Wenn man die Shell-Jugendstudie 2019 in zwei Worten zusammenfassen müsste, dann wären sie: stabile Verhältnisse.

Seit 66 Jahren werden alle vier Jahre Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 25 Jahren befragt, unter welchen Bedingungen sie leben, wie sie ihre Zukunft sehen, was ihnen wichtig ist, was sie über Politik denken, über Familie und Religion. 2015 überraschten die Autoren der Studie mit ihren Prognosen darüber, dass die für so unpolitisch gehaltene Generation Jugendlicher sich nach eigener Aussage doch engagieren will.

2019 ist diese Erkenntnis mehr als stabil: Seit über einem Jahr geht die Fridays-for-Future-Bewegung für mehr Klimaschutz auf die Straße und mit Greta Thunberg hat ein einzelner Teenager aus Schweden weltweit ihre Generation und deren Eltern mobilisiert. Es liest sich also als eine schöne Bestätigung der Prognosen von 2015, dass eine der zentralen Erkenntnisse der Studie nun ist, dass 71 Prozent der Jugendlichen Angst vor der Umweltverschmutzung haben und immerhin 41 Prozent sich für Politik interessieren.

Doch auch in den sozialen Beziehungen legen Jugendliche Wert auf Stabilität: Generationen von Teenagern waren davon geprägt, dass sie alles anders machen wollten als ihre Eltern. Die Generation heute braucht diese Abgrenzung nicht: Väter und Mütter sind Erziehungsvorbilder (69 Prozent), 84 Prozent der 12 bis 21-Jährigen leben mit ihren Eltern zusammen, 90 Prozent "kommen klar" mit ihren Eltern. 

Sozial Abgehängte sind empfänglich für populistische Parolen

Also alles gut?

Nein. Denn noch etwas anderes bleibt stabil: die Spaltung der Jugendlichen. "Es gibt eine starke Differenzierung nach sozialer Herkunft", betont Mathias Albert, einer der Autoren der Studie. Das heißt: Die ohnehin Politisierten werden noch etwas stärker politisiert. Die aber, die kein Vertrauen darin haben, dass sie etwas ändern können, werden empfänglicher für populistische Parolen und Verschwörungstheorien. Je prekärer die Verhältnisse sind, desto zögerlicher stimmt eine Jugendliche oder ein Jugendlicher der Aussage zu, dass es gerecht zugeht.

Bessere Bildung dürfte daran sobald nichts ändern: So ist es bei Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern nur halb so wahrscheinlich, dass sie das Abitur schaffen (39 Prozent) wie bei Jugendlichen aus bildungsnahen Elternhäusern (81 Prozent).

Und eine andere Aussage legt nahe, dass die Spaltung der Geschlechter ebenso stabil bleiben könnte, wie sie es bei den Älteren noch ist: Die Mehrheit der jungen Frauen will, wenn sie eine Familie gründet, beruflich zurücktreten. Befragt danach, wie sie sich ihr Leben mit Partner und einem zweijährigen Kind vorstellen, wünschte sich die Hälfte der Frauen in West und Ost, dass ihr Partner in Vollzeit arbeiten solle, während sie selbst in die Teilzeit gehen.

Auch diese Entwicklung zu klassischeren Familienmodellen ist schon länger zu beobachten. Bleibt die Frage, ob die jungen Frauen wirklich mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen und möglicherweise das Modell ihrer Eltern reproduzieren. Oder ob sie vielleicht einfach nur kein Vertrauen darin haben, dass ihr Partner die Verantwortung der Erziehung übernehmen könnte und würde. Hier waren sich die Autoren bei der Präsentation nicht ganz einig. Erleben wir hier nur eine Zwischenphase der Re-Traditionalisierung? Oder gibt es bei jungen Frauen größere Unsicherheiten, was ihre Gestaltungsmöglichkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf betrifft?

Die Ergebnisse der Shell-Studie 2019 zeigen also eine Sehnsucht nach Stabilität. Ist damit eine Bestätigung der Welt gemeint, die wir gerade erleben? Oder eher eine Angst davor, das es noch schlimmer kommen könnte? Klar ist: Die Politik muss sich vor allem um die Jugendlichen kümmern, die sich heute bereits abgehängt fühlen. Denn nicht die Jugend als solche ist politisiert wie je, sondern ihre Elite ist es. Wenn gleichzeitig 68 Prozent der Jugendlichen der Aussage "In Deutschland darf man nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden" zustimmten und 53 Prozent der Meinung sind, dass die Regierung sie belügt, dann besteht dringender Handlungsbedarf.