Karamba Diaby (SDP) ist seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages für den Wahlkreis Halle. Geboren und aufgewachsen in der Region Casamance im Südwesten Senegals, kam er im Jahr 1985 für sein Chemiestudium an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg nach Deutschland. 2009 wurde er in den Stadtrat von Halle gewählt. ZEIT ONLINE hat am Rande einer Gedenkveranstaltung nach dem Anschlag in Halle mit ihm gesprochen.

ZEIT ONLINE: Karamba Diaby, Sie haben Ihren Wahlkreis hier in Halle, sitzen seit 2013 im Bundestag. Wie haben Sie von dem Angriff erfahren?

Karamba Diaby: Ich verbringe viele Wochen in meinem Wahlkreis, so auch diese. Heute früh bin ich in mein Büro gefahren, es standen Bürgergespräche an. In der Straßenbahn erreicht mich plötzlich eine SMS meiner Tochter: Es gibt eine Schießerei in unserem Viertel.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Viertel?

Diaby: Ja, wir wohnen ganz in der Nähe der Synagoge. Ich bin dann gar nicht erst zu den Tatorten gefahren. Dort, wo die Polizei ihre Arbeit macht, muss man nicht noch als Schaulustiger herumstehen. Heute Abend bin ich zu der Mahnwache auf den Marktplatz gekommen. Hier geht es ums Gedenken, das liegt mir eher. 

ZEIT ONLINE: Wie gut kennen Sie die Synagoge in Ihrem Viertel?

Diaby: Ich bin oft genug dort und regelmäßig in Kontakt mit unserer jüdischen Community. Erst im Juni sind wir zum Marsch des Lebens gegen Judenhass mit einem Transparent durch Halle gezogen. 

ZEIT ONLINE: Wie groß ist das Ausmaß von Antisemitismus in Halle?

Diaby: Mir sind keine größeren Fälle von antisemitischen Angriffen bekannt. Es hat hier auch nie so starke rechte Bewegungen gegeben wie in anderen Städten. Was auch an der starken Zivilgesellschaft liegt, die hier immer dagegenhält. Man sieht sie heute Abend wieder, die 400 jungen Leute, die auf den Marktplatz gekommen sind, um Kerzen anzuzünden. Aber diese Leute müssen auch aufpassen, das Feld nicht den anderen zu überlassen.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Diaby: Die Mehrheit der Hallenser mag für eine offene und solidarische Gesellschaft stehen, für Demokratie und Toleranz, das ja. Aber sie müssen sich dringend mehr in den sozialen Medien zur Wehr setzen. Da ist aus meiner Sicht noch Luft nach oben.

ZEIT ONLINE: Warum gerade in den sozialen Medien?

Diaby: Weil dort die Grenze des Sagbaren überschritten, der Hass multipliziert wird. Wenn nur 400 Leute einen hetzerischen Kommentar liken, sehen das Zehntausende. Wenn Hass und Hetze dort verbreitet werden, und die Stimmen dagegen nicht laut genug sind, fühlen sich diese Leute bestätigt. Dann denken die: Wir sind die Mehrheit.

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, wer ist die Mehrheit?

Diaby: Wir Demokraten, eindeutig. Das hat man bei #unteilbar in Berlin gesehen, bei #wirsindmehr in Chemnitz. Die Demokraten sind mehr, sie müssen sich nur mehr in sozialen Medien zur Wehr setzen. Menschen, die allein und isoliert leben, können sich sonst dort radikalisieren. Der aggressive Ton dort wird dann zum Nährboden für Hass und Hetze. Er wird zum Vorspiel von Gewalttaten, wie wir sie heute erlebt haben.

ZEIT ONLINE: Wo bekommen Sie diesen Hass mit?

Diaby: Zum einen, wieder, in den sozialen Medien. Ich bekomme in letzter Zeit immer mehr negative, beleidigende, rassistische Kommentare. Zum anderen im Bundestag. Der Ton wird dort immer aggressiver und viele Reden gehen wiederum in sozialen Netzwerken viral. Es ist wichtig, dass wir Politikerinnen und Politiker da widersprechen. Allerdings ist das ja unser Job. Glaubwürdiger, noch effektiver, ist es, wenn die Bürgerinnen und Bürger widersprechen, wenn es jemand freiwillig tut.

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, wie stark wird dieser Tag Ihre Stadt verändern?

Diaby: Es gibt in Halle Stadtteile, in denen man sich jetzt umso mehr fragt: Kann ich mich hier noch sicher bewegen? Kann so etwas noch einmal passieren? Natürlich kann ich keinem Bürger hundert Prozent und rund um die Uhr garantieren, beschützt zu werden. Die Polizei muss jetzt besonders präsent sein. Sicherheit ist hier ein großes Thema.

ZEIT ONLINE: Am Sonntag wählen die Hallenser einen neuen Oberbürgermeister…

Diaby: … ich denke aber nicht, dass dieser Tag einen Einfluss darauf haben wird.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich gefragt, warum der Anschlag ausgerechnet in Halle an der Saale passierte?

Diaby: Wahrscheinlich ist es Zufall, dass es in Halle passierte. Das hat sich der Attentäter eben so ausgesucht. Man muss davon ausgehen, denke ich, dass so etwas überall passieren kann.