"Weltumspannend ist der Klimastreik sicher nicht" – Seite 1

Seit mehr als einem Jahr macht die Bewegung Fridays for Future Druck auf Regierungen weltweit. Sie sollen endlich Maßnahmen ergreifen, damit die 2015 in Paris vereinbarten Klimaziele doch noch erreicht werden können. Sebastian Haunss, Protestforscher an der Universität Bremen und Wissenschaftler am Institut für Protest- und Bewegungsforschung, spricht im Interview über die Schlagkraft und die sozialen Strukturen der Bewegung – und die Frage, ob Fridays for Future nach dem Höhepunkt des Klimastreiks an diesem Freitag mit Ermüdungserscheinungen rechnen muss. 

ZEIT ONLINE: Herr Haunss, Fridays for Future startete als Bewegung, die vor allem Schüler mobilisierte, an diesem Freitag werden Eltern, Arbeitnehmer und Unternehmer auf die Straße gehen, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren, und das in vielen verschiedenen Ländern. Haben wir es mit einer neuen Qualität des Protestes zu tun?

Sebastian Haunss: Die Frage ist interessant: Als Fridays for Future startete, wurden wir immer gefragt, ob wir es mit einer neuen Dimension von Protest zu tun haben, weil Schüler auf die Straße gingen. Tatsächlich ist das, was wir jetzt beobachten, eher eine Normalisierung – weil die Protestierenden diesmal nicht vorwiegend Schüler sind, sondern aus vielen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen kommen.

ZEIT ONLINE: Läuft Fridays for Future Gefahr, seinen Markenkern zu verwässern?

Haunss: Auf gar keinen Fall. Eine Bewegung kann auf Dauer nur erfolgreich sein, wenn sie gesellschaftlich breite Unterstützung findet. Schon beim ersten Aktionstag am 15. März waren unter den Demonstranten übrigens "nur" 52 Prozent Schüler, der Rest war erwachsen, wenngleich es viele junge Erwachsene waren. Insofern ist das Spektrum jetzt tatsächlich breiter geworden.

ZEIT ONLINE: Viele Schulen akzeptieren, dass die Schüler streiken, oder bestrafen es zumindest nicht. Und selbst Unternehmen haben Beschäftigten freigestellt, an den Demonstrationen teilzunehmen. Wenn alle einverstanden sind, konterkariert das nicht das Ziel des Protests: allein durch die Provokation mehr Aufmerksamkeit zu bekommen?

Haunss: Sie vergessen, dass sich der Protest ja von Anfang an nicht gegen die Schulen oder gegen die Arbeitgeber gerichtet hat, sondern an die Politik.

ZEIT ONLINE: Aber in der Politik scheinen ebenfalls viele einverstanden. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hat begrüßt, dass die Schüler streiken.

Haunss: Richtig, aber Lob allein reicht nicht, das hat Fridays for Future auch klargemacht. Dem schönen Lob müssen eben auch Taten folgen.

ZEIT ONLINE: Fridays for Future hat Proteste in 2.600 Städten in fast 160 Staaten angekündigt. Wird das wirklich ein weltumspannender Klimastreik?

Haunss: Genaue Angaben kann ich dazu nicht machen. Weltumspannend ist der Klimastreik aber sicher nicht. Fridays for Future war von Anfang an allem voran eine europäische Bewegung, mit einem schwächeren Arm in den USA. In undemokratischen Staaten wie China etwa, wo die Demonstrationen verboten sind, ist die Bewegung naturgemäß kaum bis gar nicht aktiv. Dass Europa der Kern der Bewegung ist, spiegelt aber ja auch wider, dass den Menschen hier bewusst ist, dass Europa einen großen Anteil am CO2-Ausstoß pro Person hat.

"Weltumspannend ist der Klimastreik sicher nicht." © privat

 ZEIT ONLINE: Hat die Streikbereitschaft nicht auch mit Bildung zu tun? Umfragen zufolge rekrutiert Fridays for Future die meiste Unterstützung von Jugendlichen aus gut situierten, gebildeten Familien.

Haunss: Richtig, aber das gilt für alle politischen Bewegungen: Die werden fast immer von Menschen mit überdurchschnittlich hoher Bildung getragen – das war selbst bei den Demonstrationen gegen Pegida so, bei den Protesten gegen das Handelsabkommen TTIP und auch bei den Demos gegen den G20-Gipfel 2017 in Hamburg. Anders sieht das bei den Streiks aus, für die die Gewerkschaften mobilisieren. Da sind ja auch die schlecht bezahlten Arbeiter dabei, die gegen miserable Arbeitsbedingungen protestieren.

