In Libyen ist ein sudanesischer Mann erschossen worden, als er sich seiner Zwangseinweisung in ein Flüchtlingslager entziehen wollte. Wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) mitteilte, gehörte er zu einer Gruppe von 103 Flüchtlingen, die vor der libyschen Küstenwache abgefangen und nach Tripolis zurückgebracht wurden.

Laut IOM war einer ihrer Mitarbeiter vor Ort und wurde Augenzeuge des Zwischenfalls. Nach seinen Angaben versuchten einige aus der Gruppe, zu fliehen, um von anwesenden bewaffneten Männern nicht in ein Lager überführt zu werden. Dabei sollen die Bewaffneten Warnschüsse in die Luft abgegeben haben. Der Sudanese habe einen Bauchschuss erlitten. Ein Arzt der IOM habe ihn sofort behandelt und in ein Krankenhaus bringen lassen. Dort sei der Mann zwei Stunden später an seinen Verletzungen gestorben.

IOM-Sprecher Leonard Doyle sagte, es sei eine Frage der Zeit gewesen, bis eine solche Tragödie passiert. Es sei "unter allen Umständen inakzeptabel", auf unbewaffnete Zivilisten zu schießen. Die IOM rufe die libyschen Behörden dazu auf, den Vorfall zu untersuchen und die Verantwortlichen rechtlich zu belangen.

In einem Statement des IOM heißt es außerdem, der Todesfall demonstriere die "düstere" Lage von Flüchtlingen, die beim Versuch, nach Europa zu gelangen, von der Küstenwache aufgefangen und nach Libyen zurückgebracht werden, wo sie in Lagern eingesperrt werden. Die IOM und die Vereinten Nationen haben die libyschen Flüchtlingslager bereits mehrfach wegen menschenunwürdiger Lebensbedingungen kritisiert. Die IOM schätzt, dass etwa 5.000 Menschen dort eingesperrt sind, 3.000 davon in akuten Krisengebieten. Die zunehmenden Berichte von Missbrauch und Menschenhandel in den Lagern seien "alarmierend", heißt es.

Missbrauch, Gewalt und Menschenhandel in den Lagern

Unabhängig von dem Vorfall hat die Hilfsorganisation medico international die EU dazu aufgefordert, in der Flüchtlingspolitik umgehend die Zusammenarbeit mit "der libyschen Küstenwache und anderen Unrechtsregimen" einzustellen: "Sie sind keine geeigneten Partner einer menschenrechtsbasierten Migrationspolitik", sagte deren Migrationsreferentin Ramona Lenz.

Seit Jahren würden Menschen, die auf dem Mittelmeer gerettet wurden, von der libyschen Küstenwache zurück nach Libyen gebracht – auf Bestreben und in Zusammenarbeit mit der EU, kritisierte Lenz. "Die EU bleibt ihrem Prinzip treu: Humanität zur Schau stellen und Brutalität auslagern." Menschenrechtsorganisationen fordern seit Langem, die staatliche Seenothilfe wieder aufzunehmen, anstatt die über das Mittelmeer fliehenden Menschen der libyschen Küstenwache zu überlassen. Dieselbe Forderung kam auch von den Vereinten Nationen.

Libyen ist eine der wichtigsten Zwischenstationen von Menschen, die aus afrikanischen Ländern nach Europa flüchten wollen. Das Land, in dem Bürgerkrieg herrscht, hat jedoch weder eine stabile Regierung noch Rechtsstrukturen, die die Flüchtlinge vor Folter, Vergewaltigungen oder Versklavung durch bewaffnete Milizen schützen könnten. Teilweise greift die von vielen europäischen Ländern anerkannte Regierung, die allerdings kaum mehr als die Hauptstadt Tripolis kontrolliert, selbst auf solche Milizen zurück.