Angriffe, Beleidigungen, Anfeindungen, Einschüchterung, Gewalt und Sachbeschädigung von jüdischen Einrichtungen: Für Jüdinnen und Juden in Deutschland gehört Antisemitismus zum Alltag. Ein gezielter Anschlag wie in Halle durch einen mutmaßlich rechtsextremen Täter, bei dem mehrere Menschen getötet werden und noch viel mehr gezielt ermordet werden sollten, ist zum Glück selten – dennoch ist die Zahl der Angriffe, Anfeindungen und Bedrohungen für Menschen jüdischen Glaubens in der Bundesrepublik seit Jahren hoch.

Das zeigen Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA), das seit dem Jahr 2001 eine öffentliche Statistik über politisch motivierte Kriminalität führt. Demnach stiegen die antisemitischen Angriffe, die einen politischen Hintergrund hatten, von 1.691 Fällen im Jahr 2001 auf 1.799 im Jahr 2018 – das waren im Schnitt gut fünf Attacken pro Tag. Am wenigsten solcher Straftaten gab es im Jahr 2010, aber auch für dieses Jahr listet die Statistik 1.239 Straftaten auf.

Die Polizeistatistik zeigt auch: Bei den meisten Angriffen gibt es einen rechtsextremen Hintergrund. Demnach sind die meisten antisemitischen Gewalttaten rechts-motiviert. Das stellt auch der Expertenkreis Antisemitismus der Bundesregierung in seinem jüngsten Bericht fest.

Die Fallzahlen werden von den Polizeibehörden der Länder erhoben und über die Landeskriminalämter dem Bundeskriminalamt zur bundesweiten Erfassung und Auswertung übermittelt. Allerdings hat die Statistik einige Tücken. Zum einen handelt es sich nicht bei allen Taten um körperliche Gewaltangriffe wie etwa kürzlich in Bayern, als ein Mann einer Frau im Landkreis Rottal-Inn einen Stein an den Kopf warf, weil er sie hatte Hebräisch sprechen hören, oder wie in Berlin, wo ein junger Mann von einem Unbekannten mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde, weil er sich mit Freunden am frühen Morgen vor einer Disco auf Hebräisch unterhalten hatte.

Oft handelt es sich auch um Formen von Schändung und Beleidigung. Im August etwa bespuckte ein Mann einen Rabbiner und beleidigte diesen und dessen Familie vor einer Synagoge in München, im Juli warfen Unbekannte 30 Grabsteine auf dem örtlichen jüdischen Friedhof um und beschmierten sie mit Nazisymbolen.

Laut BKA-Statistik gab es im vergangenen Jahr 69 Gewaltangriffe mit einer politischen Hassmotivation auf Jüdinnen und Juden in der Bundesrepublik – das waren mehr als eine Tat pro Woche. Die Zahl ist leicht angestiegen. 2001 gab es 28 solcher polizeilich gemeldeten Angriffe, 2007 waren es 64. 

Polizeistatistik spiegelt Realität nicht wider, sagen Experten

Der Expertenkreis Antisemitismus der Bundesregierung verweist jedoch darauf, dass man diese Zahlen nicht eins zu eins auf die Realität übertragen darf, sondern von einer höheren Dunkelziffer ausgehen müsse. Auch der Zentralrat der Juden mahnt, dass antisemitische Vorfälle zunehmen und brutaler würden.

Tatsächlich kann die Polizei nur die Taten in ihrer Statistik aufführen, von denen sie selbst weiß – werden Vorfälle nicht angezeigt, können sie auch nicht in den offiziellen Daten auftauchen. Und manchmal werden Taten zwar erfasst, aber nicht als antisemitisch eingestuft. Denn das hängt von der Wahrnehmung und bestimmten Kriterien ab, die ein Problembewusstsein voraussetzen. "Es hängt letztlich von den Erfahrungen, der Sensibilität und dem thematischen Kenntnisstand der ermittelnden Beamten ab, ob eine antisemitische Straftat als solche erkannt und korrekt klassifiziert wird", heißt es hierzu in einem Bericht der Expertenkommission der Bundesregierung. Handelt es sich etwa um Schmierereien und kann kein Täter ermittelt werden, muss das Tatmotiv indirekt durch eine hypothetische Motivationsunterstellung erschlossen werden.

Und dann gibt es noch Probleme mit der Definition von Antisemitismus. Generell gilt Antisemitismus als eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber dieser Personengruppe ausdrücken kann. Dieser kann sich in Worten oder Taten entweder gegen jüdische Personen oder gegen deren Eigentum oder jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen richten. Es gibt aber auch antisemitische Angriffe, die sich gegen Nichtjuden richten. Insgesamt unterscheiden Expertinnen und Experten zudem fünf verschiedene Formen von Antisemitismus – den religiösen, sozialen, politischen, nationalen und rassistischen. Alle fünf Formen unterscheiden sich durch die Ideologie, die hinter dem Hass steckt. Mitunter gibt es Angriffe auf Jüdinnen und Juden, die eigentlich antiisraelisch motiviert sind. So stellt auch der Expertenkreis Antisemitismus fest, dass es einen Zusammenhang zwischen den polizeilich dokumentierten Fällen und etwa dem Israel-Palästina-Konflikt gibt.