Andreas Kalbitz hat längst Übung darin, auf immer neue Enthüllungen aus seiner Vergangenheit zu reagieren. Er habe "keine rechtsextreme Biografie", verteidigt sich der brandenburgische AfD-Chef. Allein aus Neugier sei er als junger Mann zu Neonazi-Treffen gereist, weil ihn das "mal generell interessiert" habe. Seine mannigfaltigen Verbindungen in die extrem rechte Szene tut der Politiker als "Bezüge aus der Vergangenheit" ab.

Währenddessen hatte die von Kalbitz heute geleitete AfD-Fraktion in Potsdam in ihrer Presseabteilung einen jungen Mann beschäftigt, der als rechtsextremer Liedermacher im Landes-Verfassungsschutzbericht 2018 erwähnt wird. Ein Pressereferent der Fraktion ging früher bei der NPD-Jugend ein und aus.

Wäre Kalbitz die Abgrenzung seiner Person und seiner Partei nach rechts außen wirklich wichtig, er hätte Personalien wie diese als Fraktionschef verhindern können. Doch offenkundig sieht der frühere Zeitsoldat keine Notwendigkeit dazu. Bisher haben auch die Stationen seiner Vita oder sein relativierender Umgang damit seinen Aufstieg in der AfD nicht gebremst.

Wenn die Delegierten der AfD auf ihrem Bundesparteitag am kommenden Samstag in Braunschweig einen neuen Parteivorstand wählen, müssen sie sich unweigerlich der Frage stellen, wie viel Nähe zur extremen Rechten sie bei Vorstandsmitgliedern zu dulden bereit sind. Denn Kalbitz will wiedergewählt werden.

Der 47-Jährige ist einer der wichtigsten Strategen des völkischen Flügels innerhalb der AfD, der vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall geführt wird. Er kam 2017 als Beisitzer in den Bundesvorstand, mit seiner Doppelfunktion als Partei- und Fraktionschef in Brandenburg gilt er als mächtigster Mann der AfD im Osten.

Dass seither immer neue Verbindungen Kalbitz' nach ganz rechts außen bekannt wurden, konnte ihm bislang nichts anhaben – im Gegenteil: Die Parteispitze nimmt ihn sogar in Schutz. Kalbitz sei "genauso bürgerlich wie ich selbst", sagte erst kürzlich der frühere CDU-Politiker und heutige AfD-Chef Alexander Gauland.

Doch gibt es überhaupt eine rote Linie, ab der die Partei einen Bewerber für den Parteivorstand wegen seiner früheren Verbindungen zu verfassungsfeindlichen Gruppen ablehnen würde?

Offiziell distanziert sich die AfD von jeglichem Extremismus. Sie hat eine 13 DIN-A4-Seiten lange Liste mit Organisationen beschlossen, deren Mitglieder nicht in die Partei aufgenommen werden dürfen. Auf der Liste steht die in Teilen als rechtsextremistisch eingestufte Junge Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO), zu der Kalbitz Kontakt hatte, als sie noch unter dem Namen Junge Landsmannschaft Ostpreußen auftrat. Oder die 2009 verbotene Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ), bei der Kalbitz ein Treffen besuchte. Diese auf den ersten Blick klare Abgrenzung existiert jedoch nur auf dem Papier. Denn die Unvereinbarkeit wird im Parteialltag streng formal ausgelegt: Solange einem AfD-Funktionär keine Mitgliedschaft in einer der aufgeführten Gruppen nachgewiesen wird, sieht die Parteiführung auch kein Problem. Kalbitz sieht sich aus einem anderen Grund nicht an die Liste gebunden: "Mein Eintritt war 2013, in der Anfangsphase der Partei", sagt er. "Damals gab es auch noch keine Unvereinbarkeitsliste."

Andreas Kalbitz (l.) und Hans-Ulrich Kopp 1994 in Diksmuide/Belgien © SWR/​Screenshot ZEIT ONLINE

Die Abgrenzung zum rechtsextremen Spektrum ist der AfD-Spitze jedenfalls offenkundig kein Herzensanliegen. Anders ist ihr Verhalten gegenüber Kalbitz nicht zu interpretieren. Vor wenigen Wochen erst berichtete der Spiegel unter Berufung auf Unterlagen des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), dass Kalbitz 1999 und 2000 ein alljährliches Treffen flämischer Nationalisten in Belgien besucht habe. Damals war der Mittzwanziger als Fallschirmjäger bei der Bundeswehr.

Bilder aus einem Beitrag des SWR, die ZEIT ONLINE vorliegen, dokumentieren nun, dass der gebürtige Münchner sogar bereits deutlich früher als bisher bekannt an diesen Wallfahrten nach Flandern teilnahm: Schon  1994 – dem Jahr seines Einstiegs bei der Bundeswehr – reiste Kalbitz nach Diksmuide, wo sich damals Zehntausende Nationalisten, Rechtsradikale und Neonazis aus mehreren Ländern trafen, um gefallener Kämpfer aus dem Ersten Weltkrieg zu gedenken und Kränze niederzulegen.