Julian Kopmann ist Vater von drei Kindern und wohnt in Berlin-Mitte. Er hat nach dem Unfall mit vier Toten in seiner Nachbarschaft eine Petition gestartet, die mehr Verkehrssicherheit bringen soll. Innerhalb nur eines Tages haben bisher mehr als 6.500 Menschen unterschrieben.


ZEIT ONLINE: Herr Kopmann, warum haben Sie die Petition für sichere Schul- und Kitawege in Berlin-Mitte gestartet?

Julian Kopmann: An dem Abend des Unfalls haben wir sofort alle unsere Freunde gefragt, ob es ihnen gut geht. Wir wohnen in der Nähe und waren in Sorge, dass sie unter den Opfern sein könnten. Wir kannten die Getöteten nicht persönlich, trotzdem hat uns alles sehr mitgenommen. Am Morgen danach habe ich den Bezirksbürgermeister angeschrieben und ihn gefragt, wie man die Lage verbessern kann. Er hat mir immerhin einen Termin im Oktober angeboten. Ich habe dann trotzdem die Petition gestartet, weil ich selbst drei Kinder habe und möchte, dass sich möglichst bald die Situation hier verbessert. Politisch habe ich mich bisher überhaupt nicht engagiert. Und mit so viel Resonanz haben wir nicht gerechnet.

ZEIT ONLINE: Was genau fordern Sie?

Kopmann: Es geht darum, eine stark befahrene Straße, die der Schulweg von etwa tausend Kindern ist, einfach etwas zu beruhigen. Es muss auch das aggressive Fahrverhalten mancher Autofahrer gebremst werden. Das betreffende Gebiet sollte zeitnah in eine Tempo-30-Zone umgewandelt werden. Das kostet nicht viel Geld. Auch die Parkverbote sollten deutlicher gekennzeichnet werden, sodass die Autofahrer sie nicht ständig ignorieren. Mittelfristig sollte der Verkehr durch bauliche Maßnahmen so beruhigt werden, dass ein Tempolimit auch eingehalten wird.

ZEIT ONLINE: Warum sollte die Politik auf Ihre Petition eingehen?

Julian Kopmann © privat

Kopmann: Man kann genauso gut fragen, warum sollten Politiker auf Bürger hören, wenn nicht gerade Wahlen sind? Es gibt schlicht eine Bewegung in den städtischen Gebieten und nicht allein in Berlin, die direkt von den Anwohnern ausgeht. Sie wollen die städtischen Bereiche wieder zu lebenswerten Gebieten umwandeln. Das ist etwas anderes als die Frage des großen Klimawandels, den man natürlich auch angehen möchte. Aber viele wollen sich auch nicht mehr damit abfinden, dass man morgens auf dem Weg zur Schule oder Arbeit so hustet, weil die Feinstaubbelastung zu hoch ist, und trotzdem nichts passiert. Außerdem geschehen immer noch viel zu viele Unfälle gerade mit Fahrradfahrern, die sterben. Die Städte müssen insgesamt anders gedacht werden.

ZEIT ONLINE: Sind Sie dafür, SUV oder Autofahren generell in den Innenstädten zu verbieten?

Kopmann: Wenn es um kurzfristige Lösung geht: nein. Autofahren muss prinzipiell unattraktiver werden in den Städten. Wir können den Autoverkehr nicht ganz ausschließen, auch aus logistischen Gründen nicht. Gleichzeitig müssen aber der öffentliche Nahverkehr ausgebaut und durch die Digitalisierung mehr attraktive Angebote geschaffen werden, sodass die Leute einfacher auf andere Fortbewegungsmittel umsteigen können und es überflüssig wird, das Auto zu nutzen. Wenn das dann funktioniert und auch sozial gerecht ist, erst dann kann man über Verbote nachdenken.

ZEIT ONLINE: Wie ist Ihre persönliche Erfahrung im Berliner Straßenverkehr, geht es roher zu als anderenorts?

Kopmann: Ich bin seit 15 Jahren in Berlin und habe die Stadt als Fußgänger, Fahrradfahrer, Autofahrer und zuletzt auch als E-Scooter-Fahrer erlebt. Es kommt dabei oft zu gefährlichen Situationen. Man fühlt sich häufig bedrängt. Wenn ich mit meinen Kindern auf dem Bürgersteig unterwegs bin, bin ich ständig alarmiert, dass irgendetwas passieren kann. Aber ich würde dieses Gefühl nicht auf Berlin beschränken. Dasselbe erlebe ich, wenn ich durch München gehe oder durch Frankfurt, selbst in kleineren Städten.

ZEIT ONLINE: Es steht der Vorwurf im Raum, dass ein schrecklicher Unfall, dessen Ursache noch ungeklärt ist, jetzt politisch für die Verkehrswende instrumentalisiert wird. Was entgegnen Sie diesen Kritikern?

Kopmann: Die Kritiker haben vollkommen recht. Ich habe mir auch einige Gedanken gemacht, ob ich mit dieser Aktion an die Öffentlichkeit gehen soll, und mit Freunden darüber gesprochen. Aber so, wie ich den politischen Betrieb und die öffentliche Wahrnehmung verstehe, braucht es solche Ereignisse, so traurig das ist, um Dinge zu bewirken. Ich versuche die Aufmerksamkeit zu nutzen, um konstruktive Lösungen anzubieten. Politische Motive stehen für mich nicht im Vordergrund.