Die soziale Herkunft entscheidet, wie erfolgreich Kinder in der Schule sind. In Deutschland sogar noch stärker als in anderen Ländern. Das belegte erst vor wenigen Monaten eine Auswertung der OECD. Bildung wiederum entscheidet über den wirtschaftlichen Erfolg, des Landes wie des Einzelnen, und auch über die gesellschaftliche Teilhabe. So sehen es Bildungsforscher – und so scheint es auch in der Bevölkerung angekommen zu sein.

Wie gerecht die Chancen auf Bildung in Deutschland sind, ist Schwerpunkt des diesjährigen Bildungsbarometers des Ifo-Instituts. Dafür wurden im Mai 2019 mehr als 4.000 Erwachsene befragt. Ein Ergebnis: Der Mehrheit der Deutschen sind die ungleichen Chancen für Kinder aus schwächeren sozialen Verhältnissen nicht gleichgültig. Sie wollen, dass die Politik mit geeigneten Maßnahmen gegensteuert. Viele Menschen befürworten etwa, dass benachteiligte Schulen mehr Geld und Studierende aus ärmeren Familien höhere Stipendien erhalten. Auch einen verpflichtenden, kostenfreien Kindergarten sehen viele als guten Weg zu mehr Chancen für alle. Die Elitenförderung kommt hingegen weniger gut an.

Besonders die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey darf sich in ihrer Politik von den Ergebnissen des Ifo-Bildungsbarometers bestätigt sehen. Eine überragende Mehrheit von 84 Prozent befürwortet ihr "Gute-Kita-Gesetz". Viele unterstützen auch Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität der Kitas, sei es in Ernährungsfragen oder bei der Bezahlung der Erzieherinnen und Erzieher. Es zeigt sich: Die Deutschen wollen Veränderungen. Das muss den verantwortlichen Politikern Mut zu mehr Reformen für eine gerechtere Bildung in Deutschland machen.  

Die Ergebnisse im Einzelnen:

1. Generell wird in Deutschland die Förderung von Kindern als wichtig empfunden. Die Befragten wollen aber mehr Gewicht auf die Benachteiligten legen als auf die Hochbegabten:

Bildungsniveau und Förderung sind den Deutschen als Ziele besonders wichtig

Alle Angaben in Prozent; Prozentwerte sind auf den jeweils nächsten Prozentpunkt gerundet, daher kommt es zu abweichenden Gesamtwerten © ZEIT ONLINE; Quelle: ifo Institut


2. Ob Kinder auf dem Land oder in der Stadt wohnen, ob sie Mädchen oder Jungen sind, ist nach Meinung der Deutschen nicht entscheidend für ihren Bildungserfolg. Wohl aber, welche soziale Herkunft sie haben. So fragten die Forscher danach, wie verschiedene Gruppen von Kindern im Mathematiktest TIMSS abschneiden, der regelmäßig in den vierten Klassen absolviert wird. Die Befragten sollten schätzen:

Ungleichheiten im Bildungssystem: Die Mehrheit vermutet große Unterschiede nach Familien- und Migrationshintergrund

Alle Angaben in Prozent; Prozentwerte sind auf den jeweils nächsten Prozentpunkt gerundet, daher kommt es zu abweichenden Gesamtwerten © ZEIT ONLINE; Quelle: ifo Institut

3. Die Forscher fragten auch, ob ungleiche Chancen für bestimmte Gruppen von Kindern im deutschen Bildungssystem ein ernsthaftes Problem sind. Wenn die Menschen Informationen zu der Frage erhielten, verstärkte sich manchmal das, was die anderen ohne Informationen vermuteten. Deutlich verändert hat sich aber die Erkenntnis, dass schlechtere soziale Verhältnisse mehr Einfluss auf die Chancen der Kinder haben als ein Migrationshintergrund. Der Blick auf die Chancengleichheit ist also schon geschärft, verbessert sich aber mit noch mehr Informationen.

Ungleichheit nach Familien- oder Migrationshintergrund sieht die Mehrheit der Deutschen als ernsthaftes Problem

Alle Angaben in Prozent; Prozentwerte sind auf den jeweils nächsten Prozentpunkt gerundet, daher kommt es zu abweichenden Gesamtwerten © ZEIT ONLINE; Quelle: ifo Institut

4. Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich weniger Kitagebühren, mehr Geld für die Erzieherinnen und insgesamt mehr Erzieherinnen, damit diese für weniger Kinder verantwortlich sind. Sie wissen offensichtlich, dass es kleinen Kindern aus benachteiligten Familien oft hilft, wenn sie eine Kita besuchen. Sie wollen Erzieherinnen wertschätzen und dem Erziehermangel entgegenwirken. Sie glauben wie viele Erziehungswissenschaftler, dass die Qualität der Förderung steigt, wenn eine Erzieherin für weniger Kinder zuständig ist.

Mittel des »Gute-Kita-Gesetzes« für geringere Gebühren, höhere Gehälter und kleinere Gruppen

Alle Angaben in Prozent; Prozentwerte sind auf den jeweils nächsten Prozentpunkt gerundet, daher kommt es zu abweichenden Gesamtwerten © ZEIT ONLINE; Quelle: ifo Institut


5. Ist es gerecht, wenn diejenigen, die hart arbeiten, auch mehr verdienen? Eine große Mehrheit der Deutschen stimmt zu. Dagegen fanden nur sehr wenige, dass jemand Vorteile haben sollte, nur weil er oder sie aus einer besser gestellten Familie stammt. 

Die Mehrheit der Deutschen empfindet Ungleichheit aufgrund familiärer Herkunft besonders ungerecht

Alle Angaben in Prozent © ZEIT ONLINE; Quelle: ifo Institut

6. Welche bildungspolitischen Reformen sind mehrheitsfähig? Hier zeigt sich ein differenziertes Bild. Inklusion sehen viele Menschen eher skeptisch. Ein Teil der Deutschen wünscht sich die Ganztagsschulen, ein anderer lehnt sie ab. Dabei ist die Hoffnung groß, dass eine verlässliche Förderung am Nachmittag benachteiligten Kindern helfen könnte. Es gibt dafür in der Befragung eine große Präferenz für Stipendienprogramme, Unterstützung für benachteiligte Schulen und kostenfreie Kindergärten für alle Kinder ab vier Jahren. Letzteres ist allerdings umstritten. Möglicherweise fehlt dann das Geld, um mehr Erzieherinnen einzustellen und sie besser zu bezahlen.

Viele Reformen, die Ungleichheit verringern könnten, finden große Zustimmung

Alle Angaben in Prozent; Prozentwerte sind auf den jeweils nächsten Prozentpunkt gerundet, daher kommt es zu abweichenden Gesamtwerten © ZEIT ONLINE; Quelle: ifo Institut


7. Was wiegt schwerer? Hängt der eigene Erfolg beim Bildungsabschluss oder beim Einkommen vor allem davon ab, wie sehr man sich anstrengt? Oder sind die äußeren Umstände entscheidender? Eine Gruppe bekam wieder Hintergrundinformationen, die andere nicht. Wie weit man kommt, wenn man sich nur Mühe gibt, schätzten diejenigen, die keine Informationen dazu bekamen, viel besser ein.

Eigene Anstrengung als Erfolgsfaktor wird als wichtiger empfunden als äußere Umstände

Alle Angaben in Prozent; Prozentwerte sind auf den jeweils nächsten Prozentpunkt gerundet, daher kommt es zu abweichenden Gesamtwerten © ZEIT ONLINE; Quelle: ifo Institut