Der Leiter des viel kritisierten Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat seinen Posten aufgegeben. Er gehe "erhobenen Hauptes", habe "unter schwierigen Umständen getan, was getan werden musste", und sei nun "müde", habe Giannis Balbakakis als Begründung für seinen Rückzug vorgetragen, berichtet die halbamtliche griechische Nachrichtenagentur ANA-MPA. Balbakakis war Chef der Erstaufnahmeunterkunft seit 2016 – als der EU-Türkei-Flüchtlingspakt in Kraft trat.

Humanitäre Organisationen kritisieren die Zustände in Moria seit Jahren, da das Lager chronisch überfüllt ist. Nach der Ankunft von 3.000 neuen Flüchtlingen im August hatte sich die ohnehin schwierige hygienische Situation in dem inmitten von Olivenhainen gelegenen Zeltlager weiter verschlechtert. Die steigende Zahl der aus der Türkei kommenden Flüchtlinge auf den griechischen Inseln machte sich auch am Mittwoch bemerkbar: Am Vormittag setzten nach Angaben der griechischen Küstenwache knapp 250 Migranten über. Ende August lebten nach UN-Angaben fast 11.000 Menschen in dem Lager, das eigentlich nur für 3.000 Migranten ausgelegt ist.

Vergangene Woche setzte die griechische Polizei in Moria Tränengas gegen Flüchtlingskinder ein. Wie die griechische Nachrichtenagentur ANA berichtete, beteiligten sich rund 300 unbegleitete Minderjährige an Protesten in dem Flüchtlingslager und verlangten ihre Verlegung aufs Festland. Als die Flüchtlinge Mülleimer in Brand setzten, setzte die Polizei demnach Tränengas ein.

Merkel und Erdoğan tauschen sich über EU-Türkei-Deal aus

Über die Migration nach Griechenland sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan am Mittwoch am Telefon. Beide tauschten sich über internationale Themen wie die Lage in Syrien aus, aber auch über die "Migrationslage in der Ägäis und über die Zusammenarbeit bei der Migrationssteuerung im Rahmen des EU-Türkei-Abkommens", teilte ein Sprecher der Bundesregierung mit.

Erdoğan hatte am vergangenen Samstag erneut damit gedroht, die Grenzen nach Europa für syrische Flüchtlinge zu öffnen. Ankara könne einen möglichen weiteren Flüchtlingszustrom aus dem Land nicht allein schultern, sagte er. Es gebe "eine neue Migrationsbedrohung" aus der letzten syrischen Rebellenhochburg Idlib entlang der türkischen Grenze.

Der im März 2016 geschlossene Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei sieht vor, dass die EU alle Migranten, die illegal über die Türkei auf die griechischen Inseln kommen, zurückschicken kann. Im Gegenzug nimmt die EU syrische Flüchtling aus der Türkei auf. Die Bearbeitung der Asylanträge kommt wegen Personalmangels jedoch auch heute nur mühsam voran.

Die neue konservative griechische Regierung, die seit Juli im Amt ist, hat angekündigt, die Asylverfahren zu beschleunigen. Wer kein Asyl bekommt, soll sofort in die Türkei zurückgeschickt werden. Für die Bearbeitung der Asylanträge soll es mehr Personal geben. Die EU-Kommission hat Griechenland inzwischen Hilfe bei der Verlegung der Flüchtlinge von Lesbos angeboten. Anfang September verlegten die griechischen Behörden die ersten 1.000 Flüchtlinge aus Moria aufs Festland.