© Simon Koy für ZEIT ONLINE
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Am Mittwoch haben sich bei "Deutschland spricht" rund 7.000 Menschen mit einem Nachbarn getroffen, der politisch ganz anders denkt. ZEIT ONLINE hatte gemeinsam mit fünf Medienpartnern zu der Aktion aufgerufen. Unsere Autorin hat eines der Gesprächspaare begleitet.

Die Befürchtung war natürlich, dass da jetzt so ein Klimaleugner kommt. Einer, der findet, dass Frauen an den Herd gehören und Greta Thunberg eine Marionette der Ökoindustrie ist. Einer, der für dreißig Euro nach Mallorca fliegen will, einmal im Jahr. Also: Das hatte Ivana befürchtet.

Sie sind direkt per du. Kai, Nachname Puhlmann, blaues Poloshirt, blaue Jacke, blaue Jeans, blaue Augen, 53 Jahre alt. Und Ivana, Nachname Paust, rote Cordjacke, dunkelgrüner Wollmantel, 23. Als hätten sie sich ihren Rollen entsprechend angezogen, als wäre das hier ein Theaterstück, in den Hauptrollen: der CSU-Mann und die links-grün-versiffte Studentin. Zwei, die sich in keiner Frage einig sind. Steuern auf Flugreisen? Er sagt nein, sie sagt ja. Sind Frauen gleichberechtigt? Er sagt ja, sie sagt nein. Auch sonst, alle sieben Fragen, die man beantworten musste, um bei Deutschland spricht einen Gesprächspartner mit politisch anderer Meinung zu finden – Fragen zu Migration, Russland, Ostdeutschland –, haben sie unterschiedlich beantwortet. Und Hobbys? Er liegt nach der Arbeit am liebsten auf der Couch. Sie spielt Geige, seitdem sie vier Jahre alt ist. Das kann ja heiter werden.

Der erste Kompromiss ist ein Biergarten, der auf halber Strecke zwischen ihren Münchner Vierteln Sendling und Laim liegt, in einem Park, drumherum Neubaugebiet. Sie waren beide noch nie hier, er ist nicht so der Typ zum Ausgehen, Ivana hat den Ort auch nur gegoogelt, sagt sie.

Natürlich fängt sie an, sie, die 30 Jahre jünger ist. "Willst du von dir erzählen?", fragt sie, und er sagt, dass er Ausbilder in der Kfz-Branche ist, ehrenamtlich nimmt er noch Prüfungen ab, nach der normalen Arbeitszeit, das sind dann zehn, zwölf Stunden am Tag, vier Uhr aufstehen, morgen hat er sich freigenommen. Ach ja, und: Er fährt nie weit weg in den Urlaub, höchstens zu seinen Eltern nach Niedersachsen oder zu seiner Schwester nach Berlin, weil er Deutschland schön findet. Deutschland reicht ihm.

Der erste Kompromiss: Kai Puhlmann und Ivana Paust treffen sich in einem Biergarten zwischen ihren Wohnvierteln. © Simon Koy für ZEIT ONLINE

Dann sie: Studentin, hat Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, kann also Menschen, die neu nach Deutschland kommen, Deutsch beibringen. Im Master hat sie das Fach gewechselt, aber das sagt sie nicht einfach so, sie sagt: "Ich habe gemerkt, es zieht mich immer so ein bisschen in die soziologische Richtung, und jetzt studiere ich Soziologie." Wohnt mit ihrem Freund und noch zwei anderen Leuten in einer WG. Er nickt, er wird meistens nicken.

Unsere Gesellschaft besteht aus vielen Menschen, die unterschiedlich alt sind und unterschiedlich denken, aber zwischen keinen zwei Gruppen gibt es so großen Zwist wie zwischen älteren Männern und jüngeren Frauen. Christian Lindner gegen Greta Thunberg, Jan Fleischhauer gegen Margarete Stokowski, Horst Seehofer gegen Sawsan Chebli, das sind die neuen Fronten, an denen der große Kampf gekämpft wird: Realpolitik gegen Idealismus, Vergangenheit gegen Zukunft, Abwarten gegen Demonstrieren. Und auch: die, die Macht haben, gegen die, die Macht fordern.

"Wollen wir uns auf ein, zwei Themen einigen?", fragt sie, Gleichberechtigung und Flugreisen, und er sagt: "Keine Einwände." Sie fangen mit Flugreisen an, weil das vielleicht "noch das angenehmste Thema" ist.