Eine bislang unveröffentlichte Studie von Rechtsmedizinern der Universitätsklinik Münster (Übersicht hier als PDF, S. 341) kommt zu dem Ergebnis, dass einige Geflüchtete, die nach Deutschland kommen, falsche Angaben zu ihrem Alter machen. Der Grund: Unbegleiteten Minderjährigen stehe ein besserer Asylschutz zu.

Die Wissenschaftler werteten nach eigenen Angaben im Auftrag von Gerichten und Jugendämtern 594 Altersgutachten aus den Jahren 2007 bis 2018 aus: Demnach waren knapp 40 Prozent der Geflüchteten, die sich bei ihrer Einreise als Minderjährige ausgegeben haben und die in Münster untersucht wurden, 18 Jahre oder älter. Das bestätigte ein Sprecher der Uniklinik Münster. Die Menschen, deren Fälle untersucht wurden, stammten vor allem aus Afghanistan, Guinea, Algerien und Eritrea.

Es geht um 234 Fälle

Es gilt jedoch zu bedenken, dass nur solche Gutachten zur Prüfung vorgelegt werden, die Anlass für Zweifel geben. Der Wert von 40 Prozent bezieht sich auf die Zahl der in der Uniklinik Münster überprüften Fälle, nicht auf die Gesamtzahl aller Migranten und Migrantinnen in Deutschland. Insgesamt stellten die Rechtsmediziner in 234 Fällen ein Mindestalter von 18 Jahren fest.

Wenn Jugendämter oder Gerichte Zweifel an den Altersangaben Geflüchteter haben, können sie die Rechtsmedizin heranziehen: In einem sogenannten Drei-Stufen-Verfahren – mit Röntgenbildern des Handgelenks, des Kiefers und einer Untersuchung des Schlüsselbeins – kann ermittelt werden, ob das 18. Lebensjahr wahrscheinlich vollendet ist.

Zuvor hatte Focus Online über die Zahlen aus Münster berichtet. Die Studie wird ab Dienstag bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin in Hamburg vorgestellt.

"Es gibt für diese Untersuchungen keine medizinische Notwendigkeit"

Kritik am Vorgehen der Münsteraner Ärzte äußerten die Bundesärztekammer und Flüchtlingsinitiativen. Sie bezeichneten die Untersuchung als Eingriff in die körperliche und seelische Unversehrtheit. "Ich halte das Röntgen zur Altersfeststellung für Körperverletzung. Es gibt für diese Untersuchungen keine medizinische Notwendigkeit, dabei sollte die immer höchstes Gebot ärztlichen Handelns sein", sagte Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Ärztekammer in einem Interview der ZEIT.