ZEIT ONLINE: Für diesen Freitag haben auch die großen Gewerkschaften zum Klimastreik aufgerufen. Rechnen Sie mit einer hohen Beteiligung aufseiten der Arbeitnehmer?

Haunss: Schwer zu sagen. In der Regel sind die Gewerkschaften schon sehr mobilisierungsstark. Wie sich das am Ende ausbuchstabiert, wird man sehen. Schon beim ersten Aktionstag im März war die Beteiligung teils sehr viel höher als erwartet: In Bremen etwa hatte man mit etwa 1.000 Demonstranten gerechnet, am Ende waren es unserer Zählung zufolge 5.500 bis 6.000.

"Soziale Bewegungen sind wie Eisberge"

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ZEIT ONLINE: Sind die Klimaproteste vor allem ein Metropolenphänomen?

Haunss: Überhaupt nicht, und das ist es, was Fridays for Future von den anderen Bewegungen so stark unterscheidet. Am 15. März gab es in 200 Städten Demonstrationen – und da waren auch sehr viele kleinere Städte dabei. Und diesmal sind es sicher noch mehr. Auf der Internetseite von Fridays for Future werden Demonstrationen in weit über 500 Orten in Deutschland aufgelistet.

ZEIT ONLINE: In diesen Wochen gibt es auch deshalb hohe Aufmerksamkeit, weil die Politik zentrale Entscheidungen zum Thema Klima trifft: An diesem Freitag wird über das deutsche Klimagesetz entschieden, am Montag ist der Klimagipfel in New York und dann gibt es ein paar Tage später schon wieder den deutschen Waldgipfel. Wie geht es mit Fridays for Future weiter, wenn sich dieser Trubel gelegt hat? Rechnen Sie mit Ermüdungserscheinungen?

Haunss: Es wird weitergehen, solange sich die Bewegung weiterentwickelt. Und das hat sie ja seit ihren Anfängen im vergangenen Herbst schon getan. Denken Sie an den Sommerkongress, der vor allem dem bewegungsinternen Austausch diente, und an die Demonstration am Hambacher Forst. Mit diesen Veranstaltungen haben Fridays for Future ihr Aktionsrepertoire diversifiziert, das arbeitet der Ermüdungserscheinung entgegen. Hinzu kommt: Soziale Bewegungen sind wie Eisberge, man sieht immer nur den kleinsten Teil. Die Demos sind die Spitze des Eisbergs, das, was für alle sichtbar ist. Die regelmäßige Arbeit in lokalen Gruppen und die bundesweite Koordination der Proteste finden darunter statt.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist Greta Thunberg als Galionsfigur?

Haunss: Sie generiert viel Aufmerksamkeit und ist für viele Unterstützer auch eine Identifikationsfigur. Aber ihre mediale Bedeutung ist höher als ihre Bedeutung für die Mobilisierung. In Umfragen sagen die meisten Fridays-for-Future-Anhänger, dass persönliche Gespräche mit Freunden entscheidender für die Teilnahme an den Demonstrationen waren als Greta.

ZEIT ONLINE: Es gibt etliche Bewegungen, die Fridays for Future Konkurrenz machen, allem voran Extinction Rebellion, die in ihren Aktionen viel radikaler sind. Ist das der Anfang einer Zersetzung?

Haunss: Was Sie als Zersetzungserscheinung bezeichnen, ist das Wesensmerkmal von Bewegungen: Anders als etablierte Organisationen müssen sich Bewegungen immer fragen: Wer sind wir? Und die Frage wird immer drängender, je größer eine Bewegung wird. Aber das ist ganz normal, das ist kein Krisenphänomen – auch wenn es natürlich das Risiko birgt, irgendwann zu einer Spaltung oder Schwächung zu führen. Ambivalent ist diese Entwicklung eher für die etablierten Organisationen wie Greenpeace etwa. Durch all die neuen Umweltbewegungen ist die Aufmerksamkeit für deren Kernthema erhöht, das ist aus deren Sicht sicher positiv. Andererseits eröffnen sich interessierten Menschen plötzlich Alternativen für ihr Engagement, und das dürfte bei den etablierten Organisationen auch für Verunsicherung sorgen. 

ZEIT ONLINE: Und was ist mit Ihnen selbst? Sind Sie bei den Protesten am Freitag auch dabei?

Haunss: Ja, ich werde auch dabei sein. Diesmal aber nicht aus Forschungszwecken, sondern um mitzudemonstrieren.