Weltweit organisiert die Klimaschutzbewegung Extinction Rebellion Proteste und Blockaden. In London wurde der Gründer der Gruppe, Roger Hallam, im September kurzzeitig festgenommen, weil er plante, mit Drohnen einen Flughafen lahmzulegen. In Berlin haben die Aktivistinnen am Mittwoch die Marschallbrücke mitten im Regierungsviertel besetzt, die für viele Arbeitnehmer im Bundestag und im Kanzleramt eine wichtige Verbindung darstellt.

Ist das eine angemessene Form des Protests gegen das beschlossene Klimapaket der Bundesregierung? Oder gehen die Demonstranten zu weit? Kritiker werfen der Bewegung vor, kontraproduktiv zu handeln: Zum einen leide die Bevölkerung unter Verkehrsblockaden – und nicht nur die Entscheider, an die Extinction Rebellion appellieren will. Zum anderen sorgen sich Menschen, radikale Proteste könnten Rechtspopulisten Argumente liefern, um den Einsatz für den Klimaschutz zu diskreditieren. Unsere Community ist zwiegespalten.

Es gibt schon längst Opfer der Klimapolitik

"In der Politik geht es um Macht. Macht impliziert die Anwendung einer Gewalt, ob nun legitimiert oder auch nicht. Wir statten unsere Regierung mit Macht aus, damit sie zu unserem Wohl handelt.

Im Fall des Klimaschutzes ist dieses Handeln aber schon viel zu lange unterblieben, was auch eine Gewalt beinhaltet: nämlich die Gewalt gegen die Opfer der Klimapolitik. Das mögen in erster Linie Menschen sein, die nicht gerade um die Ecke wohnen, beispielsweise die Bewohner zahlreicher Pazifikinseln, die von der Überschwemmung bedroht werden. Das sind aber auch wir, wenn unsere Felder im Sommer verdorren oder im Frühjahr absaufen. Das ist eine massive Gewalt.

Die total harmlose Gegengewalt der Demonstranten, die mal einen Nachmittag den Verkehr blockieren, soll jetzt kontraproduktiv sein, weil sie angeblich rechten Spinnern in die Arme spielt? Sorry, das ist weltfremd." User/in BPecuchet

Extinction Rebellion hat verstanden, dass es mehr als Demos benötigt.
User/in Unverblümt

Klimapolitik ist eine Frage der Verteilung von Reichtum

"Gerade weil es um viel mehr geht als das Klima, reagiert die Politik so zögerlich bis gar nicht. Klimapolitik ist unweigerlich auch eine Frage der Verteilung von Reichtum und Macht. Genau darum geht es. Das wissen die Politiker und die weltweit agierenden Konzerne und ihre Profiteure. Das alberne, kontraproduktive Klimapacketchen der Bundesregierung zeigt noch nicht einmal den Ansatz einer notwendigen Transformation, denn die Geschäftsmodelle der Konzerne und Unternehmen dürfen nicht gestört werden.

Die Politiker wollen und tun das, was sie immer tun. Ein Placebo dort, ein Placebo da, wohlwollende warme Worte. Verständnis zeigen, aber die Proteste aussitzen und abwarten. Die Lage wird sich schon beruhigen.

Extinction Rebellion verdient meinen vollsten Respekt. Sie haben verstanden, dass es mehr als Demos benötigt. Sie haben die Schnauze einfach voll von scheinheiligen Politikern, die nur die Interessen der Mächtigen vertreten und ansonsten im Tiefschlaf sind." User/in Unverblümt

Verstörende Symbolik

"Ich bin skeptisch. Störend finde ich unter anderem die Symbolik: Das Sanduhr-Zeichen im Kreis erinnert mich tatsächlich an sektenartige Vereinigungen oder totalitäre Systeme, an eine verschworene Gemeinschaft, bei der der normale Bürger ausgeschlossen wird, wenn er sich nicht anpasst.

Erstaunlich ist, wie schnell die Bewegung gewachsen ist und sich organisiert hat. Wie man auf der Webseite von Extinction Rebellion sieht, funktioniert alles über regionale Gruppenbildung. Ich glaube kaum, dass die Aktionen der Gruppe bereits das Ende der Klimabewegungen markieren. Es werden sich wohl auch noch radikalere Gruppen herausbilden. Individueller Klimaschutz ist möglich, die Extinction Rebellion polarisiert meiner Meinung nach zu sehr, um breitenwirksam zu sein. Andererseits ist es aber auch gut, dass Leute für ihre Ziele wieder auf die Straße gehen." User/in Nyuto

Wenn massenhafter friedlicher Protest von den Mächtigen ignoriert wird, welches Mittel hilft dann – wenn nicht lauter, unbequemer und verstörender Protest?
User/in AndersGut

Wenn das Klima kippt, kippt auch die Demokratie

"Die Demokratie wegen des Klimaschutzes zu diskreditieren, ist brandgefährlich. Die lauschige Lobbypolitik der aktuellen Regierung ist es leider auch. Sie zementiert das Misstrauen in die Demokratie, indem sie Hunderttausende Menschen, die klare Veränderungen fordern, ignoriert. Wenn das Klima kippt, kippt auch die Demokratie. Weltweite Konflikte werden zunehmen und Massenfluchtbewegungen kaum zu verhindern sein, wenn Länder im Meer versinken, Wüsten sich ausbreiten, Klimazonen sich verschieben. 

Die Frage lautet: Wenn massenhafter friedlicher Protest von den Mächtigen ignoriert wird, welches Mittel hilft dann – wenn nicht lauter, unbequemer und verstörender Protest? Die Regierenden sollten das Thema endlich ernst nehmen und der Lobby wehtun, anstatt den Protest zu ignorieren." User/in AndersGut

Was sollen die denn sonst fordern?

"Ich kann an XR nichts Schlimmes finden. Dort geht es friedlich zu, die Sache an sich stimmt. CO2-Neutralität bis 2025 ist zwar illusorisch, aber wie bei jeder guten Verhandlung muss man eben mit etwas überhöhten Forderungen beginnen. Was sollen die sonst fordern? CO2-Neutralität bis 2050 nach besten Bemühungen? Das haben wir ja schon.

Was sind denn die Alternativen? Was hilft denn? Darauf achten, dass man Klimaleugnern und Rechten keine Argumente liefert? Die erfinden ihre Argumente, selbst wenn man ihnen keine liefert. Nur dank Fridays For Future und Extinction Rebellion redet heute überhaupt ein relevanter Teil der Bevölkerung über die Ernsthaftigkeit der Lage." User/in RagnarRagnarsson