An einem Nachmittag im Juli treffen sich sechs Mitglieder der ZEIT-ONLINE-Community in der Redaktion. Sie haben auf einen Aufruf reagiert, der wenige Wochen zuvor veröffentlicht worden ist. Anlässlich der Abschaffung des Paragrafen 175 vor 25 Jahren hatten wir unsere Leserschaft darum gebeten, uns ihre Erfahrungen mit Homo- und Transfeindlichkeit zu schildern.

Die jüngste Teilnehmerin Stella Münster ist 29 Jahre alt, der älteste Teilnehmer Jochen Nassauer ist 74. Auf unseren Aufruf hin meldeten sich zudem Tanja Seeger, 30, und Michael Stölting, 57. Zudem baten wir Till Lahl, 31, und Linus Giese, 33, dazu. Bis auf Linus Giese baten uns alle Teilnehmenden darum, ihre Namen zu anonymisieren.

Als weiterer Anlass für unseren Austausch kommt ein zweites Jubiläum hinzu. 50 Jahre ist es her, dass homosexuelle und transgeschlechtliche Menschen sich im Juli 1969 in New York gegen Polizeigewalt zur Wehr setzten: ein Ereignis, dem weltweit jährlich mit dem Christopher Street Day gedacht wird.

Was bedeutet queeres Leben ein halbes Jahrhundert nach dem Initiationsmoment der LGBT-Bewegung und 25 Jahre nach Ende der Illegalisierung schwuler Liebe?  


ZEIT ONLINE: Wir haben Sie eingeladen, um über Homo- und Transfeindlichkeit ins Gespräch zu kommen. Die meisten von Ihnen wollen anonym bleiben. Warum eigentlich?

Stella Münster: Ich bin Lehrerin. Mir graut weniger vor den Schülern als vor deren Eltern. Es gibt noch immer genug Menschen, die denken, dass ihr Kind homosexuell wird, sobald es mit einer lesbischen Frau allein im Raum ist. Besonders da ich im Referendariat stecke, kann ich mir keine Konfrontationen erlauben.

Jochen Nassauer: Ich habe 40 Jahre lang als Allgemeinarzt in Hamburg gearbeitet und Hunderte von HIV-Patienten betreut. Ich habe meine sexuelle Orientierung selten zum Thema gemacht, und ich möchte sie auch im Nachhinein nicht publik machen.

Till Lahl: Bei meiner Arbeit im Non-Profit-Bereich habe ich noch nie Diskriminierung erfahren. Ich habe vielmehr Angst davor, meine Familie vor den Kopf zu stoßen, wenn ich unter Klarnamen auftrete. Unabhängig davon ist es mir egal, wer von meiner sexuellen Orientierung weiß.

Tanja Seeger: Ich möchte es nicht an die große Glocke hängen, denn ich arbeite am Gericht und habe dort viel Publikumskontakt. In schwierigen Verfahren möchte ich sicherstellen, dass die Leute keine Details über mich wissen, die nicht ihren Normvorstellungen entsprechen.

Linus Giese: Diese Zurückhaltung ist verständlich. Aber solange es keine Repräsentanz in der Öffentlichkeit gibt, werden die Betroffenen weiter Angst vor den Konsequenzen eines Outings haben. Ich selbst hatte gar nicht vor, zum Aushängeschild der trans Community zu werden. Aber es gibt auf Twitter keinen anderen deutschen trans Mann, der unter seinem echten Namen über sein Leben schreibt.

"Es ist wichtig, dass ich sichtbar bin." © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Herr Giese, Sie sind der Einzige in der Runde, dessen Namen wir in der Veröffentlichung nennen dürfen. Sie thematisieren Ihre Transgeschlechtlichkeit ohnehin in der Öffentlichkeit. Haben Sie diese Entscheidung schon mal bereut?

Linus Giese: Ich bedauere sie ständig. Ich habe jedoch zuvor acht Jahre lang über Literatur gebloggt. Ich wusste also, dass ich, wenn ich weiter bloggen möchte, öffentlich erklären muss, warum ich jetzt einen anderen Vornamen habe. Deswegen stand Heimlichkeit nie so richtig zur Debatte. Ich habe viele zugewandte Reaktion erhalten – werde seitdem jedoch auch permanent online bedroht und beschimpft. Hätte ich das vorher geahnt, hätte ich mich vielleicht anders entschieden. Jetzt glaube ich aber auch, dass es wichtig ist, dass ich sichtbar bin.

Coming-out - Was ich meinem jungen Ich heute sagen würde Andrea hatte ihr Coming-out am Arbeitsplatz mit 55 Jahren, Linus ließ Menschen hinter sich, um seinen Weg zu gehen: Fünf queere Menschen erzählen von ihrem Coming-out. © Foto: ZEIT ONLINE

Michael Stölting: Früher bin ich auch öffentlich aufgetreten und habe meine Homosexualität thematisiert. 1988 war es für mich überhaupt kein Problem, mit Gesicht und vollem Namen im Stern zu erscheinen. Da gab es noch kein Internet. Heute mache ich das nicht mehr. Mir scheint, mit den sozialen Medien fällt die Distanz weg. Für mich bedeutet das einen Verlust an Freiheit.

Linus Giese: Aber gerade für junge, queere Menschen ist das Internet ein wichtiger Ort. Menschen, die sich noch nicht sicher sind, ob sie trans oder schwul oder lesbisch oder nonbinär sind, können hier erst mal Kontakte knüpfen und sich informieren. Sie können vielleicht eine Idee bekommen, wie ihr Leben später aussehen könnte. Das empfinde ich – trotz digitaler Bedrohungen – als Gewinn.

Michael Stölting: Das mag gelten, solange man nur für sich selbst Verantwortung trägt. Ich bleibe heute auch anonym, weil ich einen Adoptivsohn habe. Und der ist schwarz und hat mit Rassismus seine eigenen Kämpfe. In dem Moment, in dem ich sichtbar werde, zwinge ich diese Sichtbarkeit auch meinem Sohn auf. Ich kann ihn nicht dazu verdonnern, meinen Kampf mitzukämpfen.