Peter Coleman leitet an der Columbia-Universität in New York das Difficult Conversations Lab, das weltweit einzige Labor, in dem erforscht wird, wie man richtig streitet. Hunderte Menschen hat der Psychologe dort bereits über schwierige Themen streiten lassen: über die Todesstrafe, über Abtreibung, über Sterbehilfe. Einige Gespräche eskalierten, andere liefen erstaunlich konstruktiv. Coleman und sein Team interessiert die Frage: Was unterscheidet die eine Sorte Gespräch von der anderen? Zum Interview bittet der Wissenschaftler in ein schmales Büro mit vielen Büchern. Er hat rund zwei Stunden Zeit. 

ZEIT ONLINE: Ende Oktober werden sich in Deutschland Tausende Menschen in einer Situation wiederfinden, die Sie im Labor hier in New York seit vielen Jahren untersuchen. Sie werden bei Deutschland spricht ein kompliziertes Gespräch mit einem Menschen führen, der die Welt ganz anders sieht. Was raten Sie den Leuten?

Peter Coleman: Die Teilnehmer sollten sich zuallererst fragen: Was ist mein Ziel? Was erhoffe ich mir von dem Gespräch?

ZEIT ONLINE: Warum sind diese Fragen wichtig?

Coleman: Weil die Antworten darüber bestimmen, was für ein Gespräch Sie führen werden. Es macht einen großen Unterschied, ob Sie die andere Person von ihrer Meinung überzeugen wollen oder ihr sagen, dass Sie verrückt ist, weil sie eine bestimmte Auffassung vertritt. Oder aber, ob Sie wirklich der Frage Aufmerksamkeit schenken, was mit Ihnen beiden gerade geschieht, was Sie gemeinsam haben und wie Sie in diese Situation geraten sind. Je nachdem, was sie anstreben, laufen völlig unterschiedliche Gehirnprozesse ab.

ZEIT ONLINE: Kann man sich wirklich bewusst für das eine oder andere entscheiden? Die meisten Gespräche entwickeln sich doch im Lauf der Zeit.

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Coleman: Als Wissenschaftler betrachten wir Gespräche als komplexe Systeme. Und was wir über komplexe Systeme gelernt haben, ist, dass Anfangsbedingungen eine große Rolle spielen. Mit welchen Hoffnungen gehen die Menschen in das Gespräch? Wie beginnt es? Wie ist der Gesprächston? Unsere Forschung im Labor zeigt: Der emotionale Ton, den wir in den ersten Minuten anschlagen, kann darüber bestimmen, wie sich ein Gespräch über eine ganze Stunde entwickelt. Interessanterweise ähneln sich hier die Studienergebnisse für moralische Konflikte und Ehen. In beiden Fällen kommt es auf die Weise an, wie wir zu Beginn kommunizieren. 

ZEIT ONLINE: Bei Deutschland spricht bekommen die Teilnehmer vorher die Antworten des anderen zu sehen, außerdem Antworten auf ein paar persönliche Fragen wie: "Was mögen Sie gar nicht?" Ist es wichtig, was die Gesprächspartner vor dem Gespräch voneinander denken?

Coleman: Es gibt dazu einen interessanten Befund aus der Forschung über Langzeitkonflikte: Menschen, die glauben, dass sich andere Menschen ändern können, sind eher bereit, auf ein Gespräch einzugehen. Wenn ich hingegen annehme, dass die andere Seite sich niemals ändern wird, dann klinke ich mich eher aus oder versuche, die Debatte schlicht zu gewinnen. Dahinter steht eine noch größere Frage: Können sich erwachsene Menschen überhaupt verändern? Wenn Sie glauben, dass das unter bestimmten Bedingungen möglich ist, sind Sie eher bereit sich für ein Gespräch zu öffnen, das fruchtbar ist.

ZEIT ONLINE: Helfen Emotionen im politischen Gespräch oder sollte man alles tun, um sie zu vermeiden?

Coleman: Das kommt auf die Emotion an. Viele Menschen empfinden in Konfliktsituationen Angst. Sie sind überwältigt von der Situation oder fühlen sich angegriffen. Die Frage, auf die es jetzt ankommt und die uns auch im Labor beschäftigt, lautet: Wie reagieren die Menschen auf diese Angst? Da sehen wir große Unterschiede. Manche werden sehr emotional und reden viel, andere werden still und nachdenklich. Beides ist für ein Gespräch dann problematisch, wenn es zu extrem wird. 

ZEIT ONLINE: Woran scheitern Gespräche in Ihrem Labor am häufigsten?

Coleman: Es gibt viele Gründe. Der wichtigste Effekt hat aber damit zu tun, wie wir das Gespräch framen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Coleman: Wir haben für eine Studie in München Menschen zusammengebracht, die unterschiedlich über ein Thema dachten, das ihnen wichtig war, etwa über Abtreibung. Der einen Gruppe von Teilnehmern legten wir ein Pro und Kontra vor, also zwei Plädoyers für die eine und die andere Position. Der anderen Gruppe legten wir einen Text vor, der im Kern sagte: Sehen Sie, hier ist ein komplexes Problem, es gibt rechtliche, religiöse, politische Dimensionen, das spricht für die eine Position, das für die andere.

ZEIT ONLINE: Ein abwägender Text.

Coleman: Ja. Anschließend baten wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, über das Thema zu diskutieren. Die Gruppe, die das Pro und Kontra zu lesen bekommen hat, tendierte dazu, nur die Seite der Argumente zu verarbeiten, der sie ohnehin zugeneigt war. Die Argumentation fühlte sich für sie besser, logischer an. Der Befund war: Wenn wir Leuten Pro- und Kontraargumente an die Hand geben, bereiten wir sie eher auf eine Debatte vor. Wir verstärken ihre ursprünglichen Meinungen. Wir schaffen Bedingungen, in denen Gespräche tendenziell schlechter werden. Als wir die Gruppe anschließend baten, ein gemeinsames Statement zu verfassen, waren die wenigsten Teilnehmer dazu in der Lage. 

ZEIT ONLINE: Und die andere Gruppe hatte ein besseres Gespräch?

Coleman: Ja. Die Art und Weise, wie wir die Informationen präsentierten, veränderte nicht nur, wie die Teilnehmer über die Streitfrage dachten. Die Teilnehmer fühlten auch anders und gingen anders miteinander um. Sie stellten mehr Fragen, vertraten ausgewogenere Positionen, waren offener dafür, den anderen zu verstehen. Das ist der wichtigste Effekt, den wir in Studien sehen: Wenn Sie ein Thema haben, das starke moralische Konflikte auslöst, hilft es, Komplexität hinzuzufügen.

ZEIT ONLINE: Komplexität hinzufügen – das klingt auch etwas komplex. Was kann der normale Mensch daraus für den Gesprächsalltag lernen? 

Coleman: Es gibt viele Wege, Komplexität in unsere Gespräche und Beziehungen zu bringen. Es gibt da einen Fall, von dem ich oft erzähle. In Boston gibt es eine lange Geschichte von Auseinandersetzungen zwischen Abtreibungsgegnern und -befürwortern. In den Neunzigerjahren eskalierte der Konflikt, 1994 gab es eine Schießerei in einer Abtreibungsklinik. Jeweils drei Frauen aus der Gruppe der Abtreibungsgegnerinnen und drei Frauen aus der Gruppe der Befürworterinnen stimmten daraufhin zu, sich heimlich vier Mal zu treffen, um einen Dialog zu beginnen. Die Frauen verabscheuten sich und haben sich vorher höchstens im Fernsehen gesehen.