Amerika liebt seine Verschwörungstheorien, und manchmal wirkt es, als könne Amerika ohne dieses ganze konspirative Gestrüpp gar nicht existieren. Die gefälschte Mondlandung, der Massenmord des 11. September 2001 durch Mossad und CIA, das vorgetäuschte und erfundene Schulmassaker von Newtown. Nun, die USA können bisweilen ein kluges Land sein, aber manchmal haben sie halt einen Knall. 

Als nun, am Samstag um 10 Uhr morgens, der Fernsehsender ABC die Nachricht in die Welt jagte, dass Jeffrey Epstein, 66 Jahre alt, um 6.30 Uhr tot in seiner Zelle des Metropolitan Correctional Center von New York aufgefunden worden war, ging es wie immer rasend schnell. Hatte er Hilfe gehabt? War er zum Suizid aufgefordert, gedrängt, gezwungen worden? Wer also wollte Jeffrey Epstein lieber tot als vor Gericht sehen? All diese Fragen wurden in den sozialen Medien gestellt, und wenn wir die USA richtig einschätzen, werden diese Fragen nicht wieder verschwinden.

Die Wahrheit, so scheint es, ist banaler, wie meistens im Leben.

Die Ermittlungen laufen. Am späten Samstag aber sah es so aus, als sei den Justizbehörden schlicht ein Fehler unterlaufen. Die Mühen, die Mühlen der Bürokratie eben, leider. Vor drei Wochen war Epstein erstmals mit Wunden am Hals in seiner Zelle entdeckt worden. Jene Ermittlungen ­ – Suizidversuch, Mordversuch, Körperverletzung? – dauerten an und solange sie andauerten, gab es für Epstein zwar erhöhten Schutz vor anderen Häftlingen, aber die ständige Beobachtung Epsteins, jene "suicide watch", die auch das Entfernen von Schnürsenkeln einschließt, war nach sechs Tagen vorerst aufgehoben worden. Wie bizarr. Wie fahrlässig.

Mindestens 80 Opfer werden gezählt

Wie brutal auch gegenüber den Opfern, die sich vom Prozess gegen diesen Mann Erklärungen, Gerechtigkeit und Genugtuung erhofft hatten. Es gibt ja diese Fälle, bei denen Macht die wesentliche Rolle spielt, bei denen also tatsächlich erst in diesen finalen Momenten, wenn der mutmaßliche Täter endlich angeklagt und, später, verurteilt ist, die Opfer das Verbrechen verarbeiten können.

Es war ein spektakulärer, ein gewaltiger Fall. Ein tiefer Fall, das natürlich auch. Mindestens 80, vermutlich sehr viel mehr Opfer gab es, viele zum Zeitpunkt des Missbrauchs erst 14 Jahre alt. Als Sexsklavin sei sie gehalten worden, sagt Virginia Giuffre, eine von vielen mutigen Aussagewilligen. Von Prostitution, Menschenhandel und von der vielfachen Vergewaltigung Minderjähriger ist in den Ermittlungsakten die Rede. Die Bundesanwaltschaft schreibt, Epstein habe die Opfer an prominente Freunde weitergereicht: Virginia Giuffre sagte aus, sie habe mit Tom Pritzker, dem Hyatt-Chef, und Jean-Luc Brunel, dem Gründer der Modelagentur MC2, schlafen müssen.

Und reichlich Wahnsinn war auch im Spiel: Epstein hatte Pläne, seine Taten zu systematisieren und auf seiner Ranch in New Mexico oder in seiner Residenz in Palm Beach in Florida die eigene DNA in großen Mengen unter die Menschheit zu bringen. Einen berühmten Geldgeber und eine berühmte Komplizin gab es auch, letztere wurde "Mutter des Hauses" oder "Madame" genannt.

New York City war in den vergangenen Wochen darum gleichermaßen fasziniert wie angewidert von dieser Geschichte, die ganz oben, in der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide Manhattans, spielte, in der Welt der Trumps und Clintons. 

Man sah einfach nicht genau hin

Und es lässt sich nicht anders sagen: Selbst nachdem Jeffrey Epstein 2008 in Florida erstmals verurteilt worden war (zu 13 Monaten Haft mit zwölf Stunden Ausgang pro Tag) und höchst offiziell ein "Sexualstraftäter" war, sahen die Trumps und Clintons nicht genauer hin. Und Universitäten wie Harvard oder das Massachusetts Institute of Technology nahmen weiterhin Epsteins Spenden an.

Mitte der Siebziger noch war Jeffrey Epstein einfach ein Lehrer an der Dalton School in New York. Aber er wollte etwas anderes sein: wichtig und reich. Die Investmentbank Bear Stearns nahm ihn auf. Sechs Jahre lang blieb er dort, und 1982 gründete er eine eigene Investmentfirma. Schnell kursierten glamouröse Geschichten: die größten Geschäfte, die berühmtesten Kunden. Es waren nie so viele und nie so berühmte Kunden, wie er es erzählte, aber das weiß man erst heute, durch die Ermittlungen.