linie vor den Libyern"

ZEIT ONLINE: Die libysche Seenotleitstelle in Tripolis ist seit einem knappen Jahr für Seenotfälle innerhalb der libyschen SAR-Zone zuständig. Sie sollen die Einsätze koordinieren und einen sicheren Hafen für die Geretteten zuweisen. Hat Ihre Crew die Libyer kontaktiert und auf deren Anweisung gewartet?

Sadik: Ja, wir haben uns an alle Regeln gehalten. Die libysche Seenotleitstelle funktioniert aber nicht gut. Sie sind nicht 24 Stunden erreichbar, wie es vorgeschrieben ist. Oft antworten sie auf Arabisch, dabei müssten sie Englisch sprechen. Und manchmal bekommt man plötzlich Anweisungen von der Leitstelle in Rom, "im Auftrag der libyschen Leitstelle". Die Libyer haben jedenfalls erst mal gar nicht reagiert, wir haben die Rettung daher alleine durchgeführt. Anschließend kamen sie mit einem Schnellboot vorbei – und die Geflüchteten hatten plötzlich wieder Angst. Aber die Küstenwache hat dann gar nichts unternommen und uns auch nicht aufgefordert, ihnen die Geretteten zu übergeben. Sie haben nur den Motor des Schlauchboots abmontiert und mitgenommen. Dann sind sie wieder gefahren. Ob sie das Boot zerstört haben, habe ich nicht gesehen. Eigentlich werden Schlauchboote aufgeschlitzt und markiert, damit andere Schiffe nicht nach Überlebenden suchen. Und damit die Boote nicht erneut von den Schleppern verwendet werden können.

ZEIT ONLINE: Hat die libysche Küstenwache Ihnen einen sicheren Hafen zugewiesen?

Sadik: Sie haben uns Tripolis als sicheren Hafen genannt. Aber Tripolis ist kein sicherer Hafen. Die Menschen werden dort sofort wieder in die Lager gesteckt und landen erneut in dem Kreislauf aus Ausbeutung, Folter und Menschenhandel, dem sie mit ihrer Flucht übers Meer entkommen wollten. Wissen Sie, die Menschen fliehen an diesem Punkt ihrer Flucht in erster Linie vor den Libyern. Alles andere ist zweitrangig. Deshalb ist auf dem Wasser ihre größte Angst, dorthin zurück zu müssen. Manche wollen lieber sterben.

ZEIT ONLINE: Ihre Crew kannte die Aussagen und die Drohungen des italienischen Innenministers Matteo Salvini. Wieso ist die Sea Watch 3 trotzdem nach Lampedusa gefahren und hat keinen Hafen in einem anderen Land angesteuert?

Sadik: Wir handeln nach geltendem Seerecht. Und das schreibt uns vor, gerettete Menschen in den nächsten sicheren Hafen zu bringen. Hintergrund ist, dass sie so schnell wie möglich in eine stabile Situation kommen sollen. Und der nächste Hafen ist nun mal Lampedusa. Würden wir einfach nach Griechenland oder Frankreich fahren, würden wir uns ja selbst nicht an das Gesetz halten, dessen Einhaltung wir die ganze Zeit fordern. Trotzdem hat unsere Kapitänin, als wir vor Lampedusa warteten, auch andere Häfen angefragt. Aber Malta zum Beispiel hat uns die Einfahrt ebenfalls verboten.

ZEIT ONLINE: Was passiert jetzt mit der Sea Watch 3?

Sadik: Wir ankern immer noch vor Lampedusa und warten auf Informationen von den Behörden. Wir vermuten, dass wir bald nach Sizilien gebracht werden, da dort der Prozess stattfinden soll. Und wissen Sie was? Seit wir hier ankern, haben wir gesehen, wie eine Gruppe von Geflüchteten es alleine in einem Holzboot bis nach Lampedusa geschafft hat, die durften dann auch in den Hafen. Und die NGO Open Arms hat eine Rettung näher an der italienischen Küste durchgeführt und durfte die Migranten ebenfalls in Lampedusa an Land bringen.

ZEIT ONLINE: Wieso war das bei Open Arms kein Problem?

Sadik: Open Arms hat die Flüchtlinge innerhalb der italienischen Search-and-Rescue-Zone aufgenommen, also in dem Gebiet, für das Italien ganz offiziell zuständig ist. Open Arms haben dann Lampedusa als sicheren Hafen angesteuert und auf dem Weg kam ihnen ein Boot der italienischen Behörden entgegen und hat die Menschen übernommen und nach Lampedusa gebracht. So, wie es eigentlich immer passieren sollte.