Ich komme aus einer arbeiterlichen Gesellschaft. So zumindest hat der Soziologe Wolfgang Engler die DDR in seinen Büchern immer wieder bezeichnet. Er meint damit nicht, dass alle Menschen damals tatsächlich Arbeiter waren, tatsächlich gab es in den Siebzigerjahren eine ähnliche Bildungsoffensive wie in der BRD, aber der Wertekanon oder der Normenhimmel der damaligen Gesellschaft orientierte sich am Kleinbürgertum. Schließlich gab es ja auch das Diktum von der "Diktatur des Proletariats" und das Karl-Marx-Zitat "Proletarier aller Länder, vereinigt euch" aus dem Kommunistischen Manifest war überall zu lesen.

Konkret bedeutete das, dass Arbeiter Bücher bei sich in der Wohnung herumstehen hatten, dass sie ins Theater gingen und Bibliotheken besuchten. Es bedeutete aber auch, dass kaum jemand etwas eigenartig daran fand, wenn Universitätsprofessoren oder Rechtsanwälte im Plattenbau wohnten. Auch wenn die mitunter als Arbeiterschließfächer bezeichnet wurden.

Die Eltern einer Klassenkameradin waren Rechtsanwälte. Wenn ich morgens von unserem Haus hinüber in die Schule im Neubauviertel lief, klingelte ich an ihrer Haustür und holte sie ab. Ein guter Freund meiner Mutter wohnt heute noch immer dort. Würde ich ihn, den emeritierten Physikprofessor, fragen, ob das seiner gesellschaftlichen Stellung entspricht, er würde nur mit den Achseln zucken. 

Umso schockierender war es deshalb für mich, zu sehen, dass das Wort "Arbeiter" aus den Bundestagsreden nach 1990 praktisch verschwunden ist. Bis Ende der Siebzigerjahre ist es dort regelmäßig in Gebrauch, dann aber kaum noch. Und auch nach der Wiedervereinigung änderte sich das nicht, obwohl gerade in den Neunzigerjahren Hunderttausende in den fünf neuen Ländern ihre Arbeitsplätze verlieren. War das im Bundestag kaum eine Erwähnung wert?  

Ich mag ein Wort wie "Arbeiter" oder "Arbeiterin" eigentlich sehr, es hat für mich eine ganz besondere Aura, die mit Unterschicht nichts zu tun hat. Es klingt für mich positiv, auch das ist wahrscheinlich eine Prägung, die sich in mir aus der einst arbeiterlichen Gesellschaft bis heute erhalten hat. Und Plattenbauten mag ich übrigens auch